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    Tränen, Doping und der Jahrhundertsprung

    Noch haben die Olympischen Spiele nicht begonnen, aber Skandale gibt es jetzt schon. Zum Beispiel in Amerika, wo sich demokratische Politiker über die Uniformen der US-Olympioniken aufregen. „Es ist beschämend, dass unsere amerikanischen Sportler während der Olympischen Spiele in China gefertigte Uniformen tragen werden“, sagte der demokratische Kongressabgeordnete Steve Israel. Der Chef der Demokraten im Senat, Harry Reid, riet dem heimischen Komitee, die stoffliche Entscheidung zu überdenken. Am besten, so Reid, „man nimmt alle Outfits, wirft sie auf einen großen Haufen, verbrennt sie und fängt noch einmal ganz von vorne an“. Von wegen, dabei sein ist alles. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und wachsender Rivalität mit Asiens aufstrebender Wirtschaftsmacht zählt die patriotische Praxis. Heimische Produktion statt Outsourcing.

    Sagenhafte 8,90 Meter sprang Bob Beamon bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko – ein Ereignis, vergleichbar mit dem ... Foto: dpa

    Noch haben die Olympischen Spiele nicht begonnen, aber Skandale gibt es jetzt schon. Zum Beispiel in Amerika, wo sich demokratische Politiker über die Uniformen der US-Olympioniken aufregen. „Es ist beschämend, dass unsere amerikanischen Sportler während der Olympischen Spiele in China gefertigte Uniformen tragen werden“, sagte der demokratische Kongressabgeordnete Steve Israel. Der Chef der Demokraten im Senat, Harry Reid, riet dem heimischen Komitee, die stoffliche Entscheidung zu überdenken. Am besten, so Reid, „man nimmt alle Outfits, wirft sie auf einen großen Haufen, verbrennt sie und fängt noch einmal ganz von vorne an“. Von wegen, dabei sein ist alles. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und wachsender Rivalität mit Asiens aufstrebender Wirtschaftsmacht zählt die patriotische Praxis. Heimische Produktion statt Outsourcing.

    Doch auch im Gastgeberland selbst, in England, stehen die Zeichen auf Empörung. Nicht wegen der Textilien, sondern der Sicherheit. Ein wichtiger Punkt bei Olympischen Spielen, wie man spätestens seit 1972 in München weiß, die von einem Terrorüberfall auf das israelische Team überschattet wurden. Die vom britischen Organisationskomitee 2012 engagierte Sicherheitsfirma hat es nämlich nicht geschafft, rechtzeitig die vereinbarte Zahl von mehr als 10 000 zivilen Sicherheitskräften bereitzustellen, die etwa an den Eingangsschleusen Taschen röntgen und Besucher abtasten. Jetzt muss das britische Militär einspringen. Mit 17 000 Mann. Die britischen Medien fürchten, dass nun aus den Spielen, die eigentlich der internationalen Verständigung dienen sollen, eine Sicherheitsshow mit ein bisschen Sport werden könnte. Zumal aus Angst vor terroristischen Anschlägen über London eine Flugverbotszone existiert. Kleinflugzeuge, Segelflieger und Heißluftballone, die sich über die Stadt an der Themse verirren, müssen – und das ist alles andere als eine neue olympische Disziplin – mit Abschuss durch das Militär rechnen.

    Da überrascht es wenig, dass auf der Insel mittlerweile auch Beschwerden über die enorm hohen Kosten der Spiele laut werden. Rund zehn Milliarden Pfund (11,3 Milliarden Euro) lässt sich Großbritannien die Spiele kosten. Allein auf 7,3 Milliarden Pfund belaufen sich die Kosten für die neuen Wettkampfstätten im Osten Londons. Wobei der Clou darin besteht, dass manche der neuen Stätten nach dem Ereignis genutzt werden sollen, andere abgebaut werden. Das olympische Erbe soll den lange Zeit heruntergekommenen Bezirk East End, wenn es nach Premier David Cameron geht, zu einem attraktiven Ort machen, der Anteil an Wachstum und Wohlstand hat, der Bevölkerung neue Perspektiven bietet. Ob er damit allerdings die wenigen dort noch ansässigen einheimischen Bewohner meint, die vorwiegend von Sozialhilfe, Arbeitslosengeld und Rente leben, oder zugezogene Bengalis und Pakistanis, steht auf einem anderen Blatt – nicht unwichtig bei einem Anteil von neun Milliarden Pfund Steuergeldern an den Olympia-Kosten.

