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    Symbol für das Erblühende und für das Vergängliche

    Mit dem Thema Baum kann eigentlich jeder etwas anfangen. So verwundert es, dass es nur wenige Ausstellungen gibt, die sich mit dem Baum in der zeitgenössischen Kunst beschäftigen. Eine der wenigen Ausnahmen ist die gerade eröffnete Ausstellung „Verzweigt“ im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus. 80 Werke von 60 Künstlern der Jahrgänge 1914 bis 1983 sind dort zu sehen, darunter auch solche von Georg Baselitz, Joseph Beuys, Anselm Kiefer und Gerhard Richter.

    Gedankenstrukturen: Doug & Mike Starn, „Structure of thoughts #5“, 2001. Foto: Museum

    Mit dem Thema Baum kann eigentlich jeder etwas anfangen. So verwundert es, dass es nur wenige Ausstellungen gibt, die sich mit dem Baum in der zeitgenössischen Kunst beschäftigen. Eine der wenigen Ausnahmen ist die gerade eröffnete Ausstellung „Verzweigt“ im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus. 80 Werke von 60 Künstlern der Jahrgänge 1914 bis 1983 sind dort zu sehen, darunter auch solche von Georg Baselitz, Joseph Beuys, Anselm Kiefer und Gerhard Richter.

    In einer abwechslungsreichen Abfolge von Skulpturen, Objekten, Gemälden, Zeichnungen und Filmen wird in der Ausstellung das Motiv des Baums bearbeitet. Die mythologischen, emotionalen und märchenhaften Aspekte finden sich ebenso wie der Vergleich der Äste und Wurzeln mit den Adern und Gehirnverästelungen im menschlichen Körper, einem Flussdelta oder Blitzen, Grundstrukturen, die überall auf der Welt vertreten sind. Und Bäume liefern Werkstoffe, die gesammelt, zersägt, zusammengesetzt oder poliert zu sehr verschiedenen Formen und Ausdrucksmöglichkeiten führen können.

    Die Altana-Kulturstiftung zeigt im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus vor den Toren der Großstadt Frankfurt am Main Ausstellungen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts – meist mit dem Schwerpunkt „Natur und Schöpfung“. Auf die Initiative Herbert Quandts wurde das Sinclair-Haus – ein spätbarockes Ensemble in direkter Nachbarschaft des Bad Homburger Schlossparks – Anfang der 80er Jahre umfassend saniert und seinem Wunsch entsprechend dem kulturellen und gesellschaftlichen Engagement der Altana AG übergeben. Seit 2007 führt die Altana Kulturstiftung dieses Engagement fort.

    Vor einigen Monaten zeigte das Museum eine vielbeachtete Ausstellung „Water“ des kanadischen Fotografen Edward Burtynsky. Zu sehen waren Fotos von Wasser, darunter Studien über Flussläufe, die sich insbesondere in Deltaform verzweigten und dabei an Blutbahnen erinnerten, oder eben an Bäume. Insofern ist es nur konsequent, dass das Museum sich jetzt das Thema „Verzweigt. Bäume in der zeitgenössischen Kunst“ vorgenommen hat.

    Etwa 90 Prozent der Exponate der aktuellen Ausstellung stammen aus der r/e collection. Dahinter verbirgt sich der ausschließlich das Baum-Sujet illustrierende Kunstbesitz eines ungenannt bleiben wollenden Paars aus Nordrhein-Westfalen. Ergänzt werden sie durch Exponate aus der Altana-Sammlung und Leihgaben.

    Von jeher bilden Kunstschaffende Bäume ab. Bereits in frühen biblischen Darstellungen von der Vertreibung aus dem Paradies in der Buchmalerei oder in Deckenfresken stand der Baum als Motiv im Zentrum der Darstellungen, etwa der Feigenbaum, mit dessen Blättern Adam und Eva nach ihrem Sündenfall ihre Blöße bedeckten.

