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    Theologie des Leibes

    Karol Wojtyla schrieb einmal in „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“: „Als junger Priester lernte ich, die menschliche Liebe zu lieben. Das ist eines der grundlegenden Themen, auf das ich mein Priesteramt, meine Aufgabe auf der Kanzel, im Beichtstuhl und auch im geschriebenen Wort konzentriert habe. Wenn man die menschliche Liebe liebt, so entsteht auch das lebendige Bedürfnis, alle Kräfte zugunsten der ,schönen Liebe‘ einzusetzen. Denn die Liebe ist schön. Die jungen Menschen suchen im Grunde stets das Schöne in der Liebe; sie wollen, dass die Liebe schön ist.“

    Lebenslange Treue und Liebe erst macht den Menschen zum Menschen – und verhindert, dass er bloßes Objekt und Konsumgut w... Foto: Symboldpa

    Karol Wojtyla schrieb einmal in „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“: „Als junger Priester lernte ich, die menschliche Liebe zu lieben. Das ist eines der grundlegenden Themen, auf das ich mein Priesteramt, meine Aufgabe auf der Kanzel, im Beichtstuhl und auch im geschriebenen Wort konzentriert habe. Wenn man die menschliche Liebe liebt, so entsteht auch das lebendige Bedürfnis, alle Kräfte zugunsten der ,schönen Liebe‘ einzusetzen. Denn die Liebe ist schön. Die jungen Menschen suchen im Grunde stets das Schöne in der Liebe; sie wollen, dass die Liebe schön ist.“

    Im Jahre 1948 promovierte Karol Wojtyla am „Angelicum“ mit einer Dissertation über Johannes vom Kreuz. Dabei sind zwei Aspekte besonders wichtig. Johannes vom Kreuz weist der gelebten Erfahrung der individuellen Person eine zentrale Stelle im christlichen Leben zu. Seine Schriften bezeugen eine reiche Erfahrung der persönlichen christlichen Subjektivität. „Dieser Glaube muss persönlich sein, frei, überzeugt, umfangen mit unserem ganzen Sein, ein kirchlicher Glaube, bekannt und gefeiert in Gemeinschaft mit der Kirche, ein betender und anbetender Glaube, der durch die Erfahrung der communio mit Gott gereift ist.“ Der zweite Aspekt betrifft den Inhalt dieser gelebten Subjektivität. Sein Kern besteht in der „Erfahrung der communio mit Gott“, der Liebe Gottes und der antwortenden Liebe des Menschen als Erfahrung gegenseitiger Hingabe oder Ganzhingabe. Das Bild der Liebe und Hingabe zwischen Mann und Frau ist für Johannes vom Kreuz das zentrale Bild der christlichen Existenz. Ebenso zentral sind für Karol Wojtyla hinsichtlich der Ehe die beiden Begriffe „Selbsthingabe“ und „Ganzhingabe“. So erklärte der spätere Papst in seinem postsynodalen Schreiben „Familiaris consortio“ vom 22. November 1981: „Die leibliche Ganzhingabe wäre eine Lüge, wenn sie nicht Zeichen und Frucht personaler Ganzhingabe wäre, welche die ganze Person, auch in ihrer zeitlichen Dimension, mit einschließt. Wenn die Person sich etwas vorbehielte, zum Beispiel die Möglichkeit, in Zukunft anders zu entscheiden, so wäre schon dadurch ihre Hingabe nicht umfassend.“

    In seiner Habilitationsschrift arbeitete Karol Wojtyla über den Beitrag, den Max Scheler mit seinem phänomenologisch geprägten ethischen System zum Aufbau der Moraltheologie leisten konnte. Wojtyla schrieb darüber in „Geschenk und Geheimnis“ später einmal: „Dieser Forschungsarbeit habe ich wirklich viel zu verdanken. In meine vorausgegangene aristotelisch-thomistische Ausbildung fügte sich so die phänomenologische Methode ein, was mir ermöglichte, zahlreiche schöpferische Untersuchungen auf diesem Gebiet vorzunehmen. Ich denke vor allem an das Buch ,Person und Tat‘. Auf diese Weise reihte ich mich in die moderne Denkströmung des philosophischen Personalismus ein, eine Forschung, die nicht ohne pastorale Früchte blieb.“