    Doch so ist es: Der große Rubel, die ganz großen Geschäfte. Olympia als Wirtschaftsfaktor. Eigentlich hat man sich daran im Zusammenhang mit den Spielen schon gewöhnt, auch wenn lange Zeit vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) das Ideal des Amateursports hochgehalten wurde. Keine Profis – hieß die Devise. Stattdessen förderte man Fairness und Vielseitigkeit. Doch im Laufe der zunehmenden Kommerzialisierung des Sports durch Übertragungsrechte und Sponsoren ist dieses Kriterium gänzlich verschwunden. Woran paradoxerweise der Kommunismus seinen Anteil hat. Viele der Athleten aus sozialistisch regierten Ländern traten in den Jahrzehnten bis zum Fall der Mauer 1989 zwar offiziell als Amateure auf, waren aber eigentlich Staatsangestellte. Sie konnten sich exklusiv auf die Wettkämpfe vorbereiten. Ein klarer Vorteil gegenüber der westlichen Konkurrenz, die in der Regel zu Zeiten des Kalten Krieges nebenher einem Brotberuf nachging. In den 1990er Jahren wurden die Amateurregeln aufgehoben. 1992 in Barcelona gewann als Fleisch gewordene Verkörperung des neuen Geistes das unvergessliche „Dream Team“ der Amerikaner die Basketball-Goldmedaille. Es waren allesamt hochbezahlte Profis.

    Doch mag der aristokratische Amateurgedanke der neuzeitlichen Spiele auch verflogen sein, den heidnischen Grundzug der antiken Spiele, die dem Mythos zufolge im zweiten Jahrtausend vor Christus zum ersten Mal stattfanden und dem Zeus, dem höchsten Gott der griechischen Götterwelt, geweiht waren, kann man auch heute noch bei Olympia nachspüren. Nicht nur, weil sich manche Rituale erhalten haben. Das olympische Feuer beispielsweise wird zu Ehren der Göttin Hestia entzündet, in der Antike verantwortlich für die Familie und den Herd. Auch die Vermischung von Menschen und Göttern, wie sie im antiken Hain von Olympia geschah, hat sich bis heute erhalten. Natürlich im neuen Gewand. Betrachtete man die antiken Sieger damals doch als von den Göttern begünstigte Wesen, die man mit Gedichten und Statuen, Siegerkränzen und Stirnbändern ehrte. Heute wird dieser Kult mit hochdotierten Werbeverträgen zelebriert.

    Nicht immer mit glücklichem Ausgang. Die 1988 gefeierte Sprinterin Florence Griffith-Joyner überlebte ihre Weltrekorde über 100 und 200 Meter nur zehn Jahre. Mit 38 Jahren starb sie 1998 im Schlaf. Auch das amerikanische Tenniswunderkind Jennifer Capriati brachte der Olympiasieg 1992 über Steffi Graf wenig Segen. Ladendiebstahl, Marihuana. Das letzte Mal kam sie 2010 in die Schlagzeilen wegen einer Überdosis Medikamente. Während der erst 24-jährige Kenianer Sammy Wanjiru drei Jahre nach seinem Marathon-Olympiasieg von Peking mit einem Schädelbruch tot unter dem Balkon seines Hauses aufgefunden wurde. War es Mord, war es ein Unfall?

    Hatte der christliche Kaiser Theodosius, der die Olympischen Spiele aufgrund ihres heidnischen Charakters im Jahre 394 nach Christus verbot, also vielleicht doch recht? Besitzt das glitzernde Gold der Medaillen einen allzu trügerischen Glanz? Wird bei Olympia falschen Göttern und Götzen gehuldigt mit tragischen Folgen?

    Mit einem tiefen Fall hatte jedenfalls auch der frühere DDR-Sportler und Turn-Olympiasieger von 1996 in Atlanta, Andreas Wecker, zu kämpfen. Nach vielen Verletzungen rutschte er vor einigen Jahren persönlich immer weiter ins Abseits. Ohne Orientierung suchte er nach dem großen Sieg sein Heil in Esoterik und Wahrsagerei. Schließlich plagten ihn Selbstmordgedanken. Bis er eines Tages freikirchliche Christen kennenlernte und er sein Leben in die Hände von Jesus legte. Seitdem geht es Wecker nach eigenen Worten sehr gut. Die Medaillen seiner sportlichen Laufbahn, darunter das olympische Gold, hat er im Internet versteigert. Wecker empfand sie als unnützen Ballast. Jetzt sei er „frei für Gott“, dem er als Missionar dienen möchte.

