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    Subtile Verehrung der Sowjetliteratur

    Schon in ihrem Grußwort am Eröffnungsabend macht die Kongress-Kuratorin Priya Basil deutlich, in welcher Tradition sie den folgenden dreitägigen „internationalen kongress für demokratie und freiheit“ in Berlin sieht. Frau Basil (laut Magazin Wired „eine britische, kenianische, indische, in Deutschland lebende Autorin, deren Leben nicht zwischen zwei Buchdeckel passt“) bezieht sich ausdrücklich auf den Pariser Schriftstellerkongress von 1935 und sieht den Berliner von 2017 in der nämlichen Tradition.

    Das Bild scheint einen Hörsaal mit Studenten 1968 zu zeigen. Aber das Podium stand kürzlich bei einem Kongress zu Freihe... Foto: dpa

    Schon in ihrem Grußwort am Eröffnungsabend macht die Kongress-Kuratorin Priya Basil deutlich, in welcher Tradition sie den folgenden dreitägigen „internationalen kongress für demokratie und freiheit“ in Berlin sieht. Frau Basil (laut Magazin Wired „eine britische, kenianische, indische, in Deutschland lebende Autorin, deren Leben nicht zwischen zwei Buchdeckel passt“) bezieht sich ausdrücklich auf den Pariser Schriftstellerkongress von 1935 und sieht den Berliner von 2017 in der nämlichen Tradition.

    Der Pariser Kongress ist seinerzeit von Ilja Ehrenburg initiiert und zusammen mit André Malraux, André Gide, Jean-Richard Bloch und Paul Nizan organisiert worden. Illustre Namen, das ist keine Frage. Doch zweifellos gehören die Genannten vier Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg allesamt zu den intellektuellen Köpfen der antifaschistischen Volksfront. Die wiederum ist ein von Josef Stalin befohlenes und von der Kommunistischen Internationalen organisiertes Zweckbündnis, das sich vornehmlich gegen die im Deutschen Reich regierende Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) richtet, mithin also ein Anti-Hitler-Bündnis. Für Moskaus politische Interessen einspannen lassen sich in Paris Tristan Tzara, Louis Aragon, Aldous Huxley, Edward Morgan Forster, Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Ernst Toller, Anna Seghers, Gustav Regler, André Breton, Robert Musil und Egon Erwin Kisch.

    Bereits ein Jahr zuvor hat in Moskau ein ähnlicher Kongress stattgefunden. Dort haben sich, unter der Präsidentschaft von Maxim Gorki und unter einem Riesenbanner von Josef Stalin, vom 17. August bis zum 1. September 600 sowjetische Delegierte und 40 ausländische Schriftsteller von internationalem Rang versammelt. Allein 17 von ihnen sind deutschsprachig. Mit dabei sind neben anderen Oskar Maria Graf, Johannes R. Becher, Wieland Herzfelde und Klaus Mann. Auch diese Versammlung diente der Herrschaftssicherung der sowjetischen Bolschewisten. Auf dem Feld der Literatur sollte das dem dort erstmals propagierten Sozialistischen Realismus gelingen. Das dazugehörige, aus den Reden von Gorki und Andrei Schdanow nachträglich extrahierte Manifest trägt den bezeichnenden Titel „Die Sowjetliteratur, die ideenreichste und fortschrittlichste Literatur der Welt“.

    Als am 24. August 1939 (in Anwesenheit von Josef Stalin) vom deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow, dem sowjetischen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet wird, ist der bislang von Moskau propagierte Antifaschismus Schnee von gestern. Während die Kader der Kommunistischen Parteien außerhalb der UdSSR (mehr oder weniger freiwillig) der neuen Parteilinie folgen, sind viele der bislang für die Volksfront-Idee schreibenden, doch im Herzen bürgerlich gebliebenen Schriftsteller gelinde gesagt irritiert. Alles, was gestern noch galt, ist jetzt passé. Ihre Orientierungslosigkeit endet erst wieder, als am frühen Morgen des 22. Juni 1941 die deutsche Wehrmacht mit 121 Divisionen, drei Millionen deutschen Soldaten, weiteren 600 000 aus Italien, Ungarn, Finnland, Rumänien und der Slowakei, mit 600 000 Kraftwagen, 625 000 Pferden, 3 350 Panzern, 7 300 Geschützen und 3 000 Flugzeugen und auf einer 2 130 Kilometer breiten Front die sowjetische Grenze überschreitet.

    Erst jetzt ist das durch den Hitler-Stalin-Pakt obsolet gewordene alte Freund-Feind-Schema wieder aktuell. Nun wieder kann in irritierenderweise gerade von Schriftstellern besonders geschätzten Schwarz-Weiß-Kategorien gedacht und geschrieben werden. Warum diese Sehnsucht nach politischer Übersichtlichkeit gerade bei Schriftstellern so beliebt ist, hat sicherlich mehr als eine Ursache. Doch die wesentliche wird diese sein: Über jedem Schriftsteller, der in seinem Innersten nicht felsenfest davon überzeugt ist, dass Poesie und Prosa einen Wert ganz aus sich selbst heraus haben, hängt das Damoklesschwert der gesellschaftspolitischen Nutzlosigkeit, und der entkommt er nur, wenn er Partei ergreift, wenn er „sich einmischt“, wie es banalerweise heißt. Begrüßt, beklatscht und gefördert wird sein „Engagement“ dann von sich dafür zuständig haltenden Medien. Mit dem Ergebnis, dass sich der Schriftsteller nun nicht mit Prosa und Lyrik dem von ihm diesbezüglich insgeheim verachteten, oft unsachlichen, oft vom Neid der Schriftstellerkollegen gespeisten öffentlichen Urteil stellen muss, sondern allein mit einem politischen Statement.

