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    Unterm Backenbart verbarg sich ein Mensch mit kleinen Schwächen

    Es ist Kaiser-Jahr in Österreich. Von ihnen hat es zwar viele gegeben, im Heiligen Römischen Reich und, nach 1806, im Kaisertum Österreich. Folgt man aber der österreichischen Fremdenverkehrswerbung – unterstützt durch heillos kitschige Filme der 50er Jahre – trug der Kaiser einen mächtigen Backenbart und hörte auf den Doppelnamen Franz Joseph. Als seine Regentschaft begann, war Wien von Stadtmauern umgeben und die Bauern seiner Monarchie waren mehrheitlich noch Untertanen; als Franz Joseph I. 1916 starb, mitten im Weltkrieg, waren 68 Jahre seiner Regentschaft vergangen und das Wahlrecht war, für Männer, eingeführt. So ein Leben lädt zum Nacherzählen ein, besonders im 100. Jahr des Todes. Es herrscht an Franz Joseph-Biographien kein Mangel, auch nicht an guten. Dennoch erfüllt die eben herausgekommene Lebensdarstellung von Christoph Schmetterer, Rechtsanwalt und Rechtshistoriker in Wien, eine wichtige Funktion. Es ist gleichsam das Buch, das dem Kaiser selber gefallen hätte. Der war kein Grübler und schätzte die knappe, präzise Information – hier noch durch einen Abbildungsteil unterstützt, der Vorgänger, Familie, die wichtigsten Politiker, Berater und Lebensstationen gebündelt vorstellt. Wie es in einer guten Biographie sein sollte, werden über die Beschäftigung mit der Person wichtige weitere Fragen beantwortet: Was ist eigentlich das Kaisertum Österreich? Was bedeutet das bekannte K.u.K. (vor dem es ja auch noch das K.K gab)?

    Kaiser Franz Josef I. von Österreich
    „Bis heute der Kaiser schlechthin“: Franz Joseph I. Foto: IN

    Es ist Kaiser-Jahr in Österreich. Von ihnen hat es zwar viele gegeben, im Heiligen Römischen Reich und, nach 1806, im Kaisertum Österreich. Folgt man aber der österreichischen Fremdenverkehrswerbung – unterstützt durch heillos kitschige Filme der 50er Jahre – trug der Kaiser einen mächtigen Backenbart und hörte auf den Doppelnamen Franz Joseph. Als seine Regentschaft begann, war Wien von Stadtmauern umgeben und die Bauern seiner Monarchie waren mehrheitlich noch Untertanen; als Franz Joseph I. 1916 starb, mitten im Weltkrieg, waren 68 Jahre seiner Regentschaft vergangen und das Wahlrecht war, für Männer, eingeführt. So ein Leben lädt zum Nacherzählen ein, besonders im 100. Jahr des Todes. Es herrscht an Franz Joseph-Biographien kein Mangel, auch nicht an guten. Dennoch erfüllt die eben herausgekommene Lebensdarstellung von Christoph Schmetterer, Rechtsanwalt und Rechtshistoriker in Wien, eine wichtige Funktion. Es ist gleichsam das Buch, das dem Kaiser selber gefallen hätte. Der war kein Grübler und schätzte die knappe, präzise Information – hier noch durch einen Abbildungsteil unterstützt, der Vorgänger, Familie, die wichtigsten Politiker, Berater und Lebensstationen gebündelt vorstellt. Wie es in einer guten Biographie sein sollte, werden über die Beschäftigung mit der Person wichtige weitere Fragen beantwortet: Was ist eigentlich das Kaisertum Österreich? Was bedeutet das bekannte K.u.K. (vor dem es ja auch noch das K.K gab)?

    Die Ausgangssituation am Beginn der Regierung des jungen Kaisers wird mit wenigen Strichen wiedergegeben. 1835 hatte Kaiser Franz für seinen präsumtiven Nachfolger Ferdinand als Maxime niedergeschrieben: „Verrücke nichts an den Grundlagen des Staatsgebäudes, regiere und verändere nicht“. Damit war das Leitmotiv auch für den ab 1848 mit achtzehn Jahren auf den Thron kommenden Franz Joseph vorgegeben, für den sein Onkel Ferdinand mit den schönen Worten zurückgetreten war: „Es ist gerne geschehen“. Anspruch und Grenzen der Regierungsweise Franz Josephs, Wollen und Tragik der Monarchie sind, so der Autor, in diesen Worten: „Verändere nicht!“ enthalten. Schon vor Regierungsantritt des jungen Monarchen, der im Trubel der Revolution die Bühne betrat, musste der jahrzehntelang tonangebende Staatskanzler Metternich zurücktreten. Er hatte dem jungen Franz Joseph noch Unterricht erteilt. Zu ihm fallen Schmetterer nur die üblichen Schmähungen als „rückwärtsgewandt“ und „repressiv“ ein. Seinem eigenen Gegenstand widmet er sich aber mit mehr Differenzierungsvermögen.

