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    Überleben im KZ als Triumph über Hitler

    Zum 70. Jahrestag von Anne Franks Tod im KZ Bergen-Belsen Anfang März 1945 im Alter von 15 Jahren wird ihr Leben gleich mehrfach verfilmt. Am 18. Februar strahlt die ARD das Doku-Drama „Meine Tochter Anne Frank“ aus, in dem aus der Sicht von Otto Frank, Annes Vater und dem einzigen Überlebenden der Familie, Anne Franks Entwicklung geschildert wird. Im Zusammenarbeit mit dem 1963 gegründeten „Anne Frank Fonds Basel“, der die Rechte an dem Tagebuch der Anne Frank besitzt, soll darüber hinaus in diesem Jahr die auf Originaltexten der Tagebücher, neu publiziertem Archivmaterial und anderen Dokumenten basierende Verfilmung der Geschichte der Familie Frank unter der Regie von Hans Steinbichler nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer fürs Kino entstehen.

    Eva Schloss hat das Grauen von Auschwitz überlebt. Foto: Privat

    Zum 70. Jahrestag von Anne Franks Tod im KZ Bergen-Belsen Anfang März 1945 im Alter von 15 Jahren wird ihr Leben gleich mehrfach verfilmt. Am 18. Februar strahlt die ARD das Doku-Drama „Meine Tochter Anne Frank“ aus, in dem aus der Sicht von Otto Frank, Annes Vater und dem einzigen Überlebenden der Familie, Anne Franks Entwicklung geschildert wird. Im Zusammenarbeit mit dem 1963 gegründeten „Anne Frank Fonds Basel“, der die Rechte an dem Tagebuch der Anne Frank besitzt, soll darüber hinaus in diesem Jahr die auf Originaltexten der Tagebücher, neu publiziertem Archivmaterial und anderen Dokumenten basierende Verfilmung der Geschichte der Familie Frank unter der Regie von Hans Steinbichler nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer fürs Kino entstehen.

    Kürzlich ist aber auch als Buchform „Evas Geschichte“ erschienen, in dem Anne Franks „Stiefschwester“ Eva Schloss von ihrem jahrelangen Leben in einem Amsterdamer Versteck während der deutschen Besatzung erzählt. „Evas Geschichte“ weist große Parallelen zur Lebensgeschichte Anne Franks auf. Wurde Anne Frank zusammen mit den sieben anderen in der Prinsengracht Versteckten am 4. August 1944 verraten, so verhaftete die Gestapo Eva Schloss ausgerechnet an ihrem 15. Geburtstag am 11. Mai 1944 zusammen mit ihrer Mutter. Im Stadtgefängnis von Amsterdam kommen sie dann mit Vater Erich Geiringer und dem älteren Bruder Heinz zusammen. Vater und Bruder werden den Krieg nicht überleben – wahrscheinlich starben sie bei einem „Todesmarsch“. Eva und ihre Mutter Fritzi wurden wie Anne Frank, ihre Schwester Margot und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert. Starben jedoch Margot und Anne Frank im März 1945 in Bergen-Belsen, so überlebten Eva und ihre Mutter Fritzi Geiringer das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

    Eva Schloss, geborne Geiringer, die im Doku-Drama „Meine Tochter Anne Frank“ im Interview zu Wort kommt, wurde Stieftochter von Anne Franks Vater erst nach dem Krieg, als Evas Mutter Annes Vater Otto Frank 1953 heiratete. Kennengelernt hatten sich die etwa gleichaltrigen Anne Frank und Eva Geiringer in Amsterdam im Jahre 1939. Eva berichtet: „Obwohl ich einen Monat älter war als sie, erschien sie mir viel erwachsener. Sie besuchte die Montessorischule und war mir im Stoff etwa ein Jahr voraus.“ Ihr drei Jahre älterer Bruder Heinz lernte Margot Frank kennen, als nach dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 die jüdischen Schüler in Holland vom Gymnasium auf eine jüdische Schule überwechseln mussten. „Die beiden freundeten sich schnell an und machten oft die Hausaufgaben miteinander.“

    Die Familie Geiringer lebte in Wien, als am 12. März 1938 die Deutschen, „unter dem Jubelgeschrei der Österreicher“ – so Eva – in Österreich einmarschierten. Weil die Stimmung für Juden zunehmend feindselig wurde, wanderte zunächst Vater Erich im Mai 1938 nach Brabant/Holland aus. Bald darauf folgten ihm Eva mit ihrer Mutter und ihrem Bruder. Sie ließen sich zunächst in Brüssel nieder, siedelten aber dann nach Amsterdam über. Als im Februar 1941 die ersten Juden aus Amsterdam deportiert wurden, sucht Familie Geiringer ein Versteck. Vater und Bruder kommen bei einer Familie unter, Eva und ihre Mutter bei Frau Klompe. Hier wird sogar noch ein Versteck im Versteck eingerichtet: Die Toilette wird vom Rest des Badezimmers getrennt und zugekachelt. Noch am selben Tag, als es fertiggestellt wurde, durchsuchen deutsche Soldaten das Haus. Das Versteck bleibt unentdeckt. Diese Situation dauerte zwei Jahre, bis im Februar 1943 Frau Klompe von der Gestapo so sehr bedrängt wird, dass Fritzi und Eva Geiringer ihr Haus verlassen müssen. Das neue Versteck scheint sicher zu sein … bis zum erwähnten 11. Mai 1944, als die Gestapo mitten in das Geburtstagsfrühstück für Eva hineinplatzt.

