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    Trauerbewältigung durch absurde Situationen

    Trauerbewältigung gehört zu den immer wiederkehrenden Sujets des Kinos. Selbst ein Spielfilm wie der mit sieben Oscars ausgezeichnete „Gravity“ (Alfonso Cuarón, 2013), der vordergründig von einer Weltraumreise und -rettung handelt, stellt sich eigentlich als eine Geschichte über Bewältigung von Trauer und Verlust heraus. Dass eine ungewöhnliche Freundschaft dazu beitragen kann, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen, verdeutlichte Jake Scott in seinem Spielfilm „Willkommen bei den Rileys“ (Jake Scott, 2010) durch eine Vater-Tochter-Beziehung zwischen einem Mann mittleren Alters, der vor Jahren eine 15-jährige Tochter verloren hatte, und einer Minderjährigen aus dem Rotlichtmilieu.

    Nach dem Tod seines 25-jährigen Sohnes kehrt Eyal (Shai Avivi, rechts) nicht wie seine Frau wieder zum Alltag zurück. Er... Foto: temperclayfilm

    Trauerbewältigung gehört zu den immer wiederkehrenden Sujets des Kinos. Selbst ein Spielfilm wie der mit sieben Oscars ausgezeichnete „Gravity“ (Alfonso Cuarón, 2013), der vordergründig von einer Weltraumreise und -rettung handelt, stellt sich eigentlich als eine Geschichte über Bewältigung von Trauer und Verlust heraus. Dass eine ungewöhnliche Freundschaft dazu beitragen kann, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen, verdeutlichte Jake Scott in seinem Spielfilm „Willkommen bei den Rileys“ (Jake Scott, 2010) durch eine Vater-Tochter-Beziehung zwischen einem Mann mittleren Alters, der vor Jahren eine 15-jährige Tochter verloren hatte, und einer Minderjährigen aus dem Rotlichtmilieu.

    In seinem Spielfilmdebüt „Ein Tag wie kein anderer“ erzählt der 1983 in Washington geborene und in Israel aufgewachsene Regisseur Asaph Polonsky ebenfalls von einer ungewöhnlichen Freundschaft über Generationen hinweg, die zur Trauerbewältigung beiträgt. Eyal (Shai Avivi) trauert nach dem Tod seines 25-jährigen Sohnes traditionsgemäß eine Woche lang. Die Shiva, das jüdische Trauerritual, ist nun beendet. Die Kamera von Moshe Mishali verbleibt bei der Aufräumungsaktion, nachdem sich die Trauergäste verabschiedet haben: Die Essensreste werden in den Müllsack befördert, Eyal und seine Frau Vicky (Evgenia Dodina) rücken den Tisch zurück an den gewohnten Platz. Als die Nachbarn mit einem Salat aufkreuzen, werden sie einfach hinauskomplimentiert. Vicky versucht, ihren Schmerz durch die Rückkehr in den Alltag als Lehrerin zu bewältigen. Aber Eyal kann nicht einfach am Tag nach der siebentägigen Trauer den gewohnten Gang der Dinge wieder aufnehmen. Statt zur Arbeit fährt er zum Hospiz, in dem sein Sohn gestorben ist. Eyal sucht die bunt gemusterte Decke seines Sohnes. Er findet sie zwar nicht, dafür entdeckt er ein Päckchen Marihuana, das offensichtlich zur Schmerzlinderung dem Sohn verschrieben wurde. Da er es aber nicht schafft, einen Joint zu drehen, bittet Eyal den Sohn des Nachbarn Zooler (Tomer Kapon) um Hilfe, der sich als Sushi-Lieferant durchschlägt und noch bei den Eltern wohnt. Zusammen verbringen sie diesen einen unvergesslichen Tag, der „wie kein anderer“ ist. Dabei ergeben sich etliche absurde Situationen, die ihnen helfen, gemeinsam einen Weg aus der Trauer zu finden. Während Zooler kräftig für einen Luftgitarrenwettbewerb übt, versucht Eyal einfach den Tag stoisch zu bewältigen.

