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    Souveräner Umgang mit Serien

    Online-Streaming-Dienste wie Netflix verändern die Sehgewohnheiten der Fernsehzuschauer. Von José García

    Eine Höhle, aus derunheimliche Geräusche kommen, ist bedeutsam in der deutschen Serie„Dark“. Die Entscheidung, in die Hö... Foto: Netflix

    Das „lineare Fernsehen“ – das Zuschauen einer Sendung zu dem Zeitpunkt, zu dem sie ausgestrahlt wird – verliert zusehends an Boden. Funktioniert noch das lineare Fernsehen bei Sendungen wie „Tatort“ – Sonntagabend 20.15 Uhr ist für ein Millionen-Publikum „Tatort-Zeit“ – oder bei Fußballspielen, so machen immer mehr Zuschauer von der „zeitsouveränen Nutzung“ Gebrauch, so bereits vor vier Jahren die damalige rbb-Programmdirektorin Claudia Nothelle im Interview mit der Tagespost (DT vom 10.5.2014): Sie schauen eine in der Mediathek der Fernsehanstalt abgelegte Sendung zu dem Zeitpunkt, den sie selbst bestimmen.

    Dieser Trend hat sich in den letzten Jahren durch die Internet-Streaming-Dienste Netflix, Hulu, HBO und Amazon Video noch verschärft. Gegen eine monatliche Gebühr (um die zehn EUR) hat der Abonnent Zugang zu einem schier unerschöpflichen Fundus an Spiel- und Dokumentarfilmen sowie Serien. Der Zuschauer kann sie sehen, wann und wo er will – und das alles ohne Werbung. Weil der Online-Streamingdienst nicht Folge für Folge, sondern gleich eine ganze Staffel der Serie ins Internet einstellt, kann der Zuschauer entscheiden, in welchem Zeitraum er die einzelnen Folgen (etwa acht bis zehn Kapitel a circa 45–50 Minuten) in seinem Fernseher oder am Computer- oder Laptop-Bildschirm sehen möchte.

    Netflix begann 1997 als Online-Versandvideothek. Der große Durchbruch kam jedoch, als der Online-Dienst im Jahr 2007 anfing, eigene Serien zu produzieren. War Netflix bis 2010 nur in den Vereinigten Staaten zu sehen, so begann 2011 die weltweite Expansion – in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der Streamingdienst seit September 2014 tätig. Weltweit verfügte Netflix am Ende des Geschäftsjahres 2017 über 117,6 Millionen Abonnenten. In Deutschland sollen es etwa fünf Millionen sein – Tendenz steigend: Laut dem international tätigen Markt- und Medienforschungsinstitut „YouGov“ liegt „eine Sättigung des Streaming-Marktes noch in weiter Zukunft“.

    Einen überraschenden Erfolg landete Netflix im vergangenen Jahr mit der Serie „Stranger Things“ der Zwillingsbrüder Matt und Ross Duffer. Sie schildert eine in den 1980er Jahren im US-Bundesstaat Indiana angesiedelte Science-Fiction-Geschichte. Über die eigentliche Handlung mit ihren paranormalen Phänomenen und Monstern hinaus erzählt „Stranger Things“ vor allem von der Freundschaft und der Familie. Der häufig erwähnte Satz „Freunde lügen (einander) nicht (an)“ könnte denn auch das Motto der Serie sein. Im Mittelpunkt stehen vier etwa elfjährige Jungen, von denen einer zu Beginn der Handlung spurlos verschwindet. Das plötzliche Auftauchen eines verstört wirkenden Mädchens, das sie „Elfi“ (eine Schauspiel-Offenbarung: Millie Bobby Brown) nennen, zitiert unmittelbar einen der großen Kinoerfolge der achtziger Jahre, Steven Spielbergs „E.T. – Der Außerirdische“. Wie E.T. bringt Elfi Hoffnung in eine Gemeinschaft, die durch außergewöhnliche Ereignisse in die Krise geraten ist.

    Über die sympathischen Kinderdarsteller hinaus überzeugt „Stranger Things“ insbesondere auch durch die gelungene 80er Jahre-Anmutung etwa in der Farbsättigung und der Musik sowie durch die Zitate bekannter Filme aus diesem Jahrzehnt – von Ivan Reitmans „Ghostbusters“ (1984) bis Richard Donners „Die Goonies“ (1985), vor allem jedoch „E.T.“. Der große Erfolg von „Stranger Things“ hat dazu geführt, dass inzwischen eine zweite Staffel veröffentlicht wurde. Die dritte Staffel wird zurzeit gedreht.

    Als eine Art „Antwort“ auf „Stranger Things“ kann die erste deutsche Netflix-Eigenproduktion „Dark“ bezeichnet werden – obwohl deren Drehbuchentwicklung vor der Ausstrahlung der amerikanischen Serie lag. Auch in der (fiktiven) Stadt Winden verschwinden Kinder zu Beginn der Serie. Aber „Dark“ handelt nicht von Monstern, sondern von der Zeit. Wie in einem Zeitmaschinen-Film siedelt die Serie ihre Handlung auf drei verschiedenen Zeitebenen an – 2019, 1986 und 1953. Die Tragödien scheinen sich alle 33 Jahre zu wiederholen. Weil die Figuren jeweils zwei- oder sogar dreimal besetzt sind, fällt es allerdings nicht leicht, den Überblick über das ganze Figurengeflecht zu behalten, das eigentlich aus vier Familien besteht.

    Die Stärken der „Dark“-Serie von Baran bo Odar und Jantje Friese liegen zum einen in den Schauspielern, unter denen der wenigstens zu Beginn im Mittelpunkt stehende, inzwischen 19-jährige Louis Hofmann als jugendlicher Jonas Kahnwald herausragt, zum andern in einer bedrohlich wirkenden Atmosphäre. Denn Nomen ist auch beim Serientitel Omen: Es gibt kaum bei Tageslicht gedrehte Szenen, und selbst diese wirken wie durch einen Filter aufgenommen oder werden durch den Dauerregen verfinstert. Und da ist noch eine Höhle im Wald, aus der unheimliche Geräusche zu hören sind. Während die deutschen Medien eher eine „typisch deutsche Fernsehästhetik“ kritisieren, sind sie in den Vereinigten Staaten von ihr durchaus angetan. Die „New York Times“ meinte sogar, mit „Dark“ und mit „Babylon Berlin“ würde „eine neue Ära in der deutschen TV-Landschaft“ eingeläutet.

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