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    Tod auf der Engelsbrücke

    Das antike Mausoleum des Hadrian, uns heute besser vertraut als Engelsburg, scheint noch heute als mächtige Festung den Zugang nach Sankt Peter zu bewachen. Bis zu der in der Neuzeit erfolgten Errichtung der nach König Viktor Emanuel II. benannten Brücke, die von der Kirche S. Giovanni dei Fiorentini am linken Tiberufer zum Hospitalkomplex von S. Spirito in Sassia am rechten Ufer führt, zogen die Rompilger über die Engelsbrücke zur Basilika und Grabeskirche des Apostelfürsten Petrus. Schon beim ersten Heiligen Jahr 1300 erlangte der Tiberübergang eine gewisse Berühmtheit.

    Das antike Mausoleum des Hadrian, uns heute besser vertraut als Engelsburg, scheint noch heute als mächtige Festung den Zugang nach Sankt Peter zu bewachen. Bis zu der in der Neuzeit erfolgten Errichtung der nach König Viktor Emanuel II. benannten Brücke, die von der Kirche S. Giovanni dei Fiorentini am linken Tiberufer zum Hospitalkomplex von S. Spirito in Sassia am rechten Ufer führt, zogen die Rompilger über die Engelsbrücke zur Basilika und Grabeskirche des Apostelfürsten Petrus. Schon beim ersten Heiligen Jahr 1300 erlangte der Tiberübergang eine gewisse Berühmtheit.

    Um den Zustrom der Menge zu regulieren, hatte Papst Bonifaz VIII. die Brücke bei der Engelsburg der Länge nach durch ein Geländer in zwei Bereiche teilen lassen, so dass die Pilger zwei sich in entgegengesetzter Richtung bewegende Ströme bildeten. Die zum Vatikan ziehenden Wallfahrer gingen auf die Engelsburg zu, die zurückkehrenden strömten auf den Monte Giordano hin stadteinwärts. In seiner „Göttlichen Komödie – Divina Comedia“ (Hölle, XIII, 28-33) berichtet der italienische Dichter Dante Alighieri davon: „Gleichwie man jüngst in Rom beim Jubeljahr/ Zum Übergang die Brücke herzurichten/ Gewusst, ob großen Andrangs, also zwar,/ Dass hier gewendet sind mit den Gesichten/ Die zu Sankt Peter wallen, nach dem Schloss/ Die Andern dort sich nach dem Berge richten.“

    Während des Jubiläums im Jahre 1450, das im Pontifikat des Humanistenpapstes Nikolaus V. (Tommaso Parentucelli, 1447–1455) abgehalten wurde, beachtete man diese kluge Einrichtung nicht mehr. Die Ewige Stadt sah in diesem Heiligen Jahr unzählige Pilgermassen: aus Italien, Spanien, England, Deutschland, Ungarn und Frankreich. Der Gang über den Tiber wurde immer schwieriger und gefährlicher. Nur drei Brücken überspannten den Fluss. Da die Engelsbrücke der Peterskirche am nächsten gelegen war, drängte sich vor allem über sie die Menge mühsam und unaufhaltsam zum Vatikan.

    Das Heilige Jahr 1450, das als großes, freudiges Jubiläumsfest in die Geschichte einzugehen gedachte, sollte wenige Tage vor seinem Abschluss durch ein trauriges Ereignis getrübt werden. Da man die von Bonifaz VIII. eingeführte Vorkehrung außer Acht gelassen hatte, kam die Menschenmenge auf der Tiberbrücke immer wieder zum Stehen. Es waren nicht nur der große Andrang, sondern auch provisorisch und unkontrolliert errichtete Stände mit Devotionalien – die meisten mit Andenken an das Schweißtuch der Veronika – und andere Hindernisse, die die Menge in beiden Richtungen stocken ließen.

    Der 19. Dezember 1450, ein Samstag, wurde vielen Pilgern zum Verhängnis. Da sich das Jubiläumsjahr seinem Ende zuneigte, waren die Wallfahrer besonders zahlreich herbeigeströmt, um das Schweißtuch der Veronika zu verehren, das ihnen der Papst von der Loggia aus zeigte. Maultiere, beladen mit Pilgerinnen, versuchten durch die Menge der Menschen, die immer größer wurde, nach Sankt Peter zu gelangen. Eines der Tiere scheute und warf seine Last ab. Auf der Brücke entstand unversehens eine Panik. Frauen, Männer und Kinder wurden zu Boden geworfen, das Travertingelände der Brücke von der Masse der Wallfahrer eingedrückt. Die auf dem Übergang eingesetzten Soldaten des Papstes verloren jede Kontrolle über das Geschehen. Viele Menschen wurden zu Tode getreten oder in den Fluss gedrängt und ertranken. In nur wenigen Augenblicken kamen zweihundert Personen ums Leben. Als der Papst die Nachricht von dem Unglück erfuhr, ordnete er die schnelle Versorgung der Verletzten an und zog sich zum Gebet in seine Privatkapelle zurück. Noch vor der Beendigung des Jubeljahres erfolgte die Inkraftsetzung päpstlicher Dekrete, die dem Fluss der Pilger mehr Sicherheit geben sollten.