    Zur Idee für das Drehbuch führt Asaph Polonsky aus: „Die Freundin eines meiner besten Freunde war bereits in jungen Jahren und nach langer Krankheit gestorben. Kurz danach saß ich mit weiteren Freunden im Haus seiner Eltern und wir leisteten ihm emotionalen Beistand. In so einem Moment gibt es nicht viel zu sagen, man sitzt vielmehr schweigend zusammen. Plötzlich brach einer das Schweigen und fragte: ,Habt ihr noch etwas von ihrem medizinischen Marihuana?‘ Alle schauten ihn derart verwundert an und es entstand ein kaum zu beschreibender, jedoch sehr realer Moment, der mich lange nicht loslassen sollte. Als später meine Tante in noch jungen Jahren starb, erkannte ich abermals, wie sich Menschen auf ihre eigene und oft auch unerwartete Art und Weise während des Trauerprozesses verhalten.“

    „Ein Tag wie kein anderer“ garniert die skurrilen Situationen mit einer ganzen Reihe Gags: Eyal streitet mit einem Taxifahrer wegen der Bezahlung, dann scheitern alle seine Versuche, einen Joint zu drehen. Aber die am Slapstick nahe Situationskomik wird durch Handlungsnebenstränge austariert, die Asaph Polonskys Film außerdem Tiefe verleihen. Eyal soll dafür sorgen, dass die Gräber neben dem Grab des Sohnes für ihn und seine Frau reserviert werden – seine Frau Vicky hat ihn mehrfach daran erinnert. Als er endlich daran denkt, muss Eyal feststellen, dass neben dem Grab des Sohnes ein Schild mit dem Namen Meirav steht. In der Trauerhalle erfährt er – und mit ihm natürlich auch der Zuschauer – wer Meirav ist. Deren älterer Bruder erzählt von ihr. Zu dieser ergreifenden „Geschichte in der Geschichte“ kommt ein Nebenstrang über das kleine Mädchen hinzu, das im Hospiz am Sterbebett der Mutter ausharrt. Eyal und Zooler bringen es zum Lachen, indem sie eine Operation pantomimisch darstellen. Mit Erlaubnis der sterbenden Mutter fahren die beiden das Mädchen ans Meer, um es auf andere Gedanken zu bringen. Eine besonders bewegende Szene gelingt Asaph Polonsky, als Zooler im Bett des verstorbenen Sohnes einschläft. Zu ihm gesellen sich zunächst Eyal und danach auch Vicky in embryonaler Schlafposition. Dies ist darüber hinaus einer der wenigen Augenblicke, in denen die Eltern gemeinsam um ihren Sohn trauern.

    Denn „Ein Tag wie kein anderer“ kippt trotz der absurden Situationen – Eyal beim gescheiterten Versuch, einen Joint zu drehen, Zooler als Luftgitarrist, der durch die ganze Wohnung hoppst – nie in eine ihres Sujets unwürdige Klamotte. In seinem Spielfilmdebüt gelingt es Asaph Polonsky, die Situationskomik mit ernsten Augenblicken zu verknüpfen, in denen sich Trauer und Schmerz um den Tod des Sohnes immer wieder Bahn brechen. „Ein Tag wie kein anderer“ handelt von einer ungewöhnlichen Freundschaft. Dadurch, dass Eyal durch Zoolers unbeschwertes, manchmal kindisches Benehmen seine Trauer bewältigen kann, gelingt das Gleichgewicht von Tragischem und Komischem – „Die Vermischung des Traumatischen mit dem Absurden“, beschreibt Asaph Polonsky seinen Film. Deshalb entlässt „Ein Tag wie kein anderer“ den Zuschauer nicht ohne Hoffnung.