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    Verhärtete Fronten

    Die herrschende Elite der westeuropäischen Gesellschaft ist davon überzeugt, die „Wahrheit“ erkannt zu haben. Von Professor David Engels

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    Was von der Demokratie noch übrig ist, dient nicht mehr der Grundsatzdiskussion, sondern der Durchsetzung dieser „Wahrheit“. Umso wichtiger ist es, den guten Geist der streitbaren Demokratie zu retten.

    Ob Jörg Baberowski, Alexander Demandt, Bassam Tibi, Simon Strauß oder Uwe Tellkamp – alle haben für ihre kritische Einschätzung der Politik der (seit langem) gegenwärtigen Bundesregierung in vielfältigster Weise zahlen müssen und wurden, teils mit den absurdesten Begründungen, als „rechte“ Denker in die bekannte Schmuddelecke gestellt, in welcher es mittlerweile vor lauter Intellektuellen von Weltruf ziemlich eng wird. Die Konsequenzen für die Demokratie sind verheerend, denn da die Anprangerung unliebsamer Denker mit einer Verhärtung des politisch korrekten Meinungskorridors einhergeht und zu einer Kultur des Opportunismus, des Denunziantentums und des Hasses auf beiden Seiten führen muss, bewegen wir uns auf eine unerbittliche Spaltung unserer Gesellschaft zu, welche bald nicht mehr auf dem Wege des Dialogs auch und gerade zwischen erbitterten Feinden gelöst werden kann, sondern nur durch eine grundlegende Flurbereinigung.

    Der Hauptgrund für diese Entwicklung – das nicht nur fortwirkende, sondern sich auch stetig steigernde Trauma des Dritten Reichs – ist altbekannt und braucht hier nicht eigens dargestellt zu werden. Für die deutsche Leserschaft dürfte aber die Tatsache interessant sein, dass die Verhältnisse auch in anderen westeuropäischen Staaten nicht wesentlich anders sind. Was „gut“ und was „böse“ ist, findet sich auch anderswo durch Regierungen, Medien, Bildungsanstalten und NGOs klar vorgegeben, und nicht nur der Einzelne, auch die Institutionen müssen sich regelmäßig „spontan“ zu den vorgegebenen Inhalten bekennen, wenn sie nicht als böswillige Rechte enttarnt werden wollen; ein Vorgang, der übrigens eine schon fast unheimliche Ähnlichkeit mit dem im römischen Reich eingeforderten Opfer für den Kaiser hat, an dessen Verweigerung man untrüglich den Christen erkannte, um ihn danach guten Gewissens als Staatsfeind den Löwen – heute den Medien – überantworten zu können.

    Und so ist der Alltag selbst akademischer Institutionen und ihrer Angehörigen wesentlich von einer Abfolge politisch korrekter Lippenbekenntnisse geprägt, die eine kuriose Mischung aus der gesellschaftlichen Dauerempörung des UNO-Festkalenders, dem Planübererfüllungskultus des Sowjetbürgers und der Aufarbeitung einer Tagesaktualität darstellt, die meist schon zu anderen Fragen übergegangen ist. Ein Beispiel für die real existierende Ausprägung eines solchen Meinungskorridors gefällig? Ein Blick auf das soziale Engagement der Universität, an der zu lehren der Verfasser die Ehre hat, sollte genügen.

    Flüchtlingskrise: Während allerorten Personal wie Lehrplan zusammengestrichen werden und Professoren selbst Post- und Kopierkosten privat begleichen müssen, wurden im Eilverfahren nicht nur eine eigene Einschreibestelle, sondern sogar neun Lehrstühle für die geflüchteten Professoren aus dem Nahen Osten geschaffen. Ob dieser PR-günstige positive Rassismus wirklich dem vielbeschworenen Geist der ethnischen Nichtdiskriminierung entspricht?