    Auf diesen Grundlagen entstanden verschiedene Werke, die sich mit den Fragen der Person, der Ehe und der Sexualität befassten. Besonders zu nennen sind dabei „Liebe und Verantwortung“ sowie das „Krakauer Memorandum“ einer Gruppe von Krakauer Moraltheologen über die Grundlagen der Lehre der Kirche bezüglich der Prinzipien des Ehelebens. Bereits zuvor hatte Karol Wojtyla beim II. Vatikanischen Konzil Beiträge für die Erstellung von Textteilen in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute, „Gaudium et spes“, speziell in den Nummern 47 bis 52, geleistet. Das „Krakauer Memorandum“ darf als maßgebliche Grundlage für die am 25. Juli 1968 veröffentlichte Enzyklika „Humanae vitae“ von Papst Paul VI. betrachtet werden.

    Wenden wir uns nun aber den Mittwochsansprachen zu. Grundlegend ist dabei die Aussage von „Gaudium et spes“ Nummer 24, die von Johannes Paul II. in Bezug auf die eheliche Liebe wiederholt zitiert wird: „Ja, wenn der Herr Jesus zum Vater betet, ,dass alle eins seien ... wie auch wir eins sind‘ (Joh 17,20–22), und damit Horizonte aufreißt, die der menschlichen Vernunft unerreichbar sind, legt er eine gewisse Ähnlichkeit nahe zwischen der Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der Kinder Gottes in der Wahrheit und der Liebe. Dieser Vergleich macht offenbar, dass der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann.“ Auf dem Fundament dieser philosophischen und theologischen Anthropologie ergibt sich das „Gesetz des Schenkens und der Hingabe“ als Weg zur menschlichen Erfüllung. Der wahrhaft liebende Mensch achtet sich selbst und den anderen immer um seiner selbst willen. Damit ist jedes „Benützen“ genauso ausgeschlossen wie der Missbrauch des anderen als Mittel zum Zweck. Als Person mit Leib und Seele sind wir nach dem Bild Gottes geschaffen. Diese Abbildhaftigkeit in Bezug auf den einen und dreifaltigen Gott betrifft nicht nur die Einzelperson, sondern auch die Gemeinschaft von Personen, speziell aber die eheliche Gemeinschaft von Mann und Frau. Der Papst will den menschlichen Körper gegen die Entfremdung zwischen Person und Leib in der von Descartes geprägten naturwissenschaftlichen Weltsicht verteidigen. Descartes, der die moderne Naturwissenschaft nachhaltig geprägt hat, vertritt in seinem „Discours de la Méthode“ (1637) die These: „Es ist möglich, ein Wissen zu erlangen, das in diesem Leben großen Nutzen hat. Anstatt der theoretischen Philosophie, die jetzt von den Scholastikern gelehrt wird, können wir eine praktische finden, durch die wir die Natur und das Verhalten von Feuer, Wasser, Luft, Sternen und Himmel und allen anderen uns umgebenden Körpern erkennen und diese Dinge für all die Zwecke verwenden, denen sie dienen können. So machen wir uns zu Herren und Eigentümern der Natur.“

