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    Suchen und Finden: Durch Musik zum Selbst

    Peter Michael Hamel hat mit seinen Büchern Generationen nicht nur von Musikern, sondern auch von Sinnsuchern geprägt. In einer damals noch streng nach Sparten getrennten Musikwelt überschritt er schreibend, improvisierend und komponierend stets Grenzen. Denn ihm ging es, wie er in „Durch Musik zum Selbst“ oder „Das dritte Ohr“ schreibt, um Formen des Singens und Spielens, die auf einer den ganzen Menschen erfassenden Hörhaltung basieren. Musik hat für ihn wesentlich mit Improvisation zu tun, die er nur ungern als Erfinden bezeichnet, weil der Prozess des Suchens und Findens von Klängen sich qualitativ auf sehr verschiedenen Ebenen als eine Art klingender Smalltalk, aber auch als ästhetisch orientierte planende Musizierweise, als Suchbewegung des Menschen, der ein Hörer nicht nur des Wortes, sondern auch des Klanges ist, entfaltet, sich also in dem weiten Feld zwischen elementarer Klangsprache und artifizieller Klangrhetorik bewegt. Das war auch in Peter Michael Hamels eigenem musikalischen Wachsen und Werden nicht anders. Auf die Frage: „Was ist ihre erste Erinnerung an Musik und welche Musikformen haben Sie geprägt?“ antwortet er daher: „Das war zunächst das eigene Klimpern am Klavier und das Singen von Vater und Mutter, aber auch die frankophilen Vorlieben meines Vaters, die Musik von Debussy und Ravel haben mich beeinflusst. Bartoks Musik hat sich mir sowohl durch das Hören am Klavier als auch von Langspielplatten eingeprägt.“

    Peter Michael Hamel. Foto: Stühlmeyer

    Peter Michael Hamel hat mit seinen Büchern Generationen nicht nur von Musikern, sondern auch von Sinnsuchern geprägt. In einer damals noch streng nach Sparten getrennten Musikwelt überschritt er schreibend, improvisierend und komponierend stets Grenzen. Denn ihm ging es, wie er in „Durch Musik zum Selbst“ oder „Das dritte Ohr“ schreibt, um Formen des Singens und Spielens, die auf einer den ganzen Menschen erfassenden Hörhaltung basieren. Musik hat für ihn wesentlich mit Improvisation zu tun, die er nur ungern als Erfinden bezeichnet, weil der Prozess des Suchens und Findens von Klängen sich qualitativ auf sehr verschiedenen Ebenen als eine Art klingender Smalltalk, aber auch als ästhetisch orientierte planende Musizierweise, als Suchbewegung des Menschen, der ein Hörer nicht nur des Wortes, sondern auch des Klanges ist, entfaltet, sich also in dem weiten Feld zwischen elementarer Klangsprache und artifizieller Klangrhetorik bewegt. Das war auch in Peter Michael Hamels eigenem musikalischen Wachsen und Werden nicht anders. Auf die Frage: „Was ist ihre erste Erinnerung an Musik und welche Musikformen haben Sie geprägt?“ antwortet er daher: „Das war zunächst das eigene Klimpern am Klavier und das Singen von Vater und Mutter, aber auch die frankophilen Vorlieben meines Vaters, die Musik von Debussy und Ravel haben mich beeinflusst. Bartoks Musik hat sich mir sowohl durch das Hören am Klavier als auch von Langspielplatten eingeprägt.“

    Das praktische Tun ist Hamel beim Musizieren ebenso wichtig wie die forschende Reflexion. Er spielt eine ganze Reihe von Instrumenten, darunter Orgel, Violine und Horn und beherrscht daher, wenn man so will, das Spektrum jener Klangkörper, die schon die mittelalterlichen Stadtmusiker handhaben können mussten, um die ganze Bandbreite gesellschaftlichen Musiklebens von der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes über repräsentative Festmusiken bis hin zur abendlichen Unterhaltung präsentieren zu können. Er beschäftigte sich schon früh mit Free Jazz und Musique concrete, schrieb Schauspielmusiken ebenso wie Messen oder Sinfonien und arbeitete mit so verschiedenen Musikern wie Terry Riley, John Cage, Morton Feldman, Karlheinz Stockhausen, Carl Orff oder Thomas Gundermann zusammen.

