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    Jerusalem

    Tagebuch Israel - Tag 3

    Klaus Kelle erzählt von einer Pilgerreise durch das Heilige Land. - Tag 3 der Reise.

    Als unser Reiseführer Samir, ein palästinensischer Christ, am dritten Tag eine kleine Familienfeier für seine Tochter mit ziemlich vielen Gästen ausrichten musste, sprang eine Reiseführerin für den Tag als Ersatz ein.

    „Dess isch die Ulla“, raunte mit Ordensbruder Markus im Bus mit dem unnachahmlichen Sprachfluss der Menschen aus dem Ländle zu, die bekanntlich alles „könnet“ außer Hochdeutsch. Nun, genau genommen hieß „die Ulla“ Christine, und sie hatte ihren israelischen Mann auf einer Reise in Indien kennen und lieben gelernt. Heute leben sie mit ihren zwei Kindern in einem Kibbutz, wie sie uns erzählte.

    Eine Geschichte von der Art, die man hier im Heiligen Land ähnlich immer wieder hört. Israel ist ein Schmelztiegel von Menschen aus allen Teilen der Welt, die dauerhaft hier leben oder eben wie unsere Pilgergruppe des Tempelritterordens für acht Tage auf den Spuren von Jesus Christus im Land unterwegs sind.

    In Israel leben Juden, Christen und Muslime Tür an Tür, und Zeitungsleser wissen, dass das nicht immer ein Vergnügen ist. Zugegeben, die Zeit der dauernden Terroranschläge ist vorbei, nicht zuletzt durch die Mauer, die der israelische Staat errichtet hat. Und die man uns bereits am ersten Tag gezeigt hatte.

    Mitte 2002 begannen die Bauarbeiten, und heute trennen die Sperranlagen mit Mauern, Gräben und Stacheldraht Israel und das Westjordanland – die „Westbank – auf stolze 760 Kilometer. Vor 2002 hatte es häufig Anschläge von Terroristen vorzugsweise auf Busse und Restaurants mit vielen Toten gegeben. Das ist nun nicht ganz vorbei, natürlich nicht, denn absoluten Schutz vor Terror gibt es nicht. Doch die Maßnahmen der Israelis haben die Zahl der Anschläge und Toten um mehr als die Hälfte reduziert, und das ist diese Mauer, die die Vereinten Nationen (UN) für völkerrechtswidrig halten, allemal wert. Auch US-Präsident Donald Trump dürfte die Erkenntnis gefallen, dass effektive Grenzsicherung eben doch wirkt.

    Aber Israel ist Multikulti, und auch wenn hin und wieder der Hass junger Palästinenser aufflammt und zu gewalttätigen Ausschreitungen führt, wenn immer wieder Raketen ziellos auf Israel abgefeuert werden (ohne gravierende Schäden zu verursachen) und die israelischen Streitkräfte massiv darauf reagieren – der Alltag wirkt friedlicher, als unsere Pilgergruppe sich das vorgestellt hat.

    Das begann schon bei den Kontrollen bei der Einreise, die lax waren. Das setzt sich fort im Alltagsgeschehen, wo bewaffnete Uniformierte überall präsent sind, aber keine wirklich angespannte Atmosphäre verbreiten. Gut, es gibt die kleinen Nickligkeiten, die Schilder, in denen ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass Israelis manche palästinensischen Wohngebiete nicht betreten dürfen. Oder die Gruppen junger Juden, die sich von bewaffneten Polizisten auf dem Tempelberg um die berühmte Al Aqsa-Moschee herumführen lassen, die sie nicht betreten dürfen. Pure Provokation, wenn Sie mich fragen. Aber auch nicht so ein Aufreger, wenn man gleichzeitig betrachtet, wie die christlichen Kirchen rund um Tempelberg und Grabeskirche wenig christlich um jeden Zentimeter ringen, der ihnen anvertraut ist.

