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    Vätersuche, Haushaltshilfen und das ewige Eis in Berlin

    Vorsicht, die diesjährige Berlinale kann lebensgefährlich sein! Kaum betritt der Cineastenpulk die Trottoirs, wird jeder Schritt rings um die Kinos am Potsdamer Platz zu einer Herausforderung: Der über Wochen sich zu betonharten Eisflächen verfestigte Schnee, dem offenkundig weder der rot-rote Senat noch die Berliner Stadtreinigung gewachsen sind, hat bereits zu hunderten Knochenbrüchen unter den Hauptstädtern und jetzt auch Festivalgästen geführt.

    Vorsicht, die diesjährige Berlinale kann lebensgefährlich sein! Kaum betritt der Cineastenpulk die Trottoirs, wird jeder Schritt rings um die Kinos am Potsdamer Platz zu einer Herausforderung: Der über Wochen sich zu betonharten Eisflächen verfestigte Schnee, dem offenkundig weder der rot-rote Senat noch die Berliner Stadtreinigung gewachsen sind, hat bereits zu hunderten Knochenbrüchen unter den Hauptstädtern und jetzt auch Festivalgästen geführt.

    Die Zeiten aber, bei denen sich deutsche Filmschaffende auf Deutschlands größtem Filmfest mit ihren Werken gleichsam aufs Eis begaben und jederzeit einzubrechen drohten, sind spätestens seit dem Amtsantritt von Festivalleiter Dieter Kosslick (61) und der jüngsten Erfolgswelle deutscher Filme im Kino vorbei. Im Gegenteil: Deutsche Filme werden von den Berlinale-Gästen wohlwollend bis freudig begrüßt. In den zahlreichen Nebensektionen wie „Panorama“, „Forum des Jungen Films“ und natürlich exklusiv in der Spezialreihe „Perspektive Deutsches Kino“ sind insgesamt 84 (!) deutsche Produktionen und Koproduktionen zu sehen.

    27 Prozent Anteil deutscher Filme an den Gesamteinnahmen der Kinobranche in 2009 – das hat es seit den sechziger Jahren nicht mehr gegeben, als Filmemacher wie der diesjährige Jurypräsident Werner Herzog zum Sturmangriff auf „Opas Kino“ bliesen und vorübergehend damit auch Erfolg hatten.

    Die totale Dominanz des Hollywood-Kinos gebrochen, florierende Medienstandorte in verschiedenen Teilen der Republik, eine unter anderem von Staatsminister Bernd Neumann (CDU) international konkurrenzfähig ausgestaltete Filmförderung für den globalen Markt – besser kann es für den deutschen Film zurzeit kaum laufen. Bei aller Euphorie darf gleichwohl eines nicht vergessen werden: Diese hohen Zuwachsraten gehen in erster Linie auf das Konto einiger weniger Kinofilme, die die Massen in Millionen anziehen, wie etwa die mit Publikumsliebling Til Schweiger, der am Wochenende auf dem traditionellen Berlinale-Empfang des Berlin-Brandenburger Medienboards seine staatlichen Fördergelder im Blitzlichtgewitter zurückzahlen konnte – als einer der wenigen deutschen Produzenten.

    Der weitaus größere Rest – also weit über vier Fünftel der nahezu 500 produzierten deutschen Filme – tut sich schwerer. Da ist der Nachwuchs an den rund ein Dutzend Filmhochschulen und spezialisierten Studiengängen an deutschen Unis nicht zu beneiden: Der Erfolgsdruck, der mittlerweile auf den jungen Regisseuren lastet, „sei die Kehrseite der Medaille“, gibt Alfred Holighaus zu. Der frühere Filmkritiker und Produzent leitet in diesem Jahr zum letzten Mal die Berlinale-Reihe mit deutschen Nachwuchsfilmen, die „Perspektive“. Dass inzwischen „nicht genug Platz vorhanden ist, damit alle vorhandenen Talente nebeneinander blühen können“, sei eine Gefahr, an der auch die „Perspektive“ ihren Anteil hat, gibt Holighaus zu. Aber, so der Spezialist für den deutschen Nachwuchs zu bedenken, „die Besucherzahlen für deutsche Filme sei auch in der Breite“, also auch für anspruchsvolle Werke wie den Oscar-Aspiranten „Das weiße Band“ von Michael Hanke, „stetig gewachsen“.

    Holighaus stellt auch fest, dass junge Filmemacher im steigenden Erfolgsdruck einen Ansporn sehen, noch stärker an ihrer Originalität zu arbeiten. Und tatsächlich: Schon der Eröffnungsfilm der Reihe, „Renn, wenn Du kannst“ überrascht positiv durch den frechen Humor und die direkte Art, mit der er das Thema Behinderung angeht. Als ein an den Rollstuhl gefesselter junger Mann, der sich angesichts seines Schicksals abgebrüht gibt und vom restlichen Leben nichts mehr erhofft, brilliert Robert Gwisdek, Sohn der Schauspielereltern Michael Gwisdek und Corinna Harfouch. Die jeweilige Stimmungslage seiner Hauptfigur überführt Regisseur Dietrich Brüggemann unmittelbar in Handlung und Dialoge: Geht es zunächst dreist und ausgelassen zu, gewinnt der Film immer mehr an psychologischer Sensibilität und inszenatorischer Dramatik, als sich der Behinderte in eine junge Musikerin (gespielt von der Schwester des Regisseurs, Anna Brüggemann) zu verlieben droht, auf die auch noch sein neuer Freund und Zivildiensthelfer (Jacob Matschenz) ein Auge geworfen hat. (Kinostart: Sommer 2010).

    Besonders eindringlich sind indes wieder die Dokumentarfilme geraten: In „Alle meine Väter“ nimmt der Regiestudent Jan Raiber den Zuschauer mit auf die bewegende Suche nach seinem biologischen Vater, die sich als komplexer herausstellt als er zunächst vermutete. Berührende Einblicke in deutsche Milieus und Schicksale bietet auch „Porträts deutscher Alkoholiker“ von Carolin Schmiz. In „Die Haushaltshilfe“ dokumentiert Regisseurin Anna Hoffmann, wie eine junge Slowakin über Monate ein stark pflegebedürftiges Rentnerehepaar in Schwaben betreut, und welche psychischen Belastungen mit dieser Tätigkeit einhergehen können. Zudem verweist der Film exemplarisch darauf, wie sehr die deutsche Gesellschaft inzwischen auf die billigen Pflegekräfte aus Osteuropa angewiesen ist.

    Die „Perspektive“ ist „innerhalb der Berlinale eindeutig der geschützteste Raum“, sagt Holighaus: „Man ist zwar Teil eines auch international viel beachteten Festivals, steht als Nachwuchs aber nur in der Konkurrenz unter seinesgleichen. Die Reihe war immer als eine Art Biotop gedacht – und das soll auch so bleiben“, betont Holighaus, der zur Deutschen Filmakademie wechselt.

    Von Max-Peter Heyne