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    Treu zur Überlieferung

    Dass es Widerspruch geben würde, war zu erwarten. Doch darin besteht eben das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht des Dichters: das Unangenehme zu sagen – nicht das kitschig Gefällige, das Popstars, Politiker oder journalistische Populisten der Masse so gern und engagiert verabreichen. Botho Strauß hat im aktuellen „Spiegel“, in dem er mit einem selbstironisch als „Glosse“ bezeichneten Essay seinen berühmten „Anschwellenden Bocksgesang“ (vgl. DT vom 1. Oktober 2015) von 1993 fortschreibt, das Unangenehme gesagt. In „Der letzte Deutsche“ leistet der 70-jährige Schriftsteller eine schonungslose Analyse der im Sommer 2015 dramatisch fortgeschrittenen Flüchtlingskrise und der deutschen Willkommenskultur, einer Kultur, der es aus Sicht des Dichters an Verständnis und Liebe für die eigene „Überlieferung“, die eigenen Errungenschaften fehle und hinter der sich eigentlich ein ganz anderes Motiv als Offenheit verberge. „Das Gutheißen und Willkommen geschieht derart forciert, dass selbst dem Einfältigsten darin eine Umbenennung, Euphemisierung von Furcht, etwas magisch Unheilabwendendes auffallen muss.“ Ganz anders hingegen, so Strauß, sei vermutlich die Einstellung der „Mehrzahl“ der Flüchtlinge, die „ihr Fremdsein auf Dauer bewahren und beschützen“ wollten. Wobei es aus Sicht von Strauß durchaus möglich ist, dass unter den Flüchtlingen Menschen seien, die „in puncto Wissbegierde“ gute Voraussetzungen trügen, das, was die europäische Kultur einst ausmachte, zu lernen und zu schätzen („Eher wird ein Syrer sich im Deutschen so gut bilden, um eines Tages Achim von Arnims ,Der Kronenwächter‘ für sich zu entdecken, als dass ein gebildeter Deutscher noch wüsste, wer Ephraim der Syrer war“). Im Unterschied zu den „Sozial-Deutschen“, die über keinerlei „kulturellen Schmerz“ verfügten angesichts des gegenwärtigen „Fließgleichgewichts der Erde“, und „die nicht weniger entwurzelt sind als die Millionen Entwurzelten, die sich nun zu ihnen gesellen“. Die Geburt auf einem bestimmten Territorium, so kann man schlussfolgern, sagt nichts (mehr) über die Qualität der nationalen Bildung und Kulturverhaftung aus.

    In der Wahlheimat von Botho Strauß: Herbst in der Uckermark. Foto: IN

    Dass es Widerspruch geben würde, war zu erwarten. Doch darin besteht eben das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht des Dichters: das Unangenehme zu sagen – nicht das kitschig Gefällige, das Popstars, Politiker oder journalistische Populisten der Masse so gern und engagiert verabreichen. Botho Strauß hat im aktuellen „Spiegel“, in dem er mit einem selbstironisch als „Glosse“ bezeichneten Essay seinen berühmten „Anschwellenden Bocksgesang“ (vgl. DT vom 1. Oktober 2015) von 1993 fortschreibt, das Unangenehme gesagt. In „Der letzte Deutsche“ leistet der 70-jährige Schriftsteller eine schonungslose Analyse der im Sommer 2015 dramatisch fortgeschrittenen Flüchtlingskrise und der deutschen Willkommenskultur, einer Kultur, der es aus Sicht des Dichters an Verständnis und Liebe für die eigene „Überlieferung“, die eigenen Errungenschaften fehle und hinter der sich eigentlich ein ganz anderes Motiv als Offenheit verberge. „Das Gutheißen und Willkommen geschieht derart forciert, dass selbst dem Einfältigsten darin eine Umbenennung, Euphemisierung von Furcht, etwas magisch Unheilabwendendes auffallen muss.“ Ganz anders hingegen, so Strauß, sei vermutlich die Einstellung der „Mehrzahl“ der Flüchtlinge, die „ihr Fremdsein auf Dauer bewahren und beschützen“ wollten. Wobei es aus Sicht von Strauß durchaus möglich ist, dass unter den Flüchtlingen Menschen seien, die „in puncto Wissbegierde“ gute Voraussetzungen trügen, das, was die europäische Kultur einst ausmachte, zu lernen und zu schätzen („Eher wird ein Syrer sich im Deutschen so gut bilden, um eines Tages Achim von Arnims ,Der Kronenwächter‘ für sich zu entdecken, als dass ein gebildeter Deutscher noch wüsste, wer Ephraim der Syrer war“). Im Unterschied zu den „Sozial-Deutschen“, die über keinerlei „kulturellen Schmerz“ verfügten angesichts des gegenwärtigen „Fließgleichgewichts der Erde“, und „die nicht weniger entwurzelt sind als die Millionen Entwurzelten, die sich nun zu ihnen gesellen“. Die Geburt auf einem bestimmten Territorium, so kann man schlussfolgern, sagt nichts (mehr) über die Qualität der nationalen Bildung und Kulturverhaftung aus.

