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    Syriens antike Stätten sind in Gefahr

    Der Bürgerkrieg hat die Archäologen aus Syrien vertrieben. Fünf archäologische Institute deutscher Universitäten haben bis zu Beginn des Krieges in Syrien geforscht. Auch das Deutsche Archäologische Institut (DAI), das seit dreißig Jahren eine Außenstelle in Damaskus unterhält, musste seine Feldforschungen aussetzen.

    Antike Ruine in Palmyra. Foto: dpa

    Der Bürgerkrieg hat die Archäologen aus Syrien vertrieben. Fünf archäologische Institute deutscher Universitäten haben bis zu Beginn des Krieges in Syrien geforscht. Auch das Deutsche Archäologische Institut (DAI), das seit dreißig Jahren eine Außenstelle in Damaskus unterhält, musste seine Feldforschungen aussetzen.

    Mit Syrien trifft der Bürgerkrieg ein Land, dessen hoher Wert für die menschliche Kulturgeschichte erst vor Jahrzehnten erkannt worden ist. Die Altertümer Syriens ruhten unentdeckt im Boden, als Troja und Babylon schon berühmt waren. Dieser Vorsprung hält sich bis heute. Erst seit den dreißiger Jahren wird die sumerische Metropole Mari ausgegraben. Seit den sechziger Jahren das im dritten und zweiten Jahrtausend vor Christus blühende Ebla. Erst seit achtzig Jahren weiß man Näheres über die Totenstädte im nordsyrischen Kalksteingebirge, die mit ihren spätantiken Kirchenbauten heute zum Weltkulturerbe gehören, erst seit 1930 wird Ugarit freigelegt, eine Stadt aus dem zwölften Jahrhundert vor Christus, in der die erste Buchstabenschrift gefunden wurde. Sumerer, Phönizier, Hethiter, Griechen, Römer und Byzantiner hinterließen Städte, Bauwerke, Malereien und Kunstschätze.

    Kalifen aus der Dynastie der Umayyaden prägten Syrien ebenso wie die Kreuzfahrer. Doch dieses Kulturerbe ist durch den Bürgerkrieg zwischen Rebellen und Anhängern des Diktators Assad bedroht. Aber der Protest gegen die Zerstörungen hält sich in Grenzen. Seit Mitte Mai liegt mit der Studie von Emma Cunliffe, einer Mitarbeiterin des Global Heritage Fund, der erste ausführliche Bericht zur Lage der archäologischen Stätten in Syrien vor. Bilanz: Die syrische Antikenverwaltung kann ihre Schätze kaum noch vor der Vernichtung schützen. Museen werden ausgeraubt, Statuen abtransportiert, Moscheen und Kirchen mit Geschossen durchlöchert, antike Blöcke als Straßensperren missbraucht. Die Altstadt von Homs, schon 1982 Schauplatz eines Massakers, ist großteils zerstört, in der alten Nabatäerstadt Bosra, dem späteren Lager der römischen III Legio Cyrenaica, walzen Panzer durch die Straßen, das frühchristliche Kloster von Deir Sunbel wurde zum Armeestützpunkt.

    Cunliffe nennt in ihrem Bericht Ursachen für die Zerstörungen. Schaden richteten bewaffnete Gruppen an. Sie nähmen Souvenirs mit und beschössen Ausgrabungen. Sollten die Besatzer die Anlage nicht beschädigt haben, erledige oft die Gegenseite den Rest. Besetzte Gebäude, so Cunliffe, werden häufig Ziel gegnerischer Angriffe – ohne Rücksicht auf ihre historische oder kulturelle Bedeutung. Beispiel ist die Kreuzfahrerburg „Krak des Chevaliers“, Weltkulturerbe und eine der am besten erhaltenen Burgen ihrer Zeit. Da man von hier aus an wolkenfreien Tagen bis in den Libanon schauen und Routen nach Tripolis verfolgen kann, ist die Burg attraktiver Standort für Rebellen. Die Folgen: Offensichtliche Verwüstungen durch Besatzer und Beschuss durch Maschinengewehre und Granaten. Dramatische Bilder vermitteln Amateuraufnahmen aus dem antiken Apameia. Im März wurde die rund zweihundert Hektar große archäologische Anlage von Artillerie beschossen, nun fahren Panzer durch die geschützten Stätten. Auch in Palmyra missbrauchen Regierungstruppen Kulturdenkmäler als Geschützstellungen. Doch auch findige Bauherren bedrohen Ausgrabungsfelder und nutzen antike Ruinen als Steinbrüche und Bauland. Zwar bestand dieses Problem schon lange vor Ausbruch des Bürgerkriegs, doch der Zusammenbruch zentraler Sicherheitsstrukturen forciert es weiter.

