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    Stimme eines Propheten

    Zum Streit um die französische Tageszeitung „La Croix“ in ihrem Umgang mit dem Thema Abtreibung. Von Jean-Marie Dumont

    Isabelle de Gaulmyn ist Redakteurin der katholischen Zeitung „La Croix“
    Isabelle de Gaulmyn ist Redakteurin der katholischen Zeitung „La Croix“ in Frankreich. Foto: IN

    In Frankreich gibt es nur eine katholische Tageszeitung: „La Croix“. Sie wurde im Jahre 1883 von den Redemptoristen gegründet. Sie ist unabhängig von der französischen Bischofskonferenz und von den Diözesen. Gleichzeitig gilt sie für viele als die Zeitung der französischen Katholiken. Sie gehört zur Mediengruppe „Bayard Presse“, die immer noch Eigentum der Redemptoristen ist. Mit einer Auflage von etwa 90 000 Exemplaren hat sie einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung und damit auch eine große Verantwortung. Regelmäßig brechen Kontroversen um „La Croix“ aus, weil die Zeitung oft sehr progressive Positionen vertritt. Vor einigen Tagen hat sie zum Beispiel einen Artikel über ein „ökumenisches Gebet“, das regelmäßig vor der jährlichen „Gay Pride“-Parade in Paris stattfindet, ohne kritische Distanz veröffentlicht.

    Die jüngste Polemik betrifft das Referendum vom 25. Mai über das Recht zum Leben und die Abtreibung in Irland. Eine Mehrheit stimmte für das „Ja“ und die Abschaffung des Lebensschutzes in der irischen Verfassung. Am folgenden Tag, in der Ausgabe des 26. Mai, schrieb eine leitende Redakteurin der Zeitung, Isabelle de Gaulmyn: „Nach einer würdigen und pluralistischen Debatte muss man diese Antwort respektieren. Ihr erster Vorzug ist, dass sie die Dringlichkeit der Problematik im Bereich der öffentlichen Gesundheit löst, die von dem Drama jener für das ganze Leben gezeichneter Frauen verursacht wird.“ „Wir wissen“, so Isabelle de Gaulmyn weiter, „dass das Leben nicht nur ein körperliches Phänomen ist, wie das weltliche Gesetz in Irland zu sagen schien, indem es das Leben, das schon da ist, und das Leben im Werden gleichgesetzt hat.“

    Eine Woche später veröffentlichte der französische Philosoph Thibaud Collin einen Text in seinem Blog mit dem Titel: „Nein zum geistigen Vichysmus!“ Sein Blog läuft auf der Seite von „La Croix“. In diesem Artikel kritisierte er den Beitrag von Isabelle de Gaulmyn. Er gehe mit dem Thema „besonders ungerecht“ um. „Warum ungerecht? Weil das bedingungslose Recht zum Leben der noch nicht geborenen unschuldigen Kinder geleugnet wird.“ Wie könne man, so Collin, etwas Gutes für die Mütter dadurch erreichen, dass man ihnen „die Beseitigung ihrer Kinder“ ermögliche.

    Thibaud Collin schreibt: „Diese Illusion, durch die man glaubt, dass es möglich ist, auszuhandeln, was unmöglich auszuhandeln ist, diesen geistigen Vichysmus, erkennt man ganz klar im Kern der Argumentation: die Idee, dass es Unterschiede zwischen Formen menschlichen Lebens gibt. Die Kirche hat immer irgendeine Ungleichheit zwischen Formen des menschlichen Daseins abgelehnt. Ist das noch nicht geborene Kind nicht ebenfalls schon da? Führen nicht die Mutter, die Ärzte und sogar die Journalisten ein Leben, das im Werden ist?“

    „Zwei Tage später“, so Thibault Collin in einem anderen, von der Wochenzeitung „Valeurs Actuelles“ veröffentlichten Artikel, „reagierte der Chefredakteur von La Croix, Guillaume Goubert, und löschte meinen Blog.“ Der Ausdruck „geistiger Vichysmus“ habe beleidigen wollen und sei eine „schlimme und ehrenrührige Anschuldigung“, so die Begründung Gouberts. In diesem Moment begann eine Polemik, die weiterhin andauert. „Unterstützung für Thibaud Collin“, meinte der Bischof von Montpellier, Bernard Ginoux, am 7. Juni via Twitter und fuhr fort: „Vielen Dank dafür, dass Sie Ihre Missbilligung ausgedrückt haben, nachdem eine katholische Leitartiklerin die irische Abstimmung für gut befand. Seitdem veröffentlicht der sehr bekannte Blog „Le Salon Beige“ Auszüge aus der Enzyklika Evangelium Vitae, stets unter dem Titel: „Abtreibung: Was Isabelle de Gaulmyn hätte lesen müssen“. Der Streit ist wahrscheinlich noch nicht beendet. Einige Tage nach der Löschung des Collin-Blogs hat Guillaume Goubert selbst die Genehmigung der Abtreibung in Argentinien kommentiert. Auch wenn er darin nicht mehr die Idee eines Unterschieds zwischen Stufen des Lebens (das Leben, das schon da ist, und das Leben „im Werden“) vertritt, hat er dennoch wie folgt Stellung bezogen: „Wir müssen diese Entscheidung, die unter Achtung der Institutionen getroffen wurde, zur Kenntnis nehmen, und dürfen die gesundheitspolitischen Argumente, die zu ihr geführt haben, nicht vergessen.“ „Es bedeutet nicht“, so fügte er hinzu, „das Prinzip der Abtreibung anzunehmen, und die Würde der Person zu leugnen. Im Gegenteil. In Irland, in Argentinien, wird es nötig sein, einen Kampf zu führen. Er betrifft den Bereich der Gesetzgebung, damit die rechtliche Möglichkeit abzutreiben eine Ausnahme bleibt.“ Für viele katholische Leser sind solche Äußerungen als Kommentar zu den echten Revolutionen, wie sie mit dem Referendum in Irland oder mit der liberaleren Abtreibungsgesetzgebung in Argentinien angestoßen wurden, nur sehr schwer nachzuvollziehen. Sie scheinen schwach, unklar, wenigstens sachlich falsch, wenn nicht gar völlig skandalös, weil die katholische Meinung und die katholische Lehre zu diesem Thema sehr klar und explizit ist und eine katholische Zeitung daher wie die Stimme eines Propheten sein soll: deutlich und vernehmbar.

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