    Was Eva Schloss aus Auschwitz schildert, ist zwar aus anderen Berichten von Überlebenden bekannt. Ihre Erzählung zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Sicht einer 15-Jährigen wiedergibt – wenn auch Eva Schloss sie erst im hohen Alter niederschrieb. So erlebt sie beispielsweise die Arbeit in der Kolonne „Kanada“ zunächst als ein Abenteuer. Dort sollten die Häftlinge insbesondere das Futter von Pelzmänteln aufschneiden, um nach verstecktem Schmuck, Gold, Geld und anderen Wertsachen zu suchen. „Das alles machte mir Spaß, bis ich plötzlich an die Leute denken musste, die diese Habseligkeiten in die Pelzmäntel eingenäht hatten.“

    Gottvertrauen und die Kraft des Gebetes scheinen in „Evas Geschichte“ immer wieder auf. Als sie etwa der „Selektion“ nur deshalb entkommt, weil sie einen langen Mantel und einen Hut angezogen hatte, um erwachsener auszusehen, bemerkt sie: „So lächerlich ich ausgesehen haben mag, der lange Mantel und der Hut haben mir das Leben gerettet. Papis Gebet war wieder einmal erhört worden.“

    Trotz ihres jugendlichen Alters hatte Eva verstanden, dass Ziel und Zweck von Auschwitz in der Judenvernichtung bestand: „Wenn man uns eine Chance gegeben hätte, unter widrigsten Bedingungen zu überleben, so hätte ich es als Herausforderung begriffen, aber mir war klar geworden, dass wir nicht die geringste Chance hatten. Das System war darauf ausgerichtet, uns alle zu vernichten. Aber mein Überlebenswille war stark und ich hatte mir geschworen, so lange wie nur möglich durchzuhalten.“ Dass sowohl ihre Mutter als auch sie überlebten, verdanken sie größtenteils der Hilfe einer Freundin von Evas Mutter namens Minni. Sie hatte einen berühmten Dermatologen geheiratet. „Obwohl auch sie seit ein paar Monaten in Birkenau war, nahm sie aufgrund des Ansehens, das ihr Mann genoss – er hatte viele Deutsche mit Hautkrankheiten behandelt und tat es noch immer –, eine Sonderstellung ein. Minni hatte ihrem Mann oft assistiert und war daher als Hilfskraft sehr geschätzt.“

    Wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod in Auschwitz-Birkenau war, verdeutlicht eine weitere Begebenheit aus „Evas Geschichte“: Zusammen mit einer anderen Frau wurde sie zum Lastwagen geschickt, der sie zur Gaskammer bringen sollte, obwohl die beiden eigentlich nicht dafür vorgesehen waren. Vor dem Einsteigen überprüft eine SS-Frau die eintätowierten Nummern. „Plötzlich rief eine der Frauen kraftlos: ,Frau Obersturmführerin, ich bin die Tochter eines deutschen Offiziers, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist!‘ Die Obersturmführerin zuckte mit den Schultern. ,Ich bin erst sechzehn‘, jammerte eine andere. ,Bitte, verschonen Sie mich. Lassen Sie mich am Leben.‘ Keine Gefühlsregung war in dem Gesicht der Obersturmführerin zu sehen. Ungerührt setzte sie ihre Arbeit fort. (…) ,Frau Obersturmführerin, wir beide gehören nicht hierher. Man hat uns versehentlich aus einer anderen Baracke hergebracht‘.“ Die Nummern werden überprüft. „Sie war wütend, dass hier offenbar etwas nicht stimmte. (…) Die Türen des Lastwagens knallten zu und der Fahrer erhielt den Befehl, abzufahren. Uns aber brachte man in eine andere Baracke.“ Die Episode entlarvt aber auch ein System, dass peinlich genaue Bürokratie über jede Menschlichkeit stellte. Das Überleben, das vielen KZ-Häftlingen zu lebenslanger Belastung wurde, legt Schloss schließlich positiv aus: „Die Pläne des Führers – nämlich die Vernichtung der gesamten Juden, die in dem Befehl zur ,Endlösung der Judenfrage‘ gipfelten – hatten sich nicht verwirklichen lassen. Dass wir trotz der unaussprechlichen Not, des Elends und der Qualen überlebt hatten, machte uns zu Siegern.“

    Eva Schloss: Evas Geschichte. Anne Franks Stiefschwester und Überlebende von Auschwitz erzählt. Brunnen 2014, 274 Seiten, EUR 12,99