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    Würzburg

    Tagesposting: Ein auf Fels gebautes Europa

    Kristina Ballova ist dankbar, von Kindheit an die Chancen und Freiheiten Europas genossen zu haben. Darum sorgt sie sich, dass sich das in Zukunft ändern könnte.

    Schon als Kind beeindruckten mich große, prachtvolle und ehrwürdige Gebäude. „Ein kluger Mann baute sein Haus auf Fels“ ist ein biblisches Bild, das mich deshalb immer beschäftigte. Ein Haus auf Fels gebaut hatte feste Fundamente und stürzte beim Sturm und Wasserflut nicht ein. In einem solchen Haus will ich leben, und das nicht nur individuell, sondern auch politisch.

    Ich bin Slowakin und deshalb Europäerin. Stolz auf meine slowakische Herkunft bin ich mit 18 Jahren zum Studium nach Österreich gegangen, ehe mich die Liebe nach Deutschland führte. Bis 1918 gehörten die Slowakei und Österreich zum selben Staat, hatten dieselbe Währung und kannten keine Grenzkontrollen. Bis heute prägt die gemeinsame Geschichte unsere Länder.

    Steht Europa bald auf sandigem Grund?

    Das 20. Jahrhundert brachte Aufspaltung, Grenzen mit Schießbefehl und für mein Land die Armut. Meine Biografie wäre unter diesen Rahmenbedingungen gar nicht denkbar gewesen. Ich bin dankbar, nach 1989 geboren zu sein und die Chancen und Freiheiten zu genießen, die uns das heutige Europa bietet. Die europäische Idee ist genau deshalb bestechend, weil sie durch die Realität bestätigt wird.

    Das europäische Haus der Habsburger Epoche war auf Fels gebaut: dem katholischen Glauben und seiner Zivilisationsidee. Prachtvolle Häuser auf Fels gebaut sehen aus wie die Häuser im 16. Arrondissement in Paris, am Wiener Ring, auf dem Prager Burgberg oder in der Altstadt von Siena. Sie drücken das in Stein und Form aus, was an Schönheit, Bildung und Glaube in Europa vorhanden ist.

    Das europäische Haus unserer Zeit darf nicht auf Sand gebaut werden. Aller Fortschritt in Technik und Ökonomie kann das feste Fundament an Geist und Glaube ebenso wenig ersetzen wie Gesetze und Verfahren. Europa kommt das Bewusstsein von sich selbst abhanden. Ein Moment, an dem viele plötzlich intuitiv diese Gefahr spürten, war der Brand von Notre Dame. Christen wie Agnostiker trauerten um ein Gebäude, weil sie fühlten, dass dieses Gebäude etwas symbolisiert, was weit über den materiellen Wert hinausgeht. Und tatsächlich schien dieser Brand wie ein Menetekel: brannte dieses Gebäude nicht als Symbol für die europäische Zivilisation?

    Europa wird in Frage gestellt

    Heute wird die europäische Idee selbst von vielen Konservativen in Frage gestellt, die statt des großen Einen vom vielen Kleinen träumen. Das mag daran liegen, dass dieses Große oft nicht mehr auf dem Felsen steht, auf dem es ursprünglich gebaut wurde, sondern mehr und mehr auf Sand gebaut wird. Es ist aber ein Fehler, sich deshalb von dem Projekt abzuwenden. Der Fels steht und wartet nur darauf, wieder als Fundament dienen zu können. Europa ist da, wo griechische Philosophie, christlicher Glaube und römisches Recht im Katholizismus eins geworden sind.

    Das Projekt Europa, das mein Leben so positiv beeinflusst hat, dass ich an ihm hänge, steht in Frage. Der Wolkenbruch ist da, die Wassermassen fluten heran, die Stürme toben und rütteln. Was auf Sand gebaut ist, wird einstürzen, aber was auf dem Felsen von Glaube, Schönheit und Wahrheit begründet ist, wird bestehen. Es ist an uns, unsere Politik auf Felsen zu bauen, anstatt auf falsche Propheten zu hören.

    Die Autorin betreibt den Blog „Frau mit Eigenschaften“.

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