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    Trauer ohne Gott

    Der Volkstrauertag ist ein Tag der Erinnerung und der Besinnung, ein Tag des Gedenkens an die Toten von Krieg und Gewalt. Der Volkstrauertag 2014 könnte demnach ein ganz herausragender Tag in der jüngeren Geschichte der Volkstrauertage werden. Denn vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg und 75 Jahre ist es her, dass mit dem Überfall der Deutschen auf Polen der Zweite Weltkrieg ausbrach.

    Gräberfeld für gefallene Soldaten in Magdeburg (Sachsen-Anhalt). Foto: dpa

    Der Volkstrauertag ist ein Tag der Erinnerung und der Besinnung, ein Tag des Gedenkens an die Toten von Krieg und Gewalt. Der Volkstrauertag 2014 könnte demnach ein ganz herausragender Tag in der jüngeren Geschichte der Volkstrauertage werden. Denn vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg und 75 Jahre ist es her, dass mit dem Überfall der Deutschen auf Polen der Zweite Weltkrieg ausbrach.

    Und dennoch ist anzunehmen, dass auch der Volkstrauertag 2014 überwiegend unspektakulär verläuft und von weiten Teilen der Bevölkerung unbeachtet bleibt. Das liegt sicherlich auch daran, dass der beiden Weltkriege bereits im Deutschen Bundestag und anderswo ausgiebig gedacht wurde. Aber es liegt wohl vor allem daran, dass der Volkstrauertag ohnehin „als gelebter, aktiv begangener Gedenktag … für die allermeisten Deutschen keine Rolle spielt“, wie die Autorin Alexandra Kaiser („Von Helden und Opfern“) schreibt. Seine Geschichte zeigt, dass zu keiner Zeit die Akzeptanz besonders groß war, nicht in der Weimarer Republik, nicht in der NS-Zeit und auch nicht in der jungen Bundesrepublik Deutschland, obwohl der Bundespräsident die Schirmherrschaft übernahm. In der DDR gar wurde ein solcher oder vergleichbarer Gedenktag erst gar nicht begangen.

    Der Name „Volkstrauertag“ wirkt antiquiert; keiner spricht heute mehr vom „Volk“ oder gar vom „deutschen Volk“, sondern allenfalls von der „Bevölkerung“. Nirgendwo wird dieses sinnbildhafter zum Ausdruck gebracht als im Reichstagsgebäude, wo seit dem Umzug des Parlaments von Bonn nach Berlin die zentrale Gedenkveranstaltung durchgeführt wird. Am Hauptportal des Gebäudes prangt von weitem sichtbar die Inschrift „Dem deutschen Volk“ und im nördlichen Innenhof ist das Kunstobjekt von Hans Haacke „Der Bevölkerung“ angebracht, dessen Schriftzug von der Besucherplattform des Reichstagsgebäudes auch bei Nacht deutlich zu lesen ist.

    Die öffentlich oder staatlich gelenkte Trauerarbeit in Deutschland geht auf das Jahr 1816 zurück. In einer Zeit, wo infolge der Säkularisation die zahllosen kirchlichen Feiertage reduziert wurden, hatte König Friedrich Wilhelm III. für die protestantische Kirche seines Landes Preußen die kirchliche Feier des Totensonntags angeordnet. Neben der Erinnerung an die Toten der Befreiungskriege stand jedoch die gleichzeitig angeordnete Kollekte für Invalide und Hinterbliebene im Vordergrund. Friedrich Wilhelm III. ließ darüber hinaus in Berlin das Wachhaus mit der Gedenkstätte für die Gefallenen der Befreiungskriege errichtet, die heute so genannte „Neue Wache“ Unter den Linden.

    Nach der Reichseinigung 1871 stand die Erinnerung an erfolgreiche Schlachten und Kriege im Mittelpunkt der Feiern am Totensonntag. Für die Aufmärsche, Ansprachen und Kranzniederlegungen wurden die Gotteshäuser verlassen, dafür aber sakrale Elemente in den öffentlichen Raum getragen. Ein öffentliches und sogar national angeordnetes Totengedenken, das in Deutschland auch Züge von Siegesfeiern annehmen konnte, sollte kennzeichnend für die europäischen Industriestaaten oder besser Industrienationen des 19. Jahrhunderts werden. Es gab kaum eine Gemeinde in Deutschland, in der nicht auch ein Kriegerdenkmal errichtet worden war, an dem Feiern zu Ehren der gefallenen Soldaten abgehalten wurden.

