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    Urlaub für die Seele

    Eigentlich wollten wir eine Rucksacktour durch Thailand machen“, erzählen mir die beiden jungen Frauen, mit denen ich in der Pilgerherberge in San Xulián, einem winzigen Dorf im Nordwesten Spaniens, ins Gespräch komme. „Aber da ist gerade Regenzeit. Also haben wir uns stattdessen für den Jakobsweg entschieden.“ Am Nebentisch sitzt eine fünfköpfige Gruppe aus Bayern, für die der Jakobsweg eher eine sportliche Herausforderung darstellt: vier Männer und eine Frau im Alter von Ende 40 bis Anfang 60, die jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen, um schon vor dem Frühstück zwölf bis fünfzehn Kilometer zurückzulegen. Die verbleibenden 65 Kilometer bis Santiago de Compostela wollen sie in zwei Tagen schaffen. „Es wird auch Zeit, dass wir ankommen“, sagt einer von ihnen. „Vier Wochen sind genug.“ So unterschiedlich die jeweiligen Motivationen auch sind, die diese Menschen an diesem obskuren Ort zusammengeführt haben – eine Gemeinsamkeit lässt sich doch feststellen: der Wunsch, seinen Urlaub auf eine Weise zu gestalten, die sich möglichst radikal vom Alltag unterscheidet. „Alltag“ ist für den berufstätigen Menschen in der Regel gleichbedeutend mit dem Eingebundensein in Pflichten, in eine nicht selten als monoton empfundene Routine, in Nützlichkeits- und Produktivitätsanforderungen, die den Tagesablauf über die reine Arbeitszeit hinaus prägen – nicht zuletzt auch durch die permanente Erreichbarkeit via Telefon und Internet. Der Urlaub erscheint da vielfach als die einzige Möglichkeit, dem Rhythmus des Alltags wenigstens für ein paar Wochen im Jahr zu entfliehen.

    Mehr als ein Trend: „Pilgern verwirklicht für viele Menschen auf geradezu ideale Weise das, was sie von ihrem Urlaub erw... Foto: dpa

    Eigentlich wollten wir eine Rucksacktour durch Thailand machen“, erzählen mir die beiden jungen Frauen, mit denen ich in der Pilgerherberge in San Xulián, einem winzigen Dorf im Nordwesten Spaniens, ins Gespräch komme. „Aber da ist gerade Regenzeit. Also haben wir uns stattdessen für den Jakobsweg entschieden.“ Am Nebentisch sitzt eine fünfköpfige Gruppe aus Bayern, für die der Jakobsweg eher eine sportliche Herausforderung darstellt: vier Männer und eine Frau im Alter von Ende 40 bis Anfang 60, die jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen, um schon vor dem Frühstück zwölf bis fünfzehn Kilometer zurückzulegen. Die verbleibenden 65 Kilometer bis Santiago de Compostela wollen sie in zwei Tagen schaffen. „Es wird auch Zeit, dass wir ankommen“, sagt einer von ihnen. „Vier Wochen sind genug.“ So unterschiedlich die jeweiligen Motivationen auch sind, die diese Menschen an diesem obskuren Ort zusammengeführt haben – eine Gemeinsamkeit lässt sich doch feststellen: der Wunsch, seinen Urlaub auf eine Weise zu gestalten, die sich möglichst radikal vom Alltag unterscheidet. „Alltag“ ist für den berufstätigen Menschen in der Regel gleichbedeutend mit dem Eingebundensein in Pflichten, in eine nicht selten als monoton empfundene Routine, in Nützlichkeits- und Produktivitätsanforderungen, die den Tagesablauf über die reine Arbeitszeit hinaus prägen – nicht zuletzt auch durch die permanente Erreichbarkeit via Telefon und Internet. Der Urlaub erscheint da vielfach als die einzige Möglichkeit, dem Rhythmus des Alltags wenigstens für ein paar Wochen im Jahr zu entfliehen.

    „Abschalten“ lautet ein gängiges Schlagwort für diesen temporären Ausstieg aus dem Hamsterrad der alltäglichen Pflichten und Anforderungen. Das kann zum Teil durchaus wörtlich verstanden werden: für die Dauer des Urlaubs den Internetzugang am Mobiltelefon deaktivieren oder es gleich ganz zu Hause lassen, um für niemanden erreichbar zu sein. (Ob man diesen Vorsatz tatsächlich konsequent durchhält, steht freilich auf einem anderen Blatt.) Aber der Begriff des „Abschaltens“ umfasst mehr als nur eine rein technische Einschränkung des eigenen Kommunikationsverhaltens: Er beschreibt vielmehr das Bestreben, eine klare Grenze zwischen Urlaub und Alltag zu ziehen, den Stress, die Sorgen und Belastungen, die das tägliche Leben prägen und bestimmen, „zu Hause zu lassen“ oder auf die Zeit nach dem Urlaub zu vertagen.

