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    Vermessung der Fiktion

    Wie bereits aus dem Titel ersichtlich, sind sämtliche in diesem Roman auftauchenden Figuren vom Erzähler frei erfunden. Namensähnlichkeiten wären reiner Zufall.“ Diese Erklärung stellt Frank Witzel seinem Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ (2015) voran. Alles also Lüge? Mit nüchternem Blick betrachtet, müsste man zustimmen.

    „Gute Literatur will zum Nachdenken anregen“: Die Auswahl an fiktiven Stoffen ist riesig. Manchmal lernt man bei der unt... Foto: dpa

    Wie bereits aus dem Titel ersichtlich, sind sämtliche in diesem Roman auftauchenden Figuren vom Erzähler frei erfunden. Namensähnlichkeiten wären reiner Zufall.“ Diese Erklärung stellt Frank Witzel seinem Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ (2015) voran. Alles also Lüge? Mit nüchternem Blick betrachtet, müsste man zustimmen.

    Die geschwätzige, doch unter literarischen Gesichtspunkten von Witzel einfach nur grandios konstruierte Lebensbeichte des namenlosen Erzählers stimmt in vielerlei Hinsicht nicht mit der Wirklichkeit der damals geschehenen Ereignisse überein. Das biedere Logo des Turnvereins Biebrich als Ausgangspunkt für das RAF-Symbol? Allzu abstrus. Haarsträubende Abenteuer der kleinstädtischen Teenagerbande mitsamt spektakulärer Flucht vor der Polizei? Schwer vorstellbar, aber doch im Rahmen des Möglichen. Könnte man überhaupt mit einer Wahrscheinlichkeit rechnen, dass der Protagonist mit der späteren Terroristin Birgit Hogefeld zusammen Orgelunterricht gehabt hätte? Ja, das wäre theoretisch sehr wohl möglich gewesen, wenn auch die Wahrscheinlichkeit dafür eher bescheiden.

    Und eben diese wahrscheinliche, spielerisch erzählte Unwahrscheinlichkeit von Ereignissen rechtfertigt die Entscheidung der Jury des Deutschen Buchpreises so sehr. Witzels innovative Herangehensweise an die Schreckensjahre der 1970er-Dekade macht dieses Werk so spannend und trotz seiner über achthundert Buchseiten kurzweilig: „Ich möchte die Realität als Realität denunzieren“, erklärt Witzel seine Intention. Doch auch das: Witzel folgt den Protagonisten in deren Phantasiewelt, in die tiefen Abgründe, die wohl in jedem von uns lauern. Er schafft mit „Die Erfindung der Roten Armee …“ eine Alternativgeschichte, wie es in der Historie hätte kommen können, wenn es anders gekommen wäre. Er dreht nur die Rädchen in unserem geschichtlichen Kollektivbewusstsein ein wenig anders und erschafft so einen Gegenmythos, der unsere mythologische Geschichtsschreibung, die den Terror der RAF verharmlost, weil sie ihn eben selbst ins Reich des Mythischen verlagert, wiederum entmythologisiert. So destruiert Witzel unser wiederum auch nur konstruiertes Geschichtsbild und schafft dadurch einen Rahmen für das Bild unserer dekonstruierten postmodernen Welt. Und das alles unter der Bedingung, dass das Erzählte weder notwendig noch wirklich ist, aber durchaus möglich.