    Erst in der Weimarer Republik gelang es unter dem Trauma des Ersten Weltkrieges, die Trauerbewältigung in den Vordergrund zu rücken. Sie ging einher mit dem Schmerz über den verlorenen Krieg und den wirtschaftlichen Nöten zwischen Reparationszahlungen und Weltwirtschaftskrise. Nicht selten schwang eine Portion Selbstmitleid bei den Trauerreden mit. Die Sinngebung des Todes von Millionen Soldaten und Zivilopfern war das Anliegen des 1919 gegründeten „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“, der diesen Trauertag seit 1920 organisierte und fortan für sich beanspruchte. Der Volkstrauertag war einer außerparlamentarischen und außerparteilichen Initiative zu verdanken; der Erfolg dieser Initiative war garantiert, weil schon die Nationalversammlung in Weimar daran dachte, einen nationalen und völlig entchristlichten Trauertag in der Verfassung zu verankern. In einzigartiger Weise wurde vom Volksbund die Öffentlichkeit nicht nur sensibilisiert, sondern auch politisch motiviert und schließlich instrumentalisiert. Die begleitende Rechtfertigungsliteratur ehemaliger Offiziere trug das Nötige dazu bei – und auf seine Weise auch Erich Maria Remarque, der mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ dem mannhaften Heroismus und der Glorifizierung von Lebenskraft und Kampfgeist deutlich die Schranken wies.

    Es war nicht verwunderlich, dass beim Volksbund in der Zeit des Nationalsozialismus eine „anpassungsfreudige Einstellung“, so der Autor Meinhold Lurz („Kriegerdenkmäler in Deutschland“) gegenüber der neuen Ideologie vorhanden war, die dem Volksbund, statt Gleichschaltung, eine enorme Eigenständigkeit bescherte. Aus dem Totengedenken wurde Heldenkult und das auch schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Denn neben den Opfern des Ersten Weltkrieges wurden nun auch die Kämpfer der NSDAP in das Gedenken einbezogen, die „Totengräber der Weimarer Republik“, die bei Straßenkämpfen und Saalschlachten für die nationalsozialistische Bewegung ihr Leben ließen. Ehrung der „Blutzeugen des Nationalsozialismus“ hieß es nun in der Satzung des Volksbundes. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sicherte sich sein Überleben in der Bundesrepublik Deutschland, indem er an die Weimarer Zeit anknüpfend gebetsmühlenartig die Rede des Weimarer Reichstagspräsidenten Paul Löbe von 1928 zitierte. Die Organisatoren lenkten von ihrer einstigen Nähe zur NS-Ideologie ab, indem sie den unverdächtigen Sozialdemokraten Löbe schon zu seinen Lebzeiten für ihre öffentliche Trauerarbeit einvernahmten.

    Zukünftig wurde in der Bundesrepublik bei der offiziellen, vom Volksbund organisierten, Kranzniederlegung auf Trommelrühren, das Spielen von Trauerweisen und Trompeten verzichtet, die den obligatorischen Kranzniederlegungen bis dahin einen stark militärischen Anstrich gaben.

    Der Volksbund hätte in der Bundesrepublik Deutschland nicht Fuß fassen können, wenn er sich nicht – neben der dringend erforderlichen Umdeutung vom Heldengedenktag zum Volkstrauertag – der verdienstvollen Kriegsgräberfürsorge in der ganzen Welt verpflichtet hätte. Der Erhalt und die Pflege von Kriegsgräbern – gerade im Ausland – sind Eckpfeiler seiner Versöhnungsarbeit. 10 000 Jugendliche wirken heute jährlich an der Pflege der letzten Ruhestätte von circa 2, 5 Millionen Kriegstoten und 832 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten mit.

    In der Nachkriegszeit standen bei den Begegnungen mit Zeitzeugen und Mitgliedern des Volksbundes vor allem Einzelschicksale im Mittelpunkt. Damit wurde die erlebte Vergangenheit stark emotionalisiert und die Opferperspektive des Wehrmachtssoldaten in den Blickpunkt gerückt. Der historische Kontext konnte ausgeblendet werden. Der Einzelne, und auch der Überlebende, wurde zum Opfer des Nationalsozialismus erklärt. Mit diesem pädagogischen Ansatz trug der Volksbund mit dazu bei, dass in der Bundesrepublik Deutschland der Mythos vom „einfachen Soldaten“ und der „sauberen Wehrmacht“ bis zur Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung von 1995 erhalten geblieben war.