    Wo drei Weltreligionen auf so einem begrenzten Raum ihre heiligen Stätten hegen, sind Spannungen nicht zu vermeiden. Doch der Alltag? Ich hatte Ihnen schon von dem Rabbi berichtet, den wir in den engen Gassen der rein muslimisch bewohnten Altstadt von Akkon trafen. Wir hatten nicht den Eindruck, dass er sich da unwohl fühlte, als er sich mit (s)einer Frau an einem Straßenstand ungerührt einen Orangensaft pressen ließ. Und all die Menschen drum herum nahmen keinerlei Notiz von dem Paar, das hier so unglaublich fremd auf uns wirkte. All die jungen Araber, all die Frauen mit Schleier auf dem Haupt widmeten dem Paar kaum einen Blick. Zugegeben, in ihre Köpfe sehen konnten wir natürlich nicht. Und vielleicht machen die Menschen, die hier leben, aus der Situation einfach nur das Beste.

    Israel ist ein moderner Staat, eine innovative Demokratie, die Wirtschaft brummt. Viele Palästinenser, die hier leben und arbeiten, hätten ohne Israel kaum so viel Wohlstand. Man arrangiert sich, aber man liebt sich nicht.

    Und dann tragen natürlich auch die christlichen Pilger aus aller Welt zur echten bunten Vielfalt im Heiligen Land bei. In den ersten drei Tagen trafen wir Christen aus Frankreich, Ecuador, Brasilien und Argentinien. Und – wie sollte es anders sein – aus den USA. Reisebusse voller Amis mit orangefarbenen Basecaps, die sie beim Besichtigen der Heiligen Stätten natürlich – anders als alle anderen – nicht abnahmen. Und am Ufer des Jordan trafen wir zahlreiche Baptisten aus Amerika, die sich – gehüllt in weiße Leinengewänder – in den Fluten des Flusses taufen ließen. Unsere Templergruppe stand am Rande und schaute sich das Schauspiel an, bei dem die Gläubigen in Reihen anstehen, um sich von einem Täufer kurz fachkundig im grünschimmernden Wasser untertauchen lassen. Und weil die USA bekanntermaßen „God’s own country“ sein wollen, musizierte eine Live-Band ungerührt den John Denver-Klassiker „Take me home country roads“ dazu.

    Einer aus unserer Pilgergruppe merkte lakonisch an: „Man weiß nicht, ob man die Leute bewundern oder belächeln soll…“ Immerhin reichte es dann für die Tempelritter doch noch für eine Lesung etwas abseits am Fluss. Fast alle zogen Schuhe und Strümpfe aus, krempelten die Hosen hoch und wagten ein paar Schritte im flachen Wasser des Jordan. Man weiß ja nie…

    Apropos bunte Vielfalt: Vor der Kirche auf dem Berg Tabor gab es einen eher peinlichen Zwischenfall. Wie erwähnt, wird hier großen Wert auf angemessene Kleidung an den Heiligen Stätten der Christenheit gelegt. Und angemessen – das bedeutet in einer christlichen Kirche hier, dass Schultern und Arme bedeckt sind und lange Hosen getragen werden. Dennoch versuchte ein Mann mittleren Alters nach der Messe in kurzen Hosen die Kirche zu betreten, was ihm von einem Franziskaner-Mönch mit Zehn-Tage-Bart, Sonnenbrille und in brauner Kutte verwehrt wurde. Freundlich aber in Sache und Ton bestimmt, wies der Gottesmann den zunehmend aufgeregt gestikulierenden Mann auf die Gepflogenheiten hierzulande hin. Selbst bei dritter Nachfrage stellte der Mönch klar, dass er ihn auf gar keinen Fall in diesem Aufzug in die Kirche lassen werde. Erst als der Erboste begann, lautstark von „Diskriminierung“ zu schimpfen, wurde uns klar, dass es sich um einen deutschen Landsmann handelte. Gut möglich, dass er Studienrat ist und grün wählt…aber ich will hier niemanden diskriminieren. Er wurde übrigens nicht in die Kirche gelassen und zog danach laut schimpfend ab.

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    DT (jobo)

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