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    Über die Wirksamkeit geistiger Waffen

    Arnold Joseph Toynbee, geboren am 14. April 1889, gestorben am 22. Oktober 1975, war der vielleicht letzte christlich geprägte Universalhistoriker der westlichen Welt. Vor allem war er jedoch ein Historiker, der sich, obwohl oder gerade weil er die politische Realität aus eigener Anschauung bestens kannte, nie scheute, den Gang der Geschichte in ihrer religiösen Bedingtheit zu sehen und zu analysieren.

    Der Historiker Arnold Toynbee. Foto: IN

    Arnold Joseph Toynbee, geboren am 14. April 1889, gestorben am 22. Oktober 1975, war der vielleicht letzte christlich geprägte Universalhistoriker der westlichen Welt. Vor allem war er jedoch ein Historiker, der sich, obwohl oder gerade weil er die politische Realität aus eigener Anschauung bestens kannte, nie scheute, den Gang der Geschichte in ihrer religiösen Bedingtheit zu sehen und zu analysieren.

    Toynbee, Neffe des bekannten englischen Wirtschaftshistorikers Arnold Toynbee, war nach seinem Studium in Oxford während beider Weltkriege für das Foreign Office in London tätig. Von 1925 bis 1955 war er Direktor am Royal Institute of International Affairs und hatte eine Forschungsprofessur für internationale Geschichte an der Universität London. Toynbee, der sich selbst als „Metahistoriker“ bezeichnete, war zunächst vor allem an wiederkehrenden Mustern und Veränderungsprozessen in der Geschichte interessiert, später auch an Fragen des Ursprungs bestimmter Themen und Spannungsmuster, insbesondere des Ursprungs und der religiösen Verankerung dessen, was man auf Englisch so schön das zivilisierte Leben nennt. Im Deutschen mal mit „Kultur“, mal mit „Zivilisation“ übersetzt, meint man damit zumeist ein nach westlichem Verständnis in Freiheit und Selbstbestimmung bei vollem Wissen um die Güte Gottes und die Regeln des Anstandes in einem Gemeinwesen geführtes Leben. Aufstieg und Niedergang eben dieses Miteinander in Freiheit und Verantwortung, also der Kulturen oder Zivilisationen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen über die Jahrhunderte und Jahrtausende der Geschichte der Menschheit hinweg waren es, die Arnold Toynbee zeitlebens faszinierten und die er in seinem weithin bekannten zwölfbändigen Werk „A Study of History“ (auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Der Gang der Weltgeschichte“) darzustellen versuchte.

    Im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Oswald Spengler verfiel Toynbee jedoch dabei nicht in einen schwermütigen Fatalismus, sondern betonte die moralischen und religiösen Herausforderungen, die historische Veränderungen stets mit sich bringen, ja betonte stets die freie Selbstbestimmung und Gestaltungsmöglichkeit jedes Einzelnen und sah die Sache, auch dies ist wohl typisch englisch – nicht klagend und leidend, sondern nüchtern und sportlich. Toynbee interessierte vor allem die geistig-moralische Robustheit von Zivilisationen, daraus abgeleitet auch die Wirksamkeit geistiger Waffen für das Gemeinwesen wie für jede einzelne Seele. An ihr machte er auch deren jeweilige Aussicht auf den materiellen Erfolg, also auf ein physisches und tatsächliches Überleben fest. Was in moderner Terminologie individualpsychologisch heutzutage gern als das entscheidende Charaktermerkmal zur Bewältigung von Krisen als Resilienz beschreibt, hat Toynbee also schon sehr viel früher auf transnationaler und transhistorischer Ebene entdeckt und als wesentlich für das Überleben von Kulturen und Zivilisationen beschrieben. Zwar haben ihm sein Blick für das große Ganze, sein lebhaftes Interesse an den Kulturen und Religionen des Orients, insbesondere Zentralasiens und des Fernen Ostens und die Tatsache, dass er sich weder für den Humanismus noch für die Aufklärung begeistern konnte, bei zahlreichen Historiker-Kollegen wissenschaftlich diskreditiert und seinem Werk den Ruf einer „Philosophy of Mish Mash“ eingetragen, doch ist die klare Positionierung Toynbees, der mit einer überzeugten Katholikin verheiratet war, alles andere als ungenau. Toynbee, weitgereist und geheimdiensterfahren, erlaubte sich den Luxus, mit seiner hohen Meinung der zentralen Rolle des Christentums für die Betrachtung der Geschichte anzuecken. Arnold Toynbee träumte von einer Welt, in der alle einer gemeinsamen Religion, idealerweise der christlichen Religion, angehören würden.

    Vom Islam hielt er nicht sehr viel, die Kultur des Osmanischen Reiches bezeichnete er 1917 als eine „Kultur des Todes“ („Wo sich türkische Regeln verbreitet haben, ist die Zivilisation verschwunden“, schrieb er über den Massenmord an Armeniern), das Verhalten der Deutschen in Polen verurteilte er bereits 1916 aufs Schärfste. Er betonte immer wieder die Freiheit des Menschen gegenüber allen politischen, klimatischen und historischen Her-ausforderungen und die Verantwortung des Individuums vor Gott und den Mitmenschen. Ganz besonders lesenswert und an vielen Stellen visionär ist das kleine, kaum beachtete Bändchen „Kultur am Scheidewege“ (Originaltitel „Civilisation On Trial“, in dem Toynbee nicht nur sein Selbstverständnis als Historiker darlegt, sondern sich zahlreichen Fragen der Implikationen einer kleiner gewordenen Welt, eines kleiner gewordenen Europas und der Bedeutung des Islam für die Zukunft Europas stellt. Auch deshalb, weil er immer wieder die Frage der Religion als Dreh- und Angelpunkt der historischen Entwicklung von Kulturen sieht, wird Toynbees Werk gern mit Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ verglichen. Mit Huntington verbindet ihn, dass man sein Werk als visionär bezeichnen muss und auch heute noch mit Gewinn lesen kann.