    Solche Statements sorgen schon in den dreißiger Jahren für eine gute Presse und nicht zuletzt für Nachruhm über den Tod hinaus. Da spielt es dann keine Rolle mehr, dass die Protagonisten in Moskau und Paris nützliche Idioten Stalins gewesen sind. Schließlich hat auch einem Jean-Paul Sartre sein „linkes Gewissen“ bis zum heutigen Tag nicht geschadet. Im Gegenteil: Auch wenn kaum jemand noch seine bei Martin Heidegger abgekupferte Philosophie des Existenzialismus ernst nimmt, Sartres Einsatz für die „Verdammten dieser Erde“ sind Bonus-Punkte, die seinen Platz im Ehrenhain der Aufklärung allemal rechtfertigen.

    Womit wir wieder beim „internationaler kongress für demokratie und freiheit“ angelangt wären, dessen Verortung im „Lager des Fortschritts“ unübersehbar ist. Mit seinen mehr als 100 Teilnehmern konnte er bis Sonntag zwar nicht die Moskauer Kongress-Messlatte reißen, aber allein die schiere Menge sorgt für mediale Aufmerksamkeit; zumindest dort, wo es darauf ankommt. Womit wir beispielsweise die „tageszeitung“ (taz) meinen, die eine Kongress-Sonderbeilage beisteuert.

    Bereits die knappen Informationstexte zu den 36 Veranstaltungen zeigen an, wohin der Hase laufen soll. Hier einige Beispiele: „Wie können Gesellschaften inklusiver werden?“, „In Polen und Ungarn sind Rechtsstaatlichkeit und freie Medienlandschaft akut gefährdet, zugleich gibt es eine erschreckende Zunahme nationalistischer, antisemitischer und rassistischer Tendenzen“, „Haben Neoliberalismus und wachsende Ungleichheit das Aufkommen populistischer Bewegungen und Demagogen befördert?“, „Ist Trump ein Diktator ohne Diktatur, wie es der Kritiker Eliot Weinberger formuliert?“, „Warum wird der Islam mit Terrorismus assoziiert, obwohl nur eine Minderheit der Muslime Gewalt befürwortet?“, „Das Handeln des Menschen hat der Erde eine neues geologisches Zeitalter aufgenötigt – das Anthropozän, in dem der Mensch einflussreicher ist als jeder natürliche, atmosphärische, geologische, hydrologische oder biosphärische Prozess“, „Seit Trumps Amtsantritt zittert Mexiko“, „Ist Chinas Modell zukunftsfähig?“, „Stärke hat ein stereotypisches Gesicht: männlich, militaristisch, überwiegend weiß und heterosexuell“, „Wie kann dem rechten Treiben Einhalt geboten werden?“

    Wer so eingestimmt am „Fokus Naher Osten“ zum Thema „Blutige Bürgerkriege, enorme Fluchtbewegungen, der ungelöste Israel-Palästina-Konflikt, staatlicher Zerfall und eine autoritäre Trendwende nach dem Aufbruch des arabischen Frühlings“ teilnimmt, wird dann auch nicht mehr sonderlich erstaunt darüber sein, dass auf dem Podium zwar mit Selma Dabbagh eine in Palästina geborene und in London lebende Araberin Platz nimmt, doch niemand aus Israel (und der Moderator Stefan Weidner auf Nachfrage einen Israeli auch nicht vermisst). Darum nimmt es nicht weiter wunder, wenn die hinlänglich bekannte und längst widerlegte Anti-Israel-Propaganda von Frau Dabbagh unwidersprochen bleibt.

    Deutlich gegen den „linken Kongress-Strom“ schwimmen erfreulicherweise Wolf Biermann und Frank A. Meyer. Der Liedermacher, weil er sich, wie schon in seiner 2016 publizierten lesenswerten Autobio-graphie „Warte nicht auf bessre Zeiten“, deutlich von seiner bis ins hohe Alter verfochtenen kommunistischen Weltanschauung distanziert, und der Schweizer Journalist, weil Meyer in seinem Plädoyer für bürgerliches Denken „die Rückeroberung der Bürgerlichkeit durch radikales Denken“ anmahnt.

    Denkbar ist schon, dass Biermann und Meyer vom Veranstalter Ulrich Schreiber, dem Leiter des internationalen literaturfestival berlin, in dessen Rahmen der Kongress stattfand, bewusst als Kontrapunkt zum vorherrschenden linken Mainstream gesetzt worden sind. Schreiber jedenfalls scheint als Moderator von Biermann und Meyer deren gesellschaftspolitisches Denken durchaus sympathisch zu finden. Davon ausgehend ist die offenkundige Linkslastigkeit des „internationalen kongresses für demokratie und freiheit“ wohl vor allem dem herrschenden Zeitgeist geschuldet. Wie schon 1934 in Moskau und 1935 in Paris schlagen die Schriftstellerherzen auch 2017 global mehrheitlich im linken Takt. Das jedenfalls ist als Fazit zu diagnostizieren. Bleibt als Trost nur das deutsche Sprichwort: „Wenn die Not am größten, dann ist Gottes Hilfe am nächsten.“