    Seine Improvisationen und Kompositionen bezeichnet er gerne als „geistig neue Musik“. Was er darunter verstehe? „Ich wollte den Begriff ,spirituell‘ nicht mehr. Er war wie ,Weltmusik‘ irgendwann missbraucht.“ „Geistig neu“ beschreibt er ähnlich wie Karl Rahner als Zustand des gleichzeitigen Hörens, näherhin Lauschens, und Rezipieren. Seine unterschiedliche Eindrücke sammelnde, offene Form der Weltwahrnehmung bringt Hamel in seiner Musik ebenso zum Ausdruck, wie er die sehr verschiedenen Musikstile und Genres zusammenbringt, die er im Laufe der Zeit studiert hat und für deren intensives Kennenlernen er sich immer wieder für längere Zeit im Ausland aufhielt, wo er beispielsweise in Indien studierte, um nur einen kleinen Teil des breiten Spektrums außereuropäischer Musik zu benennen, in den Hamel sich vertiefte. Diese Studien fließen dann in Projekte, wie etwa in Coincidence, wo er, wie die „Tagepost“ berichtete, gemeinsam mit Thomas Gundermann Musik für Orgel und Sackpfeifen improvisierte. Auf die Frage, welches Echo er zu diesem Konzept bekommt und ob es andere, ähnliche Projekte gibt, antwortet Hamel: „Projekte wie Sackpfeifen mit Gundermann haben ihren Anfang cirka 1971 in der Gruppe ,Between‘: Es geht dabei um das Zusammenbringen von Sakralem und Profanem. Wir nannten das ,zwischen den Welten‘ – die Suche nach gemeinsamen Wurzeln, etwa die Verwandtschaft von Modalen Systemen.“ Kirchentonarten kommen so in Dialog mit Klangclustern, Orgeln spielen mit Sackpfeifen und Musik wird zu einem Projekt, das dazu beitragen kann, durch Verständigung von Menschen auf einer tiefen, die Welt der Worte umgreifenden Ebene Frieden zu schaffen. In der Musik kommt es für Hamel entscheidend darauf, an, die Kunst der Improvisation zu beherrschen. Heute ist das anders. Hamel betont deshalb, dass die Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker ihm als Studierende die liebsten waren, weil sie für vielseitige Zugänge zur Musik offen sind. Für Schulmusiker hingegen, so betont er, ist Improvisieren dagegen zumeist erst einmal der reine Stress. Um das zu ändern setzt Hamel sich derzeit dafür ein, das Komponieren am neuen bayerischen G9 als Wahlpflichtfach zu verankern.

    Der Komponist und Musikschriftsteller, der sich immer dagegen gewehrt hat, sich von der New Age-Bewegung vereinnahmen zu lassen, und der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, versteht sich als Wanderer zwischen den Welten, der Brücken zwischen verschiedenen musikalischen Genres bauen möchte. Das Thema seiner neuen Sinfonie, die den Titel Anamnesis trägt, beschäftigt sich mit musikalischen Reisen in unterschiedliche Epochen der Musikgeschichte und spielt so mit der einzigartigen Situation, die wir seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben, dass wir nämlich nicht nur zeitgenössische, sondern die Musik aller Epochen zum Klingen bringen. Gerne würde Hamel diesen Dialog auch in umgekehrter Richtung führen. Auf die Frage, welchen Musiker oder welche Musikerin er gerne in unsere Zeit einladen und was er ihnen zeigen würde?“, antwortet er deshalb mit hintersinnigem Humor: „Ich würde Orlando di Lasso zum Vollmondtrommeln nach Benniras am Meer mitnehmen und ihn einladen, mitzuspielen.“ Auf das Ergebnis dieses musikalischen Dialoges dürfte man gespannt sein.