    Auch ein anderes literarisches Werk, das den Erfindergeist bereits im Titel trägt, ist nichts weiter als die pure Fiktion: Die „Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm. Als er diese vollkommen erfundene Novelle 1993 auf den Büchermarkt warf, konnten weder Timm noch der Verlag ahnen, welche kuriose Entwicklung die Rezeptionsgeschichte nehmen sollte. Die energische Hamburger Geschäftsfrau Lena Brücker, so wird darin erzählt, habe aus der Not heraus der Currywurst zur Geburt verholfen. Die Anfälligkeit für Gründungsmythen – und sei es auch nur der eines Schnellgerichtes – war auch unter Großstädtern des ausgehenden 20. Jahrhunderts noch so groß, dass infolgedessen ernsthafte und lang anhaltende Debatten in den Boulevardmagazinen von Berlin und Hamburg geführt wurden, welcher Stadt nun der Ehrentitel des Ursprungsortes der Currywurst zu Recht gebührte. Dieses Hin und Her gipfelte darin, dass der damalige Innensenator von Hamburg, Ronald Schill, sogar eine Gedenktafel für Lena Brücker an einem Haus am Großneumarkt anbringen ließ als Reaktion auf die Berliner Gedenktafel, die Herta Heuwer als die „Erfinderin der Currywurst“ proklamierte. Auch wenn die Hamburger Ehrung mittlerweile wieder entfernt wurde, so zeigt dieser Fall doch, wie sehr die mit erzählerischen Mitteln geschilderte Geschichte mit der wahren Geschichte verwechselt werden kann. Das Narrative verfestigt sich so zu einer sozialen Tatsache und hinterlässt auch im wirklichen Leben seine Spuren.

    Zurück zu Witzels „manisch-depressiven Teenager“: Am Ende steht der Wahn, der den jungen Mann immer weiter ins Reich der Märchen treibt und so auch in die Ausweglosigkeit der Depression. „Im Wahn findet alles gleichzeitig statt, erlebe ich parallel die ganze Historie meines Lebens und das, was an beiden Seiten über sie hinauslappt. Ich tauche gleichermaßen in das Dunkel meiner Geburt wie das meines Sterbens ein, und jede Handlung zersplittert in ein unendliches Kaleidoskop von Möglichkeiten.“

    Den Fall in den Wahn schildert auch Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) in seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ von 1774. Die Raserei endet bei Goethe jedoch mit dem Tod des Protagonisten, der aus einem übersteigerten Begehren heraus sein Lebensglück finden wollte. Im Rückblick auf die Suizidrate, die infolge der Lektüre in Kreisen junger Männer ausbrach, notierte Goethe: „Wie ich mich nun aber dadurch erleichtert und aufgeklärt fühlte, die Wirklichkeit in Poesie verwandelt zu haben, so verwirrten sich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln, einen solchen Roman nachspielen und sich allenfalls selbst erschießen; und was hier im Anfang unter wenigen vorging, ereignete sich nachher im großen Publikum, und dieses Büchlein, was mir so viel genützt hatte, ward als höchst schädlich verrufen.“ Auch wenn Fachhistoriker mittlerweile davon ausgehen, dass sich weniger als hundert Jugendliche infolge der Goetheschen Geschichte vom unglücklich liebenden Edelmann inspirieren haben lassen, so bleibt doch wenigstens der „Werther-Effekt“ als eine Begrifflichkeit der Soziologie bestehen, die einen kausalen Zusammenhang von medialer Berichterstattung über Suizid und der damit einhergehenden Steigerung der Suizidrate annimmt. Literatur weist immer auch gefahrenträchtige Züge auf.

    Aber die Melancholie begleitet die Literatur schon wesentlich vor dem Konsum der Leser: Dass das Denken traurig mache und damit natürlich auch das Ausdenken von Geschichten, davon ist der Oxforder Komparatistik-Professor George Steiner überzeugt. „Die Sprache, so ließe sich sagen, steht dem monochromen Ideal der Wahrheit feindselig gegenüber. Sie ist mit Mehrdeutigkeit, vielstimmiger Gleichzeitigkeit gesättigt. Sie erfreut sich an phantastischen Schöpfungen, hoffnungs- oder zukunftsträchtigen Konstruktionen, für die es keinerlei Belege gibt.“ Die Logik der Erzählung ist nicht einfach mit der mathematischen Logik gleichzusetzen. Das macht sie so faszinierend und deswegen finden wir Asketen der Phantasie so langweilig und lassen uns lieber einen Bären aufbinden. Vom reinen Wein der Wahrheit kann man sich nur sehr selten berauschen lassen.