    Vielleicht eine extreme Bekehrungsgeschichte, doch gerade bei Olympiasportlern scheinen Himmel und Hölle, Licht und Schatten enger und deutlicher beieinander zu liegen, als bei gewöhnlichen Sportlern, gewöhnlichen Sterblichen, was wohl an der globalen Euphorie und dem außergewöhnlichen Leistungsdruck liegt, auf den sehr viele Athleten im Laufe der Olympia-Geschichte leider nicht immer nur mit Training und Anstrengung reagiert haben. Oft wurde und wird mit Hilfe von Doping-Mitteln nachgeholfen. Meistens mit traurigem Ausgang.

    So absolvierte der Sprinter Ben Johnson bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul mit 9,79 Sekunden einen Weltrekordlauf, der von den Kommentatoren schnell mit dem Jahrhundertsprung von Bob Beamon verglichen wurde. Anders als bei Beamon, der Jahrzehnte unter der Bürde des Weltrekords litt („Der Rekord macht mich fertig“), weil kein anderer Mensch so weit sprang, währte der Jubel über Johnsons Jahrhundertlauf aber nur zwei Tage. Johnson wurde positiv getestet, verlor die Medaille wieder und kam nie mehr zurück aufs Treppchen. Stattdessen streute er Verschwörungstheorien gegen seinen Konkurrenten Carl Lewis, der das Bier, das Johnson vor der Dopingprobe trank, angeblich manipuliert habe.

    Tatsächlich ist Doping aber kein Phänomen der Moderne. Denn: Schon die Athleten der Antike verließen sich gelegentlich nicht nur auf die eigene Leistungsfähigkeit, sondern benutzten leistungssteigernde Mittel. Von Stierhoden bis Stierblut, von Alkohol bis Alraunwurzeln (Atropin) reichte die künstliche Sportküche von damals. Den Regeln des Fairplay ebenso widersprechend wie die chemischen Mixturen von heute.

    Doch natürlich gab es bei den Olympischen Spielen auch immer wieder menschlich schöne, berührende Momente. Im Sieg und in der Niederlage. So stemmte Matthias Steiner beim Superschwergewicht der Gewichtheber 2008 in Peking sage und schreibe 258 Kilogramm in die Höhe. Die Herzen der Zuschauer gewann er jedoch, als er bei der Siegerehrung ein Bild seiner tödlich verunglückten Frau zeigte. Ihr war der Sieg gewidmet.

    Tränen der Rührung auch bei den Spielen in Atlanta, als der von der Parkinson-Krankheit schwer gezeichnete Boxer Muhammad Ali, der 1960 in Rom als Cassius Clay Gold gewann, die Olympischen Flammen entzündete. Der Boxer nicht als stahlharter Champion, sondern als zerbrechlicher Mensch, das machte ihn wirklich zum „Größten aller Zeiten“.

    Vielleicht kann es jenseits des Mottos „Schneller, Höher, Stärker“, das von dem Erfinder der neuzeitlichen Spiele, dem französischen Pädagogen Pierre de Coubertin geprägt wurde, auch in London derart große Momente geben. Momente der Menschlichkeit. Über alle trennenden Grenzen von Nationen und Kulturen hinweg.

    Möglich, dass dabei ganz besonders die Frauen eine wichtige Rolle spielen. Werden doch bei diesen Olympischen Spielen zum ersten Mal in der Geschichte Frauen aller Teilnehmernationen vertreten sein. So hat das ansonsten religiös sehr strenge Königreich Saudi-Arabien zwei Athletinnen nominiert. Ebenso wie Katar und Brunei. Voraussetzung ist allerdings, dass sie sich nicht mit fremden Männern umgeben, mit einem männlichen Vormund unterwegs sind und angemessene Kleidung tragen. Worunter wohl vor allem ein Kopftuch zu verstehen ist. Made in Saudi Arabia, versteht sich. Mit 4 800 Athletinnen insgesamt gehen in der britischen Hauptstadt übrigens so viele Frauen wie noch nie an den Start. Nicht jede kann den Siegespreis gewinnen. Außer natürlich den unvergänglichen, von dem der Apostel Paulus einst berichtet. Doch das ist eine andere Disziplin.

    Mit Material von dpa