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    Würzburg

    Streitet euch!

    Bei vielen Christen gilt die Devise: Hauptsache Ruhe und Frieden - bloß keine Auseinandersetzungen, bloß keine Konflikte. Der Blick auf Jesus und die Heilige Schrift zeigt aber: lösungsorientierter "Zoff" ist keine Sünde.

    Plädoyer für eine Streitkultur
    Gerade der Streit ist einer der Grundsteine für die erfolgreichste Weltreligion der Menschheitsgeschichte. Foto: Schnorr_von_Carolsfeld

    Ich hatte einmal ein interessantes Gespräch mit einer Konvertitin, die vor über zehn Jahren als Protestantin in die Katholischen Kirche heimgekehrt ist. „Wissen Sie, was mich an den Katholiken immer noch am meisten stört?“, fragte sie mich. Natürlich beantwortete sie ihre Frage direkt selbst: „Dass sie untereinander immer noch so zerstritten sind und sich ständig darüber in den Haaren liegen, wer Recht hat und wer nicht.“

    Gegenseitige Selbstzerfleischung ist eine Sache, die in uns Menschen von Grund auf angelegt zu sein scheint. Jede Familie mit mehreren Kindern, jeder Verein und auch die meisten Kirchengemeinden werden das bestätigen können. Ich gebe der Frau recht: Gerade innerhalb jener Gemeinschaft, in der die Menschen zusammen nach dem ewigen Frieden im Himmelreich streben, wird erstaunlich viel gemeckert. Sei es, weil die Brötchen fürs Pfarrfest zu unförmig gebacken wurden, niemand das Salz in der Spülmaschine des Pfarrheims nachgefüllt hat oder die eigene Tochter bei der diesjährigen Sternsinger-Aktion nicht ausreichend gewürdigt wurde („Sie war schon wieder nur Sternträger…“).

    Und obwohl die Liturgie einen (eigentlich) festgeschriebenen Rahmen hat, gibt sie immer noch genügend Spielraum für diejenigen, die sich über ihren Nächsten ärgern wollen: Warum breitet der Typ da vorne die Hände beim Vaterunser so weit auseinander und schaut dabei so verklärt an die Decke, als würde er den Menschensohn zur Rechten Gottes sehen? Warum kniet sie sich schon während des gesungenen Agnus Dei hin? Möchte sie zeigen, dass sie frömmer ist als wir? Und überhaupt, dass die Organistin heute schon wieder zum Auszug (k)ein Marienlied gespielt hat, ist doch die Höhe!

    Bei Kleingeistern hilft auch der Friedensgruß nicht

    Ich bin immer wieder fasziniert davon, wenn ich Zeuge werde, wie sich beim gemütlichen Plausch nach der Messe zwei Leute plötzlich gegenseitig an den Kragen gehen, nachdem sie sich vor wenigen Minuten noch die Hand zum Friedensgruß reichten. Ja, Streit kann manchmal sehr kleingeistig sein. Dass das Christentum nach all den Jahrhunderten des Streits noch immer existiert und nach wie vor die größte Glaubensgemeinschaft bildet, ist ein Wunder. Auf der anderen Seite ist gerade der Streit einer der Grundsteine für die erfolgreichste Weltreligion der Menschheitsgeschichte.

    Lauscht man am Sonntag dem Evangelium, wird man feststellen, dass sich Jesus erstaunlich oft mit seinem Umfeld in die Wolle bekam. Und auch, dass dieser Umstand erstaunlich selten Erwähnung in der Predigt findet.

    "Christus wird heutzutage häufig
    zum Posterboy der konfliktscheuen
    Weicheier karikiert"

    Stattdessen wird Christus heutzutage häufig zum Posterboy der konfliktscheuen Weicheier karikiert. Dabei war er es, der direkt bei seinem ersten Wunder in Kana die eigene Mutter anfuhr, als sie ihm den nett gemeinten Hinweis zuraunte: „Sie haben keinen Wein mehr“. Jesu Antwort darauf: „Was willst du von mir, Frau?“ Das ist nun nicht gerade die feine christliche Art, sollte man meinen.

    Dann der ständige Zoff mit Pharisäern und Schriftgelehrten, die ihm durch komplizierte theologische Fragen die Legitimation entziehen wollten als „Lehrer“ aufzutreten. Dabei zeigt sich auch die Anpassungsfähigkeit des Gottessohns. Redete er mit den Leuten auf der Straße, genügten oft wenige Worte und Gesten, um verstanden zu werden. Bei seinen manchmal begriffsstutzigen Jüngern bediente er sich der vielen Gleichnisse, mal sanftmütig, mal mit etwas mehr Nachdruck. Doch wenn ihn die Schriftgelehrten mit sophistischen Fragen in die Enge treiben wollten, hatte er auch darauf eine Antwort, indem er selbst mit Schriftworten um sich werfen und sie glänzend auslegen konnte. Das ging soweit, dass sie ihn nach einem Heimatbesuch in Nazareth sogar direkt einen Abhang hinunterstürzen wollten.