    Das birgt natürlich die Gefahr, dass all das solcherart Zurückgelassene und Vertagte den Urlauber nur umso geballter und drängender wieder einholt, sobald er in seinen Alltag zurückkehrt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass es ein wachsendes Interesse daran gibt, den Urlaub für im weitesten Sinne „spirituelle“ Erfahrungen und Erlebnisse zu nutzen – in der Hoffnung, etwas von den so gewonnenen Impulsen auch in die Zeit nach dem Urlaub „mitnehmen“ zu können. Nicht einfach „abschalten“ ist das Ziel, sondern – um im Bild zu bleiben – „einen anderen Sender einstellen“: empfänglich werden für Signale, die im Lärm des täglichen Lebens allzu leicht untergehen. Unter den verschiedenen Angeboten für einen solchen „Urlaub für die Seele“ liegt besonders das Pilgern im Trend. In ganz Europa werden traditionelle Pilgerrouten wiederentdeckt und reaktiviert, insbesondere solche, die einst zum weit verzweigten Netz der Jakobswege zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela gehörten. Herausragender Beliebtheit erfreut sich dabei der rund 775 Kilometer lange, von St. Jean Pied-de-Port am Fuße der Pyrenäen nach Santiago führende „Camino Francés“, der weithin als „der“ Jakobsweg schlechthin gilt. Im Jahr 2015 registrierte das Domkapitel von Santiago mehr als eine Viertelmillion Pilger, die sich zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Fahrrad zum Grab des Apostels aufgemacht hatten; darüber, wie viele Menschen auf dem Jakobsweg unterwegs waren, ohne sich beim Pilgerbüro zu registrieren, lässt sich nur spekulieren.

    Dabei können – wie eingangs bereits erwähnt – die individuellen Beweggründe dafür, sich auf Pilgerreise zu begeben, höchst unterschiedlich sein. Steht für manche Pilger die körperliche Herausforderung im Mittelpunkt, ist es für andere das Naturerlebnis, eine gewisse Abenteuerlust oder auch eine mehr oder weniger esoterisch-pantheistisch orientierte Spiritualität; und nicht wenige Urlauber begeben sich vor allem deshalb auf den Jakobsweg, weil der quasi-autobiographische Bestseller eines TV-Entertainers sie dazu inspiriert hat. Das betrifft durchaus nicht nur Deutsche: Im Gespräch mit Jakobspilgern aus aller Welt gewinnt man leicht den Eindruck, dass in dieser Hinsicht so ziemlich jedes Land seinen eigenen Hape Kerkeling hat.

    Dass das Pilgern auf dem Jakobsweg oder ähnlichen traditionellen Wegen vielfach nicht mehr als etwas genuin und explizit Christliches angesehen wird, bekommen auch die Kirchen am Wege zu spüren. Es kommt vor, dass zu einer Abendmesse mit Pilgersegnung nur eine Handvoll Pilger erscheint, obwohl sich in unmittelbarer Nähe der Kirche eine Pilgerherberge mit 180 Betten befindet. Umso mehr bemühen sich einige Kirchengemeinden, Ordensgemeinschaften oder auch christliche Vereine und Privatinitiativen darum, mit ihren Angeboten auch solche Jakobsweg-Pilger zu erreichen, die nicht von vornherein aus einer spezifisch religiösen Motivation heraus unterwegs sind. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei auf Spendenbasis betriebene Pilgerherbergen, die neben meist 20–40 Übernachtungsplätzen und einem gemeinschaftlichen Abendessen – bei dem die Gäste eingeladen sind, beim Kochen und beim Abwasch mitzuhelfen – oft auch gemeinschaftliche Gebete, Meditationen oder Andachten zum Tagesabschluss anbieten. Der, wenn man so will, „Prototyp“ dieser Art von Pilgerunterkünften ist die Herberge der Kirchengemeinde San Juan Bautista in Granón, einem 250-Einwohner-Dorf in der Weinbauregion La Rioja. Die Herberge befindet sich im Seitenschiff des aus dem 15. Jh. stammenden Kirchengebäudes, der Eingang führt durch den Kirchturm; Betten gibt es nicht, man schläft auf Sportmatratzen auf dem Fußboden. Zur Abendandacht versammeln sich die Pilger bei Kerzenlicht im Chorgestühl der Kirche. Das Konzept hat Schule gemacht: Pilgerherbergen „im Geiste von Granón“ gibt es inzwischen in zahlreichen Orten entlang des Jakobswegs.