    Der Baum – einerseits Symbol für das Aufstrebende und Erblühende und – andererseits in knorriger und abgestorbener Form Zeichen der Vergänglichkeit, des Vergehens: Die Ausstellung zeigt, wie die zeitgenössische Kunst Bäume darstellt. Obgleich die Ausstellung keine politische Demonstration gegen Baumsterben und abgeholzte Regenwälder ist, fehlt das Thema Umweltschutz nicht. Tobias Rehberger greift es beispielsweise mit „Mother Dying II“ aus dem Jahr 2004 auf. Das aus Draht, Holz, Klebeband und farbigem Tonpapier bestehende Objekt stellt zwei karge Bäume dar, die aus einer Sockelplatte herauszuwachsen scheinen. Rehbergers Plastik wirkt wie ein verzweifelter Versuch, Bäume aus künstlichen Materialien nachzubilden.

    Fest verwurzelt in der Kunst des 20. Jahrhunderts ist dieser Protest gegen die zunehmende Umweltverschmutzung spätestens, seit Joseph Beuys 1982 aus Anlass der documenta 7 in Kassel 7 000 Eichen pflanzte und forderte „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. In der Bad Homburger Ausstellung ist er mit einer zarten Zeichnung vertreten, die den Aktionskünstler als sensiblen Beobachter von Baumlandschaften zeigt. „Die Bäume sind nicht wichtig, um dieses Leben auf der Erde aufrechtzuerhalten, nein, die Bäume sind wichtig, um die menschliche Seele zu retten.“ Dieses fast religiös anmutende Beuys-Zitat findet sich in der Ausstellung im Sinclair-Haus, in anderen Räumen sind Zitate von Morgenstern, Hesse, Lessing und Tucholsky zum Thema der Ausstellung zu lesen.

    Wandhohe Vier-Jahreszeiten-Tapeten von Vollrath Hopp erwarten den Besucher im Obergeschoss des Museums. Jedes der großformatigen Werke besteht aus 27 Einzelblättern mit Kohlezeichnungen. Zusammengesetzt ergeben die Blätter ein monumentales Bild von Baumalleen im Lauf der vier Jahreszeiten.

    Die deutsche Eiche darf in einer Ausstellung über Bäume nicht fehlen. Gezeigt wird sie in Christoph Brechs acht Minuten langer Autofahrt durch eine Eichenallee mit dem Titel „German Oak“: Nebliger Himmel, kahle schwarze Baumkronen sausen vorbei, ab und zu ein Schild. Und immer neue Eichen – dazu spielt eine Mahler-Sinfonie. Der Film erinnert an die große Ausstellung „A bigger picture“ von David Hockney, die vor zwei Jahren im Kölner Museum Ludwig gezeigt wurde. Der Künstler, der mit seinen Ölbildern von kalifornischer Sonne und Schwimmbädern aus den 60er Jahren weltbekannt wurde, präsentierte sich auf seine alten Tage mit Landschaftsbildern. In der Ausstellung war eine Videoinstallation auf 18 Bildschirmen zu sehen, die Hockney an der immer gleichen Stelle in der Nähe seines Wohnsitzes in Yorkshire mit neun Kameras von seinem Jeep aus aufgenommen hatte.

    Laura Ford macht in „Tree Girl with Birds“ den Baum lebendig. Er hat einen dicken Stamm mit stattlicher Krone, in der fröhliche bunte Vögelchen sitzen. Ein verspieltes Objekt, das auch in ein Kinderzimmer passen würde. Aber irgendetwas an diesem Baum stimmt nicht. Denn er wurzelt nicht in der Erde, sondern steht auf zwei geblümten Puschen. Wenn man sich das mannshohe Objekt genauer ansieht, entpuppt sich der Stamm als langes Kleid, das eine schlanke Frauenfigur verhüllt und offenbaren sich die beiden dicksten Äste als emporgestreckte Arme. Ein Baum ist ein Baum. Nein, soviel wird in der Ausstellung deutlich: Der erste Eindruck täuscht, auf unsere Wahrnehmung ist nicht immer Verlass.

    Die Ausstellung „Verzweigt. Bäume in der zeitgenössischen Kunst“ ist im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus, Löwengasse 15, bis zum 22. Februar dienstags von 14 bis 20, mittwochs bis freitags von 14 bis 19 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Rahmenprogramm begleitet die Ausstellung. Eintrittspreis 5 Euro (ermäßigt 3 Euro) Familienkarte 12 Euro, mittwochs Eintritt frei.

    www.altana-kulturstiftung.de