    Reinhard Koselleck hat darauf hingewiesen, dass Sinnstiftung des Sterbens im Krieg immer „ex post“ erfolgt, und für die Hinterbliebenen, die sich an dieser Sinnstiftung per se beteiligen, von großer Bedeutung ist. Hierin lag und liegt schließlich die Chance für den Fortbestand des Volkstrauertages. Auf die Ehrung des Opfers in den 1950er Jahren, das Pflichtbewusstsein und die Treue des deutschen Soldaten verkörperte, folgte in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre die Hinwendung zum – erstmals auch im wörtlichen Sinne – Volkstrauertag, indem die NS-Verfolgten in die Reden und Ansprachen einbezogen wurden. Da war für eine Glorifizierung der gefallenen Krieger nur wenig Platz. Die Sinngebung des Volkstrauertages bestand in der Betonung des sinnlosen Sterbens der Soldaten. Dem Sinnlosen wurde, wie der Soziologe Helmut Dahmer betont, ein Sinn gegeben.

    Waren nun endlich auch die Opfer des nationalsozialistischen Terrors in das Trauergedenken einbezogen worden, und hier insbesondere die Millionen Juden, die in ganz Europa verfolgt und vernichtet worden waren, folgte lange nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes die Einbeziehung der ersten gefallenen Soldaten während der Auslandseinsätze der Bundeswehr. Der Volkstrauertag erhielt einmal mehr Potenzial, zu einem zentralen Gedenktag der deutschen Zivilgesellschaft zu werden.

    Der Volkstrauertag wurde in der Weimarer Republik noch Anfang März abgehalten. Man wollte das Totengedenken nicht in den November legen, weil hier schon die Katholiken Allerseelen und die evangelischen Christen den Totensonntag feierten. Man glaubte, dass eine zeitliche Nähe zu sehr in Konkurrenz zu den beiden christlichen Gedenktagen gestanden hätte, was die Etablierung eines eigenständigen nationalen Volkstrauertages nicht begünstigt hätte. Eine religiöse oder gar konfessionelle Nähe sollte vermieden werden.

    Hatte die Einführung des Totensonntags durch den preußischen König 1816 durchaus noch kirchliche Bindung erkennen lassen, so ist diese heute nicht mehr auszumachen. Im Gegenteil: Alles wurde getan, um dem Gedenken zwar noch einen Rest von Sakralität zu verleihen, aber fernab von Gottesbezug und Konfessionalismus. Lediglich der ständig gleiche Ablauf der Gedenkveranstaltung erinnert noch an einen Gottesdienst.

    Für die Feiern des Volkstrauertages gibt der Volksbund jährlich eine Handreichung heraus, in der auch Musterreden abgedruckt sind, für diejenigen, die nicht wissen, wie man angemessen mit dem Volkstrauertag umgehen soll. Mit dieser Broschüre übernimmt der Volksbund die Deutungshoheit über den Volkstrauertag und seine Ausgestaltung.

    Zu allen Zeiten enthielten die Gedenkreden mehr oder weniger Pathos; und seit einigen Jahren klingen auch wieder Bekenntnisse zur deutschen Nation an. Aber: Von, oder über, oder gar mit Gott wird nicht gesprochen. Für Christen ist es kein spiritueller Gewinn, sich mit transzendentalen Fragen zu befassen, ohne hier auch Gott einen Raum zu geben und zu lassen.

    Kurz vor ihrem Tod hatte die heilige Monika ihre Söhne gebeten: „Begrabt diesen Leib irgendwo, macht euch keine Sorge um ihn. Nur darum bitte ich: Wo immer ihr seid, denkt an mich am Altare Gottes“ (Augustinus, Confessiones 9, 13). Seit Christi Kreuzestod gedenkt die Kirche der Verstorbenen in der Feier der Eucharistie. Hier wird der Hoffnung auf die Wiederkunft Christi und auf die Auferstehung der Toten Ausdruck verliehen. Außerhalb von Gebet und Liturgie stattfindendes Totengedenken ist Christen fremd. Dem widerspricht nicht, dass auch die christlichen Begräbnisstätten mit Grabkreuz, Grableuchte und Weihwassergefäß ein bevorzugter Erinnerungsort und Gedenkort waren und bleiben werden.

    Der Autor ist ein deutscher Historiker und Publizist, der sich in seinen Studien und Essays besonders mit zeitgeschichtlichen und kirchengeschichtlichen Themen auseinandersetzt.