    Ein immer wiederkehrender Leitgedanke der Abendandachten in solchen Herbergen besteht darin, die Pilgerreise als ein Abbild des Lebens schlechthin zu betrachten, oder umgekehrt ausgedrückt: das ganze Leben als eine Pilgerreise zu verstehen. Den Pilgern werden auf diese Weise Anregungen dazu gegeben, Erfahrungen, die sie auf ihrem Weg machen, auch auf ihren Alltag anzuwenden.

    Eine sehr grundlegende Erfahrung, die man beim Pilgern machen kann – und zwar weitgehend unabhängig davon, ob man eine explizit religiöse Motivation damit verbindet oder nicht –, und die sich schon nach bemerkenswert kurzer Zeit einstellt, ist das Erlebnis einer radikalen Vereinfachung des Lebens. Man hat nur eine einzige Aufgabe, auf die man sich voll und ganz konzentrieren kann: Gehen. Weitergehen. Einen Fuß vor den anderen setzen, immer wieder, bis man das Ziel der jeweiligen Tagesetappe erreicht hat. Um mehr und Anderes braucht man sich nicht zu kümmern. Während der moderne Mensch in seinen alltäglichen Verrichtungen, seinen alltäglichen Sorgen und Plänen – wie der katholische Schriftsteller Evelyn Waugh es in seinem Roman „Wiedersehen mit Brideshead“ beschreibt – oft derart zwischen Vergangenheit und Zukunft eingekeilt ist, dass für die Gegenwart kaum Raum zu bleiben scheint, lebt der Pilger radikal in der Gegenwart: Was zählt, ist der aktuelle Augenblick, der aktuelle Schritt auf dem Weg, der aktuelle Atemzug. „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage“ – diese Sätze aus der Bergpredigt, die sonst so schwer zu befolgen scheinen, werden beim Pilgern zur ganz praktischen Realität. Gleichzeitig kann man sich beim Pilgern unschwer eine gewisse Genügsamkeit im Hinblick auf materielle Dinge angewöhnen – schließlich muss man all die Dinge, die man auf dem Weg zu brauchen meint, auf dem eigenen Rücken tragen und lernt auf diese Weise schnell, alles nicht unbedingt Notwendige als störenden Ballast zu erkennen. „Der Weg macht dich einfacher“, heißt es in einem Meditationstext, der in einer Kirche am Jakobsweg ausliegt; „je leichter das Gepäck ist, desto leichter sind deine Schultern und umso mehr machst du die Erfahrung, wie wenig du zum Leben brauchst.“ In den oben geschilderten Pilgerherbergen gibt es meist eine Kiste mit Gegenständen, die von anderen Pilgern zurückgelassen wurden. Wer will, kann sich daraus bedienen – aber meist wird stattdessen nur noch mehr in diese Kisten hineingetan.

    Dieses Einüben von Bedürfnislosigkeit, die Schlichtheit des Tagesablaufs und das intensive Gemeinschaftserlebnis in den Herbergen sind zweifellos wesentliche Gründe dafür, dass das Pilgern für viele Menschen auf geradezu ideale Weise das verwirklicht, was sie von ihrem Urlaub erwarten und erhoffen: nicht bloß eine vorübergehende Unterbrechung des Alltags, sondern eine Erfahrung, die die Anforderungen des täglichen Lebens in eine grundsätzlich neue Perspektive rückt. Pflichten, Sorgen und Unannehmlichkeiten hören nicht einfach auf, aber man kann ihnen mit einem zuvor ungekannten Gefühl innerer Freiheit gegenübertreten.

    Einer der Impulse, die den Pilgern bei der Abendandacht in Granón mit auf den Weg gegeben werden, lautet: „Erlerne das Schweigen, wie man eine fremde Sprache erlernt“. Das mag zunächst albern klingen, aber man bekommt ein Gefühl dafür, was dieser Satz bedeutet, wenn auf den letzten 100 Kilometern vor Santiago de Compostela – besonders in den Sommermonaten – der Weg von zahllosen Kurzzeitpilgern geradezu überschwemmt wird und die Atmosphäre von Ruhe und Frieden, die das oft einsame Wandern durch die Natur auf früheren Etappen vermittelt hat, weitgehend schwindet. In gewissem Sinne stellen gerade diese letzten 100 Kilometer somit eine gute Vorbereitung auf die bevorstehende Rückkehr ins Alltagsleben dar – eine Gelegenheit, die Fähigkeit einzuüben, die beim Pilgern gewonnene innere Ruhe auch gegen äußere Unruhe festzuhalten.