    Große Streithähne waren auch die Apostel

    Jesus lobte die Friedfertigen. Ihnen gehöre das Himmelreich. An anderer Stelle betonte er, er sei nicht gekommen, um den Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Der Sohn Gottes ist kein Raufbold. Und doch war er oft in Streit verwickelt. Waren das alles nur „unwichtige Kleinigkeiten“? Hätte er nicht öfter mal Fünfe gerade sein lassen können? War es wirklich nötig, die Händler mit einer Geisel aus dem Tempel zu treiben? Musste er die Tische der Geldwechsler unbedingt umstoßen? Jeder weiß, wie ätzend es ist, vor allen Leuten sein Kleingeld auf dem Boden wieder zusammenlesen zu müssen. Hätte es nicht gereicht, der Herr hätte freundlich vom Hausrecht Gebrauch gemacht, wie unlängst der Pfarrer aus Unterfranken, der die Störer von Maria 2.0 vor die Tür setzte?

    Große Streithähne waren auch die Apostel, die ersten Nachfolger Christi, die, auf die einmal unsere kirchliche Hierarchie nach dem System der Nachfolge aufgebaut werden sollte. Auch bei ihnen kam es zu kleinkarierten Streitigkeiten, die sie sich ruhig hätten schenken können. Wie häufig es da menschelt, zeigt das Evangelium, „denn sie hatten auf dem Weg miteinander darüber gesprochen, wer der Größte sei“ (Lk 9,34). Eigentlich waren sie bis dahin schon lange genug mit Jesus unterwegs, um zu wissen, dass sich so eine Frage erübrigt.

    Die wichtigsten Fundamente des Glaubens mussten erst erstritten werden

    Die wichtigsten Fundamente unseres Glaubens mussten in all den Jahren teilweise erst erstritten werden. All die theologischen Diskussionen in den ersten Jahrhunderten nach Christus, die Debatten darüber, welche Bücher letztlich in den Kanon der heutigen Bibel als „Heilige Schrift“ aufgenommen werden sollten, all die Streitigkeiten um einzelne Buchstaben des Glaubensbekenntnisses, haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind: eine Institution, die nicht nur eine barmherzige, mitfühlende und liebende Seite hat, sondern auch eine starke Anwältin der Entrechteten, Unterdrückten und der Vernunft ist.

    Lösungsorientierter (!) Streit hat sie zu dem gemacht, was sie heute ist und sorgt auch weiterhin dafür, dass sie in Form bleibt, sich gewissermaßen schick macht als die Braut, die auf die Ankunft des Bräutigams wartet. Leider herrscht oft die Vorstellung vor, dass Streit an sich etwas Schlechtes sei, egal in welcher Intention er geführt wird. Den Satz „Hört auf zu streiten“ habe ich an der Uni öfter gehört als von meiner kleinen, harmoniebedürftigen Schwester. Dabei sollte gerade eine Universität stolz darauf sein, eine vernünftige Streitkultur zu pflegen.

    Manchmal kommt die Wahrheit erst im Streit ans Licht

    Viele Kirchenvertreter gehen Konflikten, die die Lösung eines Problems herbeiführen könnten, lieber aus dem Weg und wählen deshalb oftmals eine Sprache, die niemanden verletzen soll. „Die Wahrheit wird euch frei machen“, hat Christus versprochen. Doch die Wahrheit kann manchmal erst im Streit aus ihrer Verpackung genommen werden. Und dann kann sie auch schon mal wehtun. Allerdings muss es bei der Verkündigung der Wahrheit nicht immer direkt der Holzhammer sein. „Der Sieg der Wahrheit ist die Liebe“, sagt Augustinus, und wer weiß das besser als jemand, der in seinen Jugendjahren auf der Suche nach der Wahrheit durch verschiedene Sekten geirrt ist und sich auch im hohen Alter noch mit Ketzern streiten musste? Oder ist „Ketzer“ mittlerweile auch ein Wort, bei dem wir Christen erschrocken die Luft anhalten, weil man „so etwas nicht mehr sagen darf“?

    Bei allen irdischen und allzu menschlichen Streitigkeiten dürfen wir nicht vergessen, dass das eigentliche Ziel der streitenden Kirche im Jenseits liegt. Dafür gilt es sich bereit zu machen. Wenn die Kirche die Braut Christi ist und sich reinigen und schmücken soll für die Ankunft des Bräutigams, dann geht das nicht immer ohne Streit. Da muss die Braut wohl oder übel auch mal auf Konfrontationskurs mit dem Pickel auf der Stirn gehen. Oder wagt es etwa jemand, mir zu widersprechen?!

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