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    Tagesposting: Christliche Maximaldistanz?

    Eine kleine, aber merkliche Kirchenreform, wenn sich die Gemeinde Gottes wirklich um den Altar versammelt. Von Bernhard Meuser

    Tagesposting: Christliche Maximaldistanz?
    Der Autor ist Initiator der globalen Jugendkatechismus-Initiative „Youcat“. Foto: Archiv

    So ganz viele sind wir ja nicht mehr, die wir uns versammeln, um Eucharistie zu feiern. Vom Orgelbock herab habe ich da eine recht gute Übersicht. Der Geistliche, der heute zelebriert, kommt aus Nigeria, ein kluger, geistbewegter Mann, der das Charisma der Freude mitgebracht hat und damit auch nicht geizt. Gerne erzählt er von den stundenlangen Gottesdiensten in seiner Heimat, bei denen gesungen und getanzt wird. Manchmal unterbricht er seine Predigt, breitet die Hände aus und singt mit gewaltiger Bassstimme einen Gospel; und er scheut sich auch nicht vor rhythmischen Bewegungen, wozu er klatscht und zum Mitklatschen animiert. Ich bewundere den Mut des Priesters, denn auch ihm muss das Missverhältnis zur Gemeinde auffallen, in der es scheinbar geheime körpersprachliche Vereinbarungen gibt, unausgesprochene Gesetze, denen zufolge man sich im Gottesdienst nur nicht zu nahe kommen darf. Tröpfchenweise sind die Gläubigen über den weiträumigen Kirchenraum verteilt. Immer dann, wenn jemand den Kirchenraum betritt unterwirft er sich bestimmten unausgesprochenen choreographischen Anweisungen. Anweisung 1: Geh auf keinen Fall da hin, wo schon einer ist. Anweisung 2: Beweise deine Demut, in der du auf Maximaldistanz zum Altar gehst.

    Nun gibt es natürlich verständliche Gründe, warum jemand im Gottesdienst die Nähe zum Nachbarn scheut. Als Kind habe ich noch gelernt, dass man sich vor dem Gottesdienst niederkniet und ein paar Minuten in Stille sammelt, statt ein Schwätzchen mit der Nachbarin zu halten. Ich weiß nicht, warum das heute außer Mode gekommen ist und man vielerorts den Eindruck hat, als warte da ein gutgelaunt plauderndes Publikum auf den Auftritt der Artisten. Aber kommen wir wieder zurück auf den kirchlichen Pointillismus, die kleckerliche Verteilung der Gläubigen im Kirchenraum. Sind wir uns bewusst, was das für einen Eindruck auf jemand macht, der neu zum Glauben gekommen ist? Muss er nicht denken: Das sind ganz bestimmt Leute, die nichts miteinander zu tun haben wollen? Und dann lesen die da vorne auch noch aus der Apostelgeschichte: „Die Menge derer, die gläubig geworden war, war ein Herz und eine Seele“ (Apg 4,32). Sind wir nun „Leib Christi“ oder sind wir es nicht? Wo findet das seinen gemeinsamen körpersprachlichen Ausdruck, wenn wir so sichtbar in die Vereinzelung gehen, wie es normalerweise im Gottesdienst sichtbar wird? Das Zeugnis des Glaubens ist ja nicht nur vom einzelnen Christen gefordert; wir sollen doch auch als Gemeinde ein Bild abgeben – und zwar ein sprechendes Bild. Noch ist es nicht zu spät für gute Vorsätze in 2019. Ich verordne mir (und lade andere dazu ein): Wenn ich zum Gottesdienst gehe, dann ganz nach vorne (was immer missgünstige Andere dazu sagen mögen). Und wenn da vorne schon jemand ist, dann gehe ich zu ihm hin, positioniere mich neben ihm – in Friedensgrußnähe. Das wäre mal eine kleine, aber merkliche Kirchenreform, wenn sich die Gemeinde Gottes wirklich um den Altar versammelt, der doch Christus ist. Wir könnten es konsequent tun – mit einem Plus an Nähe, Wärme und Sinn.

    von Bernhard Meuser

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