    Abtreibungsfrage: Als ein Gastprofessor an einer benachbarten katholischen Universität sich als Abtreibungskritiker zu erkennen gab, wurde von vielen Kollegen eine strafrechtliche Verfolgung diskutiert, da die Kritik der geltenden Gesetzgebung in sich illegal sei. Dass dieser Logik zufolge damals dann auch der Antrag zur Abtreibungslegalisierung illegal war, wie eigentlich jeglicher Versuch einer Veränderung der gerade geltenden Rechtslage, wurde bezeichnenderweise nicht thematisiert.

    Gender-Debatte: Da, nicht unähnlich dem Kalender der Französischen Revolution, nunmehr ganze akademische Jahrgänge unter das Patrozinium politisch korrekter Grundbegriffe gestellt werden, überrascht nicht, dass das gegenwärtige Jahr (originellerweise) der „Diversität“ gewidmet war, womit aber leider nicht die Vielzahl der unterrichteten Wissenschaftsdisziplinen gemeint war, sondern – natürlich – die etwa hundert bislang bekannten Gender-Identitäten. Das hohe Reflexionsniveau dieser Maßnahme spiegelte sich dabei unter anderem darin, dass das offizielle Logo der Universität nunmehr auf allen Werbeträgern sinnfällig mit einem Präservativ überzogen dargestellt wurde, was dann doch für einige Irritationen sorgte, ebenso wie die Ankündigung, dass Studenten nunmehr auf Wunsch bei der Verwaltung einen anderen Vornamen einfordern dürfen, wenn der bisherige das eigene Geschlecht nur inadäquat wiedergibt. Als vor den Toren der Universität allerdings eine private Werbetafel aufgestellt wurde, die Studentinnen eine Karriere als Callgirls nahelegte, wurde sofort ein Verbot eingefordert; man dürfe die ungefestigten Studentinnen schließlich in ihrer Selbstfindung nicht mit solcherart unmoralischen Versuchungen konfrontieren…

    Me too: Um auch diese Debatte zu bedienen, wurden alle Universitätsmitglieder aufgefordert, alle gegenwärtigen und vergangenen Fälle sexueller Belästigung zu denunzieren, und auch die öffentlichen Plakatträger informierten nun nicht mehr über wissenschaftliche Tagungen, sondern empörten sich darüber, wie unmoralisch es sei, dass Studentinnen (angeblich) nur nach ihrer Rocklänge und nicht ihren Leistungen bewertet, Frauen generell (angeblich) als Freiwild für männliche Professoren betrachtet würden und Wissenschaftlerinnen (angeblich) dauernd unter sexistischer Geringschätzung seitens der Kollegen und Studenten zu leiden hätten. Dass diese antisexistische Kampagne selbst sich sexistischer Stereotypen bediente, die ein Mann als überaus verletzend empfinden könnte, wurde nicht in Betracht gezogen…

    Islam: Während die Zahl der verschleierten Studentinnen von Jahr zu Jahr ebenso steigt wie die Beschwörung der Laizität als gesellschaftliches Allheilmittel, bleibt der ideologische Hauptfeind das Christentum: Die bei allen offiziellen Anlässen gesungene Hymne der Universität besingt den Kampf „gegen das Papsttum“, und die Studentenclubs tragen bei ihren Feiern tatsächlich Galgen mit baumelnden Klerikerpuppen durch die Straßen, um gegen den Einfluss der Kirche zu protestieren… Ob man wohl erlauben würde, hier auch einmal die Figur eines Imams zu befestigen?

    Wir wollen nicht ungerecht sein. Eine Universität muss durchaus das Recht haben, Zeitfragen aufzugreifen, um sich nicht gänzlich im Elfenbeinturm reiner Wissenschaft einzuschließen. Dass dabei manchmal der Eindruck entsteht, dass sie eher der Tagesaktualität hinterherläuft, um Aufmerksamkeit zu erheischen, als selbst Themen zu setzen, mag dabei noch gutmütig als Provinzlertum abgetan werden. Gefährlicher aber wird es, wenn eine Universität, die zumal das „Freidenkertum“ zur obersten Maxime erwählt hat, sich mit dem etwas unglaubwürdigen Gestus permanenten Antikonformismus‘ in nahezu allen Zeitfragen auf die denkbar politisch korrekteste Art und Weise positioniert und somit nicht zur Öffnung der Debatte, sondern vielmehr zu ihrer Verhärtung beiträgt.