    Die Möglichkeit zur Lüge, zum Ausgedachten, ist nur dem Menschen eigen, kein Tier ist dazu imstande. Dabei deckt das Böse, wie wir es gewöhnlich mit der Lüge assoziieren, nur einen kleinen Teil von dem ab, was wir „Lüge“ nennen. Auch hierzu wieder Steiner: „Menschliche Wesen können ohne das, was Ibsen ,Lebenslügen‘ nennt, nicht überdauern. Ein auf logische, bevorzugt nonverbale Aussagen oder auf beweisbare Tatsachen beschränktes Denken käme dem Wahnsinn gleich. (…) Wir erfinden alternative Seinsweisen, andere Welten – seien sie utopisch oder infernalisch. Wir erfinden die Vergangenheit und erträumen die Zukunft. Doch wie unentbehrlich, wie pracht- und kraftvoll diese Gedankenexperimente auch sein mögen, sie bleiben Fiktionen.“

    Ohne Fiktionen zu leben, ist unmöglich; mit Fiktionen zu leben, will gelernt sein. Dessen war sich niemand Geringerer als der große Aristoteles gewiss: Der Mensch sei nicht nur ein soziales Tier, sondern auch dasjenige Tier, das immerzu nachahmt. Mit der Mimesis fanden bis ins 20. Jahrhundert hinein die Menschen ihren Weg ins Reich der Poesie. Literatur zu lesen hieß dann, dem noch nie Dagewesenen zum Dasein zu verhelfen – und sei es auch nur in unserer virtuellen Welt. Illusionen einen den Verliebten, den Verrückten und eben den Dichter, wie Shakespeare seinen rationalistischen Athenaer Theseus im „Sommernachtstraum“ sagen lässt: „Verliebte und Verrückte/ Sind beide von so brausendem Gehirn,/ So bildungsreicher Phantasie, die wahrnimmt,/ Was nie die kühlere Vernunft begreift.“ Ein Leben nur mit kühler Vernunft zu führen, wäre nicht nur unmöglich, es wäre sogar todlangweilig. Vielen wird heute die Freude an der Literatur ausgetrieben, weil sie mit jener kühlen Vernunft an die Literatur herangeführt werden. Alles muss in seine kleinsten Sinneinheiten seziert und sodann interpretiert werden. Aber dem ursprünglichen Literaturverständnis kommt man so nicht nahe.

    Und wieso lieben wir jetzt erfundene Geschichten, wo wir doch ansonsten die Falschheit derart verabscheuen? Zunächst meint „erfunden“ ja noch nicht die schlechte Lüge, sondern die Mitteilung von denkmöglichen Begebenheiten. Und unser Denken ist, so Steiner, unbegrenzt, es verabscheut die Leere. „Archetypisch erzeugt es mehr oder minder tröstende Fiktionen des Überlebens. Wie furchtsame Kinder, die im Dunkeln pfeifen oder rufen, trachten wir das schwarze Loch des Nichts zu meiden. Wir tun dies, selbst wenn die daraus resultierenden Szenarien beleidigend kindisch und reiner Kitsch sind (wie jene elysischen Felder und himmlischen Chöre, jene zweiundsiebzig Jungfrauen, die auf den muslimischen Märtyrer warten).“

    Was für die großen Menschheitsmythen, die Bilder für das Leben nach dem Tod geben wollen, gilt, gilt natürlich ebenso auch für die kleineren Mythen des Alltags. Mit dem Erzählen wollen die Menschen die Furcht vor dem Tod, wenn sie sie schon nicht aufheben können, so doch beiseite drängen. Hans Blumenberg brachte es folgendermaßen schön auf den Punkt: „Geschichten werden erzählt, um etwas zu vertreiben. Im harmlosesten, aber nicht unwichtigsten Fall: die Zeit. Sonst und schwerwiegend: die Furcht.“ Und auch das: Gute Literatur will zum Nachdenken anregen und so einen Lernprozess in Gang bringen, an dessen Ende ein besserer Mensch steht. Literatur als Erziehungsmittel? Da müsste man die Literaturgeschichte schon grob fälschen, um dies als einzige Legitimation für die Fiktionalität gelten zu lassen. Vor allem will gute Literatur doch eines: unterhalten. Alles, was man darüber hinaus deuten will, ist Sache der Interpreten und nicht mehr der erschaffenden Literaten.