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    Staatliche Gesundheitsaufklärung an der Schmerzgrenze

    An Bahnhöfen, Bushaltestellen und überall, wo Plakatwände sind, erscheinen zurzeit Bilder mit Comic-Figuren, die sexuell aktiv sind oder auf eine andere frivole Art dargestellt werden. Doch nicht ein Unternehmen will mit provokativer Werbung auf sein Produkt aufmerksam machen, sondern diese Werbung ist öffentlich finanziert. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat selbst den Startschuss zu der vier Millionen Euro teuren Kampagne gegeben. Deutschlandweit werden 65 000 Plakate aufgehängt. Doch hat er sich die Bilder, die da plakatiert werden, im Vorfeld genau angeschaut? Denn in manchen Fällen handelt es sich um nichts anderes als die öffentliche Darstellung des menschlichen Geschlechtsaktes mittels Comic-Figuren.

    Vorstellung der neuen Aids Präventions Kampagne
    Die Leiterin der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung, Heidrun Thaiss. Foto: dpa

    An Bahnhöfen, Bushaltestellen und überall, wo Plakatwände sind, erscheinen zurzeit Bilder mit Comic-Figuren, die sexuell aktiv sind oder auf eine andere frivole Art dargestellt werden. Doch nicht ein Unternehmen will mit provokativer Werbung auf sein Produkt aufmerksam machen, sondern diese Werbung ist öffentlich finanziert. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat selbst den Startschuss zu der vier Millionen Euro teuren Kampagne gegeben. Deutschlandweit werden 65 000 Plakate aufgehängt. Doch hat er sich die Bilder, die da plakatiert werden, im Vorfeld genau angeschaut? Denn in manchen Fällen handelt es sich um nichts anderes als die öffentliche Darstellung des menschlichen Geschlechtsaktes mittels Comic-Figuren.

    In einem Aufzug ist ein Pärchen zugange. Ein älteres schaut erstaunt zu. Das nächste Pärchen ist im Kino zugange, dann haben wieder Figuren auf akrobatische Weise Sex. Mehrere Plakate zeigen Figuren, die offensichtlich starkes Jucken im Genitalbereich verspüren, vermutlich wegen einer Sexualkrankheit. Auf einem Plakat löscht die Feuerwehr das Jucken, der Nächste kippt sich einen Kübel Eis über die entsprechende Zone. Es sind Darstellungen und Vorgänge, die viele Menschen wohl nicht unbedingt in aller Öffentlichkeit so zu sehen wünschen. Die staatliche Gesundheitsaufklärung scheut sich nicht, die emotionale Schmerzgrenze der Bürger auszutesten.

    Unter dem Kampagnenamen „Liebesleben“ will der Staat die Bürger über AIDS und andere sexuell übertragbare Krankheiten „aufklären“. Die neue „Aufklärungskampagne“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die als Bundesbehörde dem Bundesgesundheitsministerium untersteht, ist die Weiterentwicklung der Kampagne „Gib AIDS keine Chance“. Der Verband der Privaten Krankenversicherung e.V. (PKV) unterstützt die Aktion.

    Es bleibt zweifelhaft, ob mit diesen Plakaten tatsächlich die Botschaft vermittelt werden kann, dass die Bürger sich vor sexuell übertragbaren Infektionen schützen sollen. Denn was zu sehen ist, sind Plakate mit sexuellen Inhalten. Sexualwissenschaftler Jakob Pastöter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, erklärt: „Der Staat macht damit nicht Werbung für geschützten Sex, er macht Werbung für Sex.“ Er macht auf die Gefährdung der Jugend durch diese Kampagne aufmerksam: „Solche Bilder wecken die Fantasie der Kinder und regen zum Nachspielen an.“ Er verweist auf Erfahrungen aus der Praxis: „Die Mitarbeiter der BZgA sollten mal ein Jahr in einer Krippe arbeiten, um zu sehen, welche sexuellen Störungen bereits Kinder aufweisen – dann würden sie eine solche Werbekampagne vielleicht nicht mehr machen.“

    Protest formiert sich bereits. Die „Demo für Alle“ hat auf CitizenGO eine Petition gestartet. „Die expliziten Darstellungen der steuerfinanzierten Kampagne ,Liebesleben‘ verletzen die Intimsphäre von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, missachten den Kinder- und Jugendschutz und untergraben das grundgesetzlich garantierte Erziehungsrecht der Eltern“, stellt der Petitionstext fest. Minister Gröhe wird aufgefordert, als fachlich verantwortlicher Minister „diese schamverletzende Kampagne unverzüglich zu beenden“.

    Denn „de facto propagiert die Kampagne genau das promiskuitive Verhalten, welches eine der Hauptursachen für kaputte Familienbeziehungen und sexuell übertragbare Krankheiten ist“.

    Würde es sich um privatwirtschaftliche Werbung handeln, wäre der Deutsche Werberat der Ansprechpartner für eine Beschwerde. Er hat Verhaltensregeln gegen „Herabwürdigung und Diskriminierung von Personen“ aufgestellt: „In der kommerziellen Werbung dürfen deshalb vor allem keine Aussagen oder Darstellungen verwendet werden, … die Personen auf ihre Sexualität reduzieren oder ihre sexuelle Verfügbarkeit nahelegen“, „die mit übertrieben herausgestellter Nacktheit eine Herabwürdigung des Geschlechts vermitteln“ und „die einen pornografischen Charakter besitzen.“

    Diese Grundsätze des Werberates sollten auch gelten, wenn der Staat Plakate aufhängt. Tun sie aber offensichtlich nicht. Denn der Staat unterliegt nicht der freiwilligen Selbstkontrolle der Werbewirtschaft.

    Und nicht nur die BZgA überschreitet Grenzen und mutet den Bürgern viel zu. Unter dem zweideutigen Slogan „Deutschland macht's effizient“ wirbt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Eine Informationsoffensive „soll Bürger, Unternehmen und Kommunen umfassend informieren, sensibilisieren und motivieren, Strom und Wärme bewusst einzusetzen“. Deutschlandweit wurde ein Plakat aufgehängt: Eine Frau liegt zwischen zwei Männern in einem Bett. Alle drei unter einer Decke, die Schultern frei.

    Den Vogel abgeschossen hat Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). Er will gegen Zwangsprostitution mobilisieren. Doch die Wortwahl der Kampagne wirkt seltsam. OB Kuhn ließ in Stuttgart Sätze plakatieren wie „Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar“, oder „Kondome benutzt man, Frauen nicht“.

    Ob all diese staatlichen Kampagnen ihre Ziele erreichen, ist zweifelhaft. Doch auf jeden Fall tragen öffentliche Stellen so zur Verrohung der Sprache und zur Verwahrlosung des inneren Lebens vieler Menschen in unserem Land bei. Sexuelle Inhalte werden jetzt sogar vom Staat immer mehr in die Öffentlichkeit getragen. Der Respekt für die Intimsphäre der Menschen scheint zu fehlen. Wo ist das Feingefühl? Wo ist das Taktgefühl?

    Vor dem Hintergrund, dass Justizminister Heiko Maas (SPD) sexistische Werbung verbieten will, erscheinen diese Kampagnen noch absurder. Wird nun Minister Maas gegen die Sex-Plakate von Minister Gröhe einschreiten? Die Vorgänge verdeutlichen, dass es wohl begründet ist, wenn die Demo für Alle immer wieder Alarm schlägt.

    Link zur Petition: www.citizengo.org/de/pc/35049-sex-plakate-der-bzga-stoppen