    Eine Wissenschaft, die sich rein auf mechanistisch-mathematischer Ebene aufbaut, beraubt die Natur ihrer inneren Bedeutsamkeit. Der Papst zeigt auf, dass der Mensch in einer rein mathematisch beschreibbaren Natur kein Zuhause findet. In der Frage der Bedeutung seines Lebens wäre er rein auf sich selbst, auf seine eigene Subjektivität angewiesen. Sein eigener Leib sei nur ein indifferentes Resultat eines zufälligen biochemischen Spiels. Letztlich entstehe dadurch ein tiefer Spalt zwischen Person und Leib, ein Dualismus von Geist und Materie. In seinem „Brief an die Familien“ vom 2. Februar 1994 erklärt der Papst in einer längeren Passage, die hier zitiert sei: „Die Trennung im Menschen zwischen Geist und Körper (nach Descartes) hatte zur Folge, dass sich die Tendenz verstärkte, den menschlichen Leib nicht nach den Kategorien seiner spezifischen Ähnlichkeit mit Gott zu behandeln, sondern nach den Kategorien seiner Ähnlichkeit mit allen anderen in der Natur vorhandenen Körpern, Körpern, die der Mensch als Material für seine auf die Herstellung von Konsumgütern ausgerichtete Tätigkeit verwendet. Doch wird jeder unmittelbar einsehen, dass die Anwendung solcher Kriterien auf den Menschen in Wirklichkeit enorme Gefahren in sich birgt. Wenn der unabhängig von Geist und Denken betrachtete menschliche Körper als Material wie der Körper von Tieren verwendet wird – und das geschieht zum Beispiel bei den Manipulationen an Embryonen und Föten –, gehen wir unausweichlich einer schrecklichen ethischen Niederlage entgegen. In einer solchen anthropologischen Perspektive erlebt die Menschheitsfamilie soeben die Erfahrung eines neuen Manichäismus, in dem der Körper und der Geist radikal einander entgegengesetzt werden. Weder lebt der Körper vom Geist, noch belebt der Geist den Körper. Der Mensch hört so auf, als Person und Subjekt zu leben. Trotz der Absichten und gegenteiligen Erklärungen wird er ausschließlich zu einem Objekt. Auf diese Weise hat diese neomanichäische Zivilisation zum Beispiel dazu geführt, dass man in der menschlichen Sexualität mehr ein Terrain der Manipulation und der Ausbeutung sieht als die Wirklichkeit jenes anfänglichen Staunens, das Adam am Morgen der Schöpfung vor Eva sagen ließ: ,Das ist Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Gebein‘ (vgl. Gen 2,23). Und das Staunen, das in den Worten des Hohenliedes anklingt: ,Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut, ja verzaubert mit einem Blick deiner Augen‘ (Hld 4,9). Wie weit entfernt sind doch gewisse moderne Auffassungen von dem tiefen Verständnis der Männlichkeit und Weiblichkeit, das uns die christliche Offenbarung bietet! Sie lässt uns in der menschlichen Sexualität einen Reichtum der Person entdecken, die die wahre Erschließung ihres Wertes in der Familie findet und ihre tiefe Berufung auch in der Jungfräulichkeit und im Zölibat um des Himmelreiches willen zum Ausdruck bringt“ – so weit Papst Johannes Paul II. in seinem „Brief an die Familien“.

    In einer neognostischen Kultur hört der Mensch auf, als Person und Subjekt zu leben und wird zu einem Objekt. Genau dagegen wendet sich der Papst in seinen Mittwochsansprachen, wenn er die Zuverlässigkeit und Würde der menschlichen Erfahrung des Körpers in der Liebe zwischen Mann und Frau verteidigt. Der Bräutigam sieht die Dinge, wie sie wirklich sind. Schönheit ist nicht eine täuschende Maske, sondern tief im Wesen und Leben der Dinge verankert. Eine nur auf Messbares reduzierte Sichtweise auf den Menschen kann die sexuelle Liebe zwischen Mann und Frau nicht verstehen. Der Papst will den göttlichen Plan für eheliche Liebe in seiner Schönheit und Tiefe darstellen, und zwar auf eine Weise, die zur menschlichen Erfahrung spricht und in der Erfahrung von Männern und Frauen tatsächlich verifiziert werden kann. Der göttliche Plan ist dem körperlichen Wesen von Mann und Frau als eine reiche Sprache der Selbsthingabe und Fruchtbarkeit zutiefst innerlich eingeprägt. Mann und Frau leben ihre Sexualität nur dann authentisch, wenn sie frei mit ihren Körpern die vereinigende und fruchtbare Sprache der Liebe so sprechen, wie es der vollen Bedeutung und Wahrheit dieser Sprache entspricht. Die wirkliche und volle Erfüllung der Person in der Liebe ist nur im Befolgen des göttlichen Plans für die menschliche Liebe möglich.

