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    Würzburg

    Tagesposting: Volkspartei oder Abgrund

    Die CDU ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Wenn sie Volkspartei bleiben will, braucht sie dringend eine Kurskorrektur.

    Selten war die CDU so spannend wie in diesen Wochen. Mit dem angekündigten Rückzug der glücklosen und ungeschickten Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat nicht nur das Rennen um den geeigneten Kanzlerkandidaten deutlich an Fahrt gewonnen. Die einzig verbliebene Volkspartei taumelt nach den verhängnisvollen Jahren unter Merkel und ihrer Entourage wie ein angezählter Boxer im Ring. Wahlklatsche um Wahlklatsche kassierte die Partei Adenauers und Kohls zuletzt, aber bis heute ist niemand der Hoffnungsträger an der Spitze bereit, klar zu sagen, dass Merkels Kurs ein Irrweg war, der die Partei in existenzielle Nöte gestoßen hat. Mitglieder und Wähler sind in Scharen davongelaufen nach Massenmigration, Atomausstieg, Homo-„Ehe“ und Gender-Gaga. Auch dass AKK zuletzt wieder das „C“ im Parteinamen beschwor, konnte nichts daran ändern, dass dem Zug der Konservativen zur AfD nun die Flucht der Progressiven zu den Grünen folgt.

    Es gibt keinen klaren Kompass mehr

    CDU und CSU waren immer der Anker in der deutschen Politik, strahlten Verlässlichkeit und Seriosität aus. Das ist vorbei, es gibt keinen klaren Kompass mehr. Die Basisbewegung WerteUnion wird vom Partei-Establishment mit Vorwürfen überzogen. Den absoluten Tiefpunkt leistete sich jetzt der Europapolitiker Elmar Brok, der die Verteidiger des Erbes von Adenauer und Kohl als ein „Krebsgeschwür“ bezeichnete. Eine unglaubliche Entgleisung im Nazi-Stil, der niemand aus der Parteispitze entgegentrat. Doch es geht längst nicht mehr um Stilfragen, die Partei oder das Land. Es geht um die Macht und allenfalls noch um Rechthaberei. Wer wie Daniel Günther, der farblose CDU-Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, nur noch als Flankenschutz einer Bundeskanzlerin wahrgenommen wird, die abgewirtschaftet hat, und der gerade allen Ernstes vorschlug, dass Frau Merkel noch ein paar Jahre dranhängen sollte, der will vermutlich einen wenig originellen Beitrag zum Karneval leisten.

    „Die CDU muss sich entscheiden, ob sie Volkspartei bleiben
    will oder nicht. Aber wenn sie das will, dann muss sie eine klare
    inhaltliche und personelle Kurskorrektur vornehmen “

    Die CDU muss sich entscheiden, ob sie Volkspartei bleiben will oder nicht. Aber wenn sie das will, dann muss sie eine klare inhaltliche und personelle Kurskorrektur vornehmen – und das sehr schnell. Sie kann sich dabei das Modell Democrazia Christiana (DC) in Italien oder den Weg der ÖVP in Österreich zum Vorbild nehmen. Zugegeben, einen Sebastian Kurz hat die CDU nicht. Und gegen jeden der möglichen Thronfolger – Merz, Spahn, Laschet und jetzt Röttgen – kann man etwas vorbringen. Aber eindeutig ist: Merz liegt in allen Umfragen deutlich vorn. Und Laschet ist Chef des größten Landesverbandes der CDU, aber alle anderen Bewerber kommen auch aus seinem Landesverband. Kaum vorstellbar, dass sich die Delegierten einfach so hinter der rheinischen Frohnatur aus Aachen versammeln lassen. Zumal der inhaltlich viele Jahre lang jede gewagte Volte Merkels widerspruchslos mitmachte. Erst seit er sich zu Höherem berufen fühlt, wagt er vorsichtige Absetzbewegungen. Die CDU des Jahres 2020: nur noch ein Schatten ihrer selbst. Mit den Personalentscheidungen in diesem Jahr wird sich zeigen, ob sie dem Weg der SPD in den Abgrund folgt oder die letzte Chance bekommt, Volkspartei zu bleiben.

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