    Auch Kirchen und Moscheen bleiben von Gewalt nicht verschont. In Homs sollen Kräfte der Freien Syrischen Armee bewusst die christlichen Teile der Stadt besetzt haben, da die christliche Minderheit als Unterstützer Assads wahrgenommen werde. Die Schäden, die durch diese Besatzung und den folgenden Angriff von Regierungstruppen verursacht wurden, sind enorm. Noch dramatischer ist die Lage der syrischen Museen. Viele liegen mitten im Kampfgebiet – etwa das Museum in Idlib, das viele Tontafeln aus Ebla verwahrt, oder die Häuser in Hama, Deir ez-Zor und Suweida. Eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „Syriens Archäologische Stätten in Gefahr“ hat ein angebliches Memorandum des syrischen Premiers ins Netz gestellt, wonach internationale Banden Ausrüstung und Satellitenkommunikation ins Land gebracht hätten, um Bibliotheken, Museen und Banken auszuräumen. Zwar sollen wertvolle Stücke aus den Museen in Damaskus und dem von Zerstörung bedrohten Aleppo in den Safe der syrischen Staatsbank gebracht worden sein. Die große Masse aber bleibt bewaffneten Plünderern ausgeliefert. Wie zuvor im Irak sind auch in Syrien viele Funde weder systematisch beschrieben noch fotografiert worden.

    Wenn der Staat, wie in Syrien, sein Kulturerbe nicht mehr schützen kann, schlägt die Stunde der Museumsdiebe und Grabräuber. Es wird geschätzt, dass mit dem illegalen Geschäft antiker Funde Dollar-Summen in mehrstelliger Milliardenhöhe umgesetzt werden. Damit hätte der Antikenhandel den Waffenhandel als Nummer zwei der illegalen Erwerbsquellen nach dem Rauschgift abgelöst. Zwar darf in keinem Land mit antiken Fundstellen ohne staatliche Genehmigung gegraben werden, doch bisher haben Käufer antiker Funde wenig zu befürchten. Strafverfolgungsbehörden werden erst tätig, wenn ein Eigentümer sich meldet und die Rückerstattung eines Objekts verlangt. Um zu retten, was zu retten ist, und den Anreiz zur Plünderung zu nehmen, suchen internationale Organisationen den illegalen Handel mit antiken Funden auszutrocknen. Interpol hat ein Büro in Lyon, das gestohlene Kunstobjekte in einer Online-Datenbank zeigt. Der Internationale Verband von Antiken-Händlern unterhält für seine Mitglieder eine Datenbank mit gestohlen gemeldeten Artefakten und hat eine Selbstverpflichtungserklärung unterzeichnet, nicht mit illegalem Kulturgut zu handeln. ICOM, die Internationale Vereinigung von Museen, stellte eine Rote Liste exemplarischer Artefakte zusammen, vor deren unbedachtem Erwerb gewarnt wird. Und „Blue Shield“, die Task Force von ICOM, will Museumsfachleute und Krisenmanager ins syrische Kriegsgebiet schicken. Wie es heißt, ist alles vorbereitet, um Listen vermisster Objekte sofort an Zoll und Grenzpolizei weiterzugeben – auch die Koordinaten für Flugverbotszonen über den antiken Stätten. Bleibt die Hoffnung auf ein Ende der Kämpfe. Im Interesse der Menschen und ihres kostbaren Erbes.