    So deutet er das persönliche Regiment des Kaisers als bemerkenswert flexibel und zugleich pragmatisch. Mit dem Ziel der Erhaltung der Monarchie vor Augen und angesichts der Unmöglichkeit, absolutistisch zu regieren, sei Franz Joseph bereit gewesen, es mit den verschiedenen politischen Richtungen und Parteien zu versuchen. „Franz Joseph stand tatsächlich über den Parteien, und zwar in dem Sinn, dass er keine dezidierten und vor allem keine dauerhaften Favoriten hatte. Daher war es ihm kein Anliegen, dass eine (von ihm favorisierte) politische Richtung auf Dauer allzu dominant wurde.“ Insofern ließ er Regierungschefs, auch solche, die er eigentlich schätzte, wieder fallen, wenn es ihm opportun erschien. Die Außenpolitik betrachtete er stets als seine persönliche Domäne, in die er sich von niemandem hereinreden lassen wollte. Und natürlich verstand er sich in erster Linie als Soldat, als solcher war er ausgebildet worden. Militärischen Fragen widmete er, auch in Friedenszeiten, mindestens die Hälfte seiner Arbeitszeit. Mit den Waffengattungen der Marine und der neu entstehenden Luftwaffe konnte er wenig anfangen – und brachte das auch zum Ausdruck. Es wird wohl auch sein Alter gewesen sein, das den Kaiser unmittelbar vor Beginn des Ersten Weltkrieges von einer Weiterentwicklung der ihm vorgestellten Panzer-Wagen absehen ließ. Bei der Vorführung scheuten die Pferde der Offiziere wegen des ungewohnten Lärms, und Unordnung konnte Franz Joseph gar nicht leiden. Dass die Ehe mit der berühmten Sissi – auf Österreichisch Sisi – nach kurzer Zeit unglücklich wurde, ist kein Geheimnis. Vielleicht eher, dass nicht die Burgschauspielerin Schratt die echte außereheliche Affäre darstellte, sondern eine geschiedene Kleinbürgerin, die der Monarch beim Lustwandeln im Schönbrunner Schlossgarten mit den eher plumpen Worten: „Sie gehen aber fleißig spazieren“ angesprochen hatte. Nach dem Freitod des Kronprinzen Rudolf wurde Erzherzog Karl, Neffe des Kaisers, Thronfolger. Er kommt bei Schmetterer überraschend gut weg, als einer, für den der Frieden wichtiger gewesen sei als ein österreichisch-ungarischer Sieg im Weltkrieg. Am Ende seines langen, von so vielen Schicksalsschlägen gekennzeichneten Lebens war Kaiser Franz Joseph wahrscheinlich wirklich so, wie die Nachwelt ihn schon fast karikaturenhaft gezeichnet hat: ein nicht besonders fröhlicher, pflichtbewusster Mann, der sich mit seiner Rolle abgefunden hatte und ihr nach besten Kräften nachkam. Generaladjutant Baron Margutti hatte wohl Recht, wenn er von „Entpersönlichung“ als auffälligstem Charakter-Merkmal sprach. Der Frühaufsteher, der mit fortschreitendem Alter mitten in der Nacht sein Tagwerk begann, schätzt die „schriftliche Erledigung“ der Vorgänge, wie er das nannte. Zehn Stunden Arbeit am Tag waren normal, noch an seinem letzten Lebenstag zeichnete er Akten ab. Bei seinem Tod gab es in Österreich-Ungarn keinen aktiven Staatsdiener, der seinen Dienst unter einem anderen Herrscher begonnen hätte. Siebzehn US-Präsidenten, fünf chinesische Kaiser und vier Päpste amtierten in seiner Zeit. Er selber war zum Inbegriff des Monarchen geworden. Christoph Schmetterer am Ende seiner gelungenen Einführung: „Gerade weil Österreich nur zwei Jahre nach seinem Tod zur Republik wurde, ist Franz Joseph bis heute der Kaiser schlechthin geblieben.“

    Christoph Schmetterer: Kaiser Franz Joseph I. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar, 2016, 229 Seiten, ISBN 978-3-205-20279-0, EUR 19,99