    Wobei Strauß sich in dem aktuellen Essay nicht nur – und nicht zum ersten Mal – gegen das Milieu seiner „amusischen“ Lieblingsfeinde richtet („Mediasten“, „Netzwerker“, „Begeisterte des Selbst“) – überaus energisch wehrt sich der zurückgezogen in der Uckermarck lebende Dichter, Denker und Dramatiker gegen die linke Wirtschaftsphilosophie, die bei der gegenwärtig artikulierten und praktizierten Willkommenskultur auch eine große Rolle spiele. „Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.“

    Strauß wehrt sich also gegen einen linken, menschenverachtenden Zweck-Biologismus, und er wehrt sich gegen einen damit eng einhergehenden Konformismus-Zwang, an dem – dies darf man hinzufügen – die Demokratie nur Schaden nehmen kann. „Uns wird geraubt die Souveränität, dagegen zu sein. Gegen die immer herrschsüchtiger werdenden politisch-moralischen Konformitäten.“ Denn: „Ihre Farbe scheinen parlamentarische Parteien heute ausschließlich in der Causa Schwulenehe zu bekennen.“ Hier sieht Strauß hellsichtig künftige Konfliktlinien voraus, denn gerade diejenigen Flüchtlinge, die als gläubige Muslime wissen, was „Überlieferung“ und was „Gehorsam“ ist, sind sicherlich die denkbar schlechtesten Objekte für die „Weisung politischer Korrektheit“, für libertäre „Verhaltensbefehle“ und andere säkulare, postmoderne Ideologieprojekte. „Das Kopftuch sei Zeichen von religiöser Selbstverwirklichung einer Frau, so eine gütige Angehörige der Grünen. Trefflicher kann man sein verständnisvolles Unverständnis nicht in Worte fassen. Man muss eben auch den rituellen Gehorsam in die Sprache der Emanzipation übersetzen.“

    Wie schon beim „Anschwellenden Bocksgesang“ zeigt Strauß auch in „Der letzte Deutsche“ Verständnis und Sympathie für Menschen, die ihr Leben nach ihrem religiösen Glauben und dem Sittengesetz ausrichten, weshalb er den terroristischen Missbrauch der Religion, insbesondere des Islams umso stärker brandmarkt („Wie soll ich das verkraften?“). Interessant ist sein Vergleich zwischen den islamisch theokratischen Ländern und den westlichen Demokratien. „In islamisch theokratischen Ländern wie Iran sind es wenige (Gelehrte), die den meisten, den Massen, Weisung geben. Bei uns bestimmen Massen und Medien das Niveau der politischen Repräsentanten, die allesamt Ungelehrte in jeder Richtung sind, nicht zuletzt weil Parteizugehörigkeit zwangsläufig Wissen reguliert und im Wesentlichen kein außerdemokratisches aus der Tiefe der Zeit zulässt.“ Die Prophetie eines dritten Weges, wie sie der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem aktuellen Roman „Unterwerfung“ für das zukünftige Frankreich entwirft, findet sich bei Strauß nicht. Dafür, wie der Publizist Johano Strasser in einem Radiointerview mit „Deutschlandradio Kultur“ gesagt hat, „Codwörter und Signalbegriffe“. Lassen diese genug freien Raum für Interpretationen? Oder könnten sie sogar zum Spielmaterial für rechte Rattenfänger werden? Böswillige Kommentatoren, die Strauß nun vorwerfen, seine Dichtung ans „Dumpfe“ (Berliner Zeitung) verscherbelt zu haben, entgeht einmal mehr, wie groß und unvereinbar das geistige Wissen und Sensorium des Schriftstellers mit derartigen gefährlichen Massenbewegungs-Intentionen ist. Wie kleingeistig und geschichtsignorant bereits ein solcher Vorwurf wirkt.

    Raum für Interpretation lässt jedoch die Zukunftsperspektive, die Strauß als „Schriftsteller des Deutschen“ bietet. Kann man an manchen Stellen eine Einladung zum Rückzug in die Literatur herauslesen („Zuflucht in die ästhetische Überlieferung zum einen, zum anderen Erdulden ihrer Auslöschung“), so blitzt am Ende doch eine deutliche Ermahnung zum Engagement auf: „Aber wie will man dem Krieg, falls er uns angetragen wird, ausweichen? Schließlich gehört nicht nur Freiheit, sondern auch Freiheitskampf zu unseren viel beschworenen Werten.“

    Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass Strauß seine Hoffnung „auf ein wiedererstarktes, neu entstehendes ,Geheimes Deutschland‘“ ausdrückt. Das mag wie ein Widerspruch anmuten, denn diese dem Dichter Stefan George entliehene Idee ist oft als ästhetisch-esoterische Versponnenheit gebrandmarkt worden. Wenn man jedoch bedenkt, dass es genau diese Idee war, die seinerzeit den Widerstandskämpfer Graf von Stauffenberg antrieb, sich dem braunen Vernichtungs- und Selbstvernichtungsprogramm entgegenzustellen, so wird die Aussage klarer. Die Hermetik lichtet sich. „Selbstbesinnung“ bleibt nach Botho Strauß möglich, das „Programm“ der „Selbstaufgabe“ muss nicht das letzte, alternativlose Wort behalten. Dass ein Aufruf zum Widerstand im Text enthalten ist, ist den Medienberichten darüber offenbar entgangen.