    Die personale Gemeinschaft („communio personarum“) von Mann und Frau in der Ehe ist dann verwirklicht, wenn sie sich einander freiwillig und vorbehaltlos schenken und sich gegenseitig in Liebe annehmen. Der Leib von Mann und Frau weist in der jeweiligen Unterschiedlichkeit und Komplementarität gemäß seinem Schöpfungssinn auf die personale Dimension ihrer Vereinigung in ehelich-sexueller Liebe hin.

    Die sexuelle Gemeinschaft im Leib (das „Ein-Fleisch-Werden“) ist in seiner Wahrheit der Ausdruck und die Vertiefung einer geistigen Einheit der Personen. Johannes Paul II. spricht aufgrund dieser Zusammenhänge – etwa in der Generalaudienz vom 16. Januar 1980 – sogar von einer „bräutlichen Bedeutung des Leibes“, da der menschliche Leib von Anfang an die Fähigkeit besitzt, die Liebe auszudrücken, „jene Liebe, in welcher der Mensch als Person Geschenk wird und – durch dieses Geschenk – den eigentlichen Sinn seines Seins und seiner Existenz verwirklicht“.

    Dem Leib kommt in seiner männlichen und weiblichen Prägung eine „hochzeitliche“ („bräutliche“) Bedeutung zu: Er wird zum Zeichen der Hingabe der Person. Dies gilt in höchstem Maß vom Leib Christi als Zeichen seiner Selbsthingabe für uns Menschen am Kreuz, die in der heiligen Eucharistie vergegenwärtigt wird. Im Sakrament der Ehe wird die menschliche Liebe in ihrer Leiblichkeit zum sichtbaren Zeichen der göttlichen Liebe. Weil wir als Personen Wesen aus Leib und Seele sind, partizipiert auch unser Leib an unserer personalen Liebesfähigkeit. Im Leib drücken wir uns aus und treten wir in Verbindung mit anderen Personen. Die Verbindung von Mann und Frau in der Ehe (auch in ihrer sexuellen Dimension) ist gemäß der Heiligen Schrift ein Zeichen für die Liebe Gottes zu seinem Volk beziehungsweise für die Vereinigung Christi mit der Kirche, wie es etwa schon im Epheserbrief zum Ausdruck kommt. Zum Respekt gegenüber der sexuellen Sprache des Leibes gehört es auch, den Sinngehalt der ehelichen Vereinigung unangetastet zu lassen: Einerseits um die interpersonale Gemeinschaft, andererseits aber auch um die Offenheit für neues menschliches Leben. Kommt es zum bewussten Ausschluss der Dimension der Fruchtbarkeit, dann ist dies eine Missachtung der Würde der Personen und des ehelichen Aktes. Genau dies drückt die Heilige Schrift mit dem Begriff des „Erkennens“ aus. Dieses „Erkennen“ ermöglicht ein gegenseitiges Offenbarwerden der Personen in ihrer vollen Wahrheit sowie das „Erkennen“ der Wahrheit ihrer personalen Hingabe und Annahme.

    Der Papst hat mit seinen Katechesen versucht, die Wahrheit über den Menschen gerade in seiner Leiblichkeit und in seiner speziellen Berufung zur Ehe zu beleuchten. Es wird die Aufgabe dieser und der nächsten Generationen sein, den Schatz, den uns Papst Johannes Paul II. mit der „Theologie des Leibes“ hinterlassen hat, zu heben und zu erschließen.

    Info

    Von September 1979 bis November 1984 hielt Papst Johannes Paul II. (Foto: dpa) bei den Mittwochsaudienzen insgesamt 129 Ansprachen, die als „Theologie des Leibes“ zusammengefasst werden können. Der Papst betrachtete anhand der Heiligen Schrift die Bedeutung der Leiblichkeit des Menschen, insbesondere in Bezug auf die Sexualität und das erotische Verlangen. Um diese Katechesen besser verstehen zu können, muss man auf das Wirken des Theologen, Seelsorgers, Priesters, Bischofs Wojtyla und schließlich des Papstes Johannes Paul II. zurückblicken. Das ist das Thema dieses Beitrags. Der Autor ist Bischofsvikar der österreichischen Diözese St. Pölten für Ehe, Familie und Lebensschutz. DT