    Besagte Universität ist dabei kein Einzelfall, um ein überstrapaziertes Wort zu bemühen, sondern symptomatisch für eine westeuropäische Gesellschaft, deren herrschende Elite überzeugt davon ist, die „Wahrheit“, und zwar im weitest denkbaren Sinne, erkannt zu haben. Was von der Demokratie noch übrig ist, dient dementsprechend nicht mehr der Grundsatzdiskussion, sondern vielmehr der Durchsetzung dieser „Wahrheit“. Wer sich ihr widersetzt, wird gleichzeitig zum Feind der Zivilisation an sich, so dass seine rücksichtslose Niederringung unter dem meist ebenso unzutreffenden wie anachronistischen Schlagwort des „Kampfes gegen rechts“ (wieso nicht „links“?) zur ersten Bürgerpflicht wird. An die Stelle von Argumenten tritt somit Haltung, und die Verhärtung der Fronten führt sogar so weit, dass schon die Bereitschaft, mit einem politischen Gegner rational zu diskutieren, als Verrat gewertet wird. Was zählt ist nicht mehr, was gesagt wurde, sondern nur noch, mit wem oder wo gesprochen wurde – und wer sich gar bereit erklärt, in eine kritische Diskussion mit angeblichen Populisten einzusteigen, gilt, ungeachtet seiner tatsächlichen Aussagen, als moralisch so fragwürdig, als ob in Umkehrung des Prinzips mittelalterlicher Kontaktreliquien ihr „Unheil“ sich bereits physisch auf ihn übertragen hätte…

    Dass eine solche ideologische Polarisierung unsere Gesellschaft früher oder später in den Abgrund führen wird, scheint unausweichlich, ja ist vielleicht sogar tragischerweise nötig, um einen Neubeginn zu ermöglichen. Umso wichtiger ist es aber, so viel wie möglich von dem guten Geist streitbarer und respektvoller Demokratie über jene Zeit hinauszuretten. Das geht nur durch das Engagement des Einzelnen: Nur wer sein Recht auf freie Meinungsäußerung und die Bereitschaft zur Debatte selbst mit dem politischen Erzfeind mit Zähnen und Klauen verteidigt und sich gleichermaßen von den Einschüchterungen der Denunzianten wie von der Versuchung des Opportunismus befreit, wird eines Tages Vorbildwirkung für die kommenden Generationen entwickeln können, welchen der Wiederaufbau des rapide verfallenden Westens anvertraut werden wird.

    Dabei ist offensichtlich, dass dieser Wiederaufbau sich wesentlich vom totalen Relativismus der gegenwärtig herrschenden Geistesverfassung zu lösen haben wird, ist es doch gerade die gähnende Leere, die unter der beliebigen Definierbarkeit europäischer „Werte“ wie Gleichheit, Recht, Selbstentfaltung oder Demokratie klafft, welche unseren Kontinent an den Rand des spirituellen und nun auch materiellen Abgrunds geführt hat. Nur wenn der zu Egoismus, Hedonismus und Materialismus entartete Humanismus erneut in der Transzendenz eines jenseitigen Ideals verankert wird und seine Kraft aus der Einsicht in das Paradoxon von Beschränktheit ebenso wie Einzigartigkeit des Menschen als Gottesgeschöpf bezieht, lässt sich an eine geistige Wiederauferstehung des Abendlandes und die Rückkehr einer wahrhaft solidarischen Gesellschaftsordnung glauben. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

    Der Autor ist Professor für Römische Geschichte an der Freien Universität Brüssel. Sein Buch „Auf dem Weg ins Imperium“ (Europa Verlag Berlin, 2014), das er selbst ins Deutsche übersetzte, gilt als moderner Klassiker der Kulturkritik.
    Von Professor David Engels

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