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    Würzburg

    Tagesposting

    Die Liebe, der Rabbi und das Rechthaben.

    Das Tagesposting: Die Kolumne im Feuilleton der "Tagespost" Foto: Archiv

    Wer ist im privaten Umfeld nicht schon Zeuge geworden von Trennungen und zwischenmenschlichen Dramen? Wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht, dass nach der Trennung eines befreundeten Paars beide Seiten erwarten, dass man sich auf ihre oder seine Seite schlägt? Und dass auf ihre Weise im Grunde beide recht haben? Dass man aber natürlich nicht beiden recht geben kann, ja überhaupt zuerst an die Kinder denken sollte? In Europa werden durchschnittlich fünf von zehn Ehen geschieden, oft zum großen Schaden der Kinder.

    Beziehungskrise und Trennungswunsch

    In diesem Zusammenhang muss ich oft an die Begegnung mit einem Rabbi denken, der mir vor ein paar Jahren erzählte, wie man in seiner Gemeinde mit dem Thema Beziehungskrise und Trennungswunsch umgeht. In solchen Situationen wird der Rabbi oft als Eheberater konsultiert. In der ersten Sitzung lässt dieser Rabbi, den ich kenne, offenbar nur die Frau reden. Der Mann muss während der ganzen Sitzung schweigen und zuhören, während sich die Frau ausführlich über seine intimsten Mängel beklagt. Der Rabbi hört aufmerksam zu, nickt zum Schluss und sagt: „Ich muss mir das alles überlegen. Kommt morgen wieder zu mir.“

    Am nächsten Tag sagt der Rabbi zur Frau: „Ich habe mir alles überlegt, was du geschildert hast und mir eine gründliche Meinung gebildet. Du hast recht. Deine Ehe ist eine Zumutung.“ Nach dieser Erklärung lässt er den Mann sprechen, und diesmal muss die Frau zuhören, während ihre intimsten Mängel beklagt werden. Erneut sagt der Rabbi, er müsse sich das überlegen, sie sollen morgen wiederkommen. Am nächsten Tag sagt er zum Mann: „Ich habe mir alles überlegt, was du geschildert hast und mir eine gründliche Meinung gebildet. Du hast recht. Deine Ehe ist eine Zumutung.“

    Kompromiss, Psychoanalyse und Selbstfindungskurse

    Was für ein seltsames Vorgehen, dachte ich. Was soll das bringen? Man kann doch die Leute nicht einfach ins Leere fallen lassen. „Natürlich“, antwortete der Rabbi auf meine Bedenken, „du hast ebenfalls ganz recht.“ Und als der Rabbi merkte, dass ich armer, auf Kompromiss, Psychoanalyse und Selbstfindungskurse fixierte Mitteleuropäer noch immer nicht begreifen wollte, was er mir mit seiner Geschichte klarmachen wollte, erbarmte er sich und legte es mir ausführlicher dar: „Jeder Mensch hat recht, ich meine das ganz ernst. Subjektiv gesehen haben wir alle unsere Gründe, warum wir handeln, wie wir handeln. Die Frage ist allerdings, ob das Rechthaben genügt, um eine Beziehung zu führen. Solange Menschen nicht begreifen, dass es nicht genügt, recht zu haben, kann ich ihnen leider nicht helfen.“

    Liebe versus Rechthaberei

    Seit dieser Begegnung frage ich mich immer wieder, ob mir wirklich bewusst ist, dass es bei der Liebe nicht ums Rechthaben geht, sondern dass die Liebe, um wirklich Liebe zu werden, über sich hinausgehen muss, um sich zu verschenken. Wahrscheinlich ist uns das allen im Alltag zu wenig bewusst, und der Rabbi weiß das natürlich, weil der Rabbi ebenfalls immer recht hat.

     

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