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    Jerusalem

    Tagebuch Israel - Tag 4

    Klaus Kelle erzählt von einer Pilgerreise durch das Heilige Land. - Tag 4 der Reise.

    Coffee-Bar in Bethlehem
    Coffee-Bar in Bethlehem. Foto: Klaus Kelle

    Tag 4

    Ausgerechnet in einer Coffee-Bar gegenüber dem „Bethlehem Peace Center“ in der Altstadt von Bethlehem kommen einige unserer Templer-Pilgergruppe mit einigen Arabern ins Gespräch, die zum Teil seit vielen Jahren hier leben. Wir schwärmen, wie harmonisch doch alles wirkt in dem Gewimmel auf den Straßen und auf dem Marktplatz, wo man einen unverstellten Blick auf das mächtige Minarett einer Moschee hat, von der jedem Morgen um vier Uhr ein Muezzin mit kräftiger Stimme und noch kräftigerem Lautsprecher daran erinnert, wo wir alle hier gerade sind.

    Doch unsere deutsche Multikulti-Denke ist den Einheimischen, die wir zu uns an den Tisch einladen, total fremd. Wir stellen einen zweiten Tisch dazu und „local beer“. Einer der Männer erzählt, dass er in einer Kfz-Werkstatt arbeitet. Er glaubt nicht, dass es hier jemals Frieden geben wird. „Die Israelis haben kein Recht, hier zu leben“, sagt er und setzt nach: „Es gibt keine Hoffnung.“

    Er habe gar nichts gegen „die Juden“ sagt ein anderer. Es sei in Ordnung, dass die Vereinten Nationen versucht hätten, den europäischen Juden eine Heimat hier zu verschaffen, aber nicht ein eigenes Land. „Es ist Unrecht. Es ist unser Land“, redet er sich in Rage.

    Wir bestellen ein zweites, dann ein drittes Bier und lassen den lauwarmen dünnen Kaffee stehen, mit dem diese Runde eigentlich begonnen hatte. Viele Menschen sind an diesem Nachmittag unterwegs, vornehmlich junge Männer. Und junge Frauen mit Kopftuch. Kaum eine Minute vergeht, ohne dass nicht in der Nähe irgendein Autofahrer hupt. Es ist hektisch um uns herum, und die Diskussion am Tisch wird immer heftiger.

    „Israel ist doch ein schönes Land“, wagt einer der Templer einzuwenden. Warum setzt ihr Euch nicht an einen Tisch und macht es euch schön hier, ohne euch gegenseitig umzubringen, wollen wir Deutsche wissen und ernten lauten Widerspruch. „Weil es Gerechtigkeit geben muss“, erwidern unsere neuen Freunde. „Wir wollen hier niemanden vertreiben, aber es muss Gerechtigkeit herrschen“, beharrt ein anderer von ihnen.
    Langsam dämmert uns, dass hier Menschen am Tisch zusammen sitzen, die aus ganz unterschiedlichen Welten kommen, und für die es keine gemeinsamen verbindlichen Regeln gibt, vielleicht nicht geben kann.
    „Warum hat man uns die Golan-Höhen weggenommen?“ will einer wissen, der weder den Israelis noch den Europäern noch den Amerikanern traut. Da fühle ich mich auf der sicheren Seite. „Weil Syrien zusammen mit anderen Nachbarstaaten einen Krieg gegen Israel begonnen und verloren hat. „Der Sieger schreibt die Geschichte“, wirft einer der Templer ein. Ich sage: „Deutschland hat 1939 einen großen Krieg gegen seine Nachbarn begonnen und dann verloren. Auch unser Land ist seitdem fast ein Drittel kleiner als vorher.“ Am besten sei es, beharre ich, wenn man erst gar keine Kriege beginne, denn dann passiere auch so etwas wie mit dem Golan nicht.

    So denkt ein stolzer Palästinenser nicht. Dass man wie wir nach 75 Jahren nicht die historischen Gegebenheiten zementiert, sondern nach Lösungen sucht – so denken die „im Westen“. Aber so denkt man nicht hier.

    „Ihr lebt doch gut in Israel, eine boomendes Land mit einer top IT-Industrie, die einzige Demokratie im Nahen Osten, ein Rechtsstaat“, beharren wir, und sie antworten: „Immer waren die Palästinenser benachteiligt.“ Oder: „Wenn jemand unterdrückt wird, dann gibt es Krach.“ Selbst den intensiven Hinweis auf den Holocaust, der im deutschen Namen den europäischen Juden millionenfaches Leid gebracht hat, lassen unsere Gesprächspartner nicht gelten, die ihre Namen nicht nennen möchten. „Ich habe Mitleid mit Ihnen, aber ich bin nicht bereit, ihnen mein Land zu geben, weil sie damals mal verfolgt zu geben.
    Und so geht es weiter, einige bestellen noch ein viertes Bier gegenüber dem „Bethlehem Peace Center“, wo an unserem Tisch John Lennon keine Chance gehabt hätte, wäre er heute hier vorbeigekommen und hätte „Give Peace a Change“ angestimmt.

    Es wurde nicht zu hitzig an unseren beiden zusammengestellten runden Tischen in der angenehmen Nachmittagssonne. Unser Gespräch kühlt langsam herunter auf Normaltemperatur. „Drei Viertel der Palästinenser im Gazastreifen leben in Armut“, erzählt einer, der dort lange gewohnt hat. Ein Anderer spricht über Saudi-Arabien und Iran und die Amerikaner, die sie verraten hätten. Sie – „die Juden“ – wollten das ganze Land haben und sich Syrien und den Irak dazu auch noch einverleiben. „Wer macht denn die Probleme?“, fragt einer der Palästinenser am Tisch. Eine Antwort bekommt er nicht mehr, die ersten brechen auf. Wir verabschieden uns freundlich. „War schön, Euch kennengelernt zu haben“, sagen wir. „Ich habe nichts gegen die Deutschen“, sagt ein anderer. Dann zahlen wir und gehen auseinander, wahrscheinlich werden wir uns nie wiedersehen.

    Als ich die paar Schritte zu unserem Hotel gehe, bekomme ich einen Satz nicht aus dem Kopf, den ich vorhin gehört habe: „Es wird immer so weitergehen…“

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    DT (jobo)

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