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    Sonette sind seine heimliche Empörung

    „Wir sind ein Spalt im Sinn, / Gedankensplitter in / Gottes Bewusstseinsstrom.“ So endet die vierte Strophe aus dem 31. Sonett „Bewusstseinsstrom“ von Günter Gerstberger. Der kleine Band mit dem Titel „Sonette an Kalypso“ ist ein Erstlingswerk mit insgesamt 125 Sonetten aus dem Berliner Frieling Verlag. Jetzt trat der literarische Debütant Gerstberger im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße damit an die Öffentlichkeit. Es war eine Premiere – für ihn, das Publikum und das Buch. „Engel“, „Gottes Exil“, „Bußübung“, „Kreuz im Gebirge“, „Gottes Herablassung“, „Gebet“, „Demütige Bitte“ – die Titel und Themen der Sonette erwecken beim aufmerksamen, katholischen Leser schnell Interesse.

    „Wir sind ein Spalt im Sinn, / Gedankensplitter in / Gottes Bewusstseinsstrom.“ So endet die vierte Strophe aus dem 31. Sonett „Bewusstseinsstrom“ von Günter Gerstberger. Der kleine Band mit dem Titel „Sonette an Kalypso“ ist ein Erstlingswerk mit insgesamt 125 Sonetten aus dem Berliner Frieling Verlag. Jetzt trat der literarische Debütant Gerstberger im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße damit an die Öffentlichkeit. Es war eine Premiere – für ihn, das Publikum und das Buch. „Engel“, „Gottes Exil“, „Bußübung“, „Kreuz im Gebirge“, „Gottes Herablassung“, „Gebet“, „Demütige Bitte“ – die Titel und Themen der Sonette erwecken beim aufmerksamen, katholischen Leser schnell Interesse.

    Es geht in diesen Selbstreflexionen des 1950 auf der schwäbischen Alp geborenen Gerstbergers um Liebe und Leben, um Sinn und Tod aber auch um Zivilisationsfragen, Glück, Zweifel, Glauben und Gott. Einige der Verse sind einprägsam wie Sentenzen, wenn er zum Beispiel in „Ermahnung“ über unser aller Ende schreibt: „Wir sterben Tag für Tag, / und täglich wird genommen / von uns, wie im Vertrag / wir übereingekommen.“ – „wie Lebensüberdruss –/ Wenn er will, kommt zu dir / der Tod, nicht wenn er muss“. Doch wie wird man mit knapp 60 Jahren zum Schreiber von Gedichten in einer nüchternen Welt die von Rationalität und kalter Wirtschaftlichkeit geprägt ist? Der Band selbst verrät fast nichts über die biografischen Hintergründe des feinfühligen und dennoch kraftvollen Lyrikers. In Gesprächen in Stuttgart und Berlin erfährt der Interessierte mehr über die Entstehung der „Sonette an Kalypso“.

    Günter Gerstberger stammt, so sagt er selbst, „aus kleinen, schwäbischen Verhältnissen“, wie sie nicht untypisch für die deutsche Nachkriegszeit waren. Sein Vater war Flüchtling und die Kindheit war vom Überleben im Alltäglichen geprägt. Als großes Glück bezeichnet er den Besuch des Gymnasiums und die Möglichkeit, als 16-jähriger Austauschschüler in die USA zu gehen. Schon während seines Universitätsstudiums der Romanistik und Slawistik in Tübingen sowie in der Beschäftigung mit Theologie und Philosophie kam der sprachbegabte Student als 27-Jähriger auf Fragestellungen, „die ich nur durch eine poetische Form beantworten konnte“. Er begann wissenschaftlich über Rilke und das Phänomen der Verwandlung zu schreiben, stellte aber schnell fest, dass er mit seiner Sprache, also wissenschaftlicher Prosa, dem Gegenstand nicht gerecht wurde. So verfiel er quasi, „wie in einem Zwang über Rilke in poetischer Form zu arbeiten“.

    Nach einem Studienjahr in Südfrankreich kam der junge Mann nach Deutschland zurück und geriet an der Uni Freiburg in den Sog der Philosophie der Griechen und Martin Heideggers. Damit war für ihn der geistige Weg bereitet. Nach dem Staatsexamen ging er als Lektor für fünf Jahre nach Spanien. Neben Rilke; Baudelaire, Leopardi wurden Quevedo und Góngora für ihn prägend. Aus dem Spanischen übersetzte er die Barockdichter und „arbeitet sich an ihnen ab; um das Handwerk zu erlernen“. So entwickelte der junge Poet einen Ehrgeiz und wollte sich an denen messen, die auf dem Feld der Lyrik die größten Autoritäten waren. „Aus dieser geistigen Beschäftigung wurde ein Habitus.“ Dennoch blieb er Realist, weil ihm klar war, nur als Poet kommt man nicht über die Runden. Der Vater von vier Kindern nahm die Verantwortung für seine Familie ernst. Dennoch ließ er nie von seinem „Laster“ der Poesie ab. Systematisch holte er sich aus philosophischer und literarischer Lektüre die geistige Substanz für seine Sonette. „Anfangs weiß man gar nicht wie einem geschieht und plötzlich lebt man darin“, resümiert Günter Gerstberger.

    Die knappe Form seiner Poesie mit ihren kurzen gereimten Versen sieht er selbst als „manieriert und pointiert zugleich an“. „Wahrheiten“ verleiht er Wirkungen. Er vergleicht seine Sprache mit jener im Gottesdienst und der Liturgie, „weil der Gegenstand eine andere Sprache erfordert als der Alltag oder die Wissenschaft“.

    Das Wort Sonett kommt aus dem Lateinischen von „sonus“ und bedeutet „Klang“ oder „Schall“. Seinen italienischen Ursprung machen die Literaturwissenschaftler am Hof des staufischen Kaisers Friedrich II. vor 1250 fest. Nach einer ersten Blüte bei Petrarca und Dante verbreitete sich das Sonett im 16. Jahrhundert auch in England und Deutschland. Neben Michelangelo war auch William Shakespeare ein begnadeter Dichter der Sonettform.

    Die Gedichtform des Sonetts wurde im deutschen Barock auch als „Klinggedicht“ übersetzt. Der älteste bekannte deutsche Sonettzyklus stammt von Johann Fischart. Mit den Absichten religiöser Dichtung vereinte dann Andreas Gryphius das Sonett. In seinen Klanggedichten verarbeitete er die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges.

    Eine neue Blüte erfuhr das Sonett wieder mit August Bürger und seinem Schüler August Wilhelm Schlegel. Sie prägten das Sonett in der Romantik. Auch Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe versuchte sich an Sonetten. Eine neue Bewertung fand es durch Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke. Auch expressionistische Dichter wie Georg Heym, Georg Trakl oder Theodor Däubler bedienten sich seiner. In der deutschen Nachkriegszeit wurde diese Dichtform von einigen Lyrikern aufgegriffen und weiterentwickelt.

    Ein Sonett besteht in der Regel aus 14 metrisch gegliederten Verszeilen, die in der italienischen Originalform in vier kurze Strophen eingeteilt sind. Auf zwei Quartette oft in Form einer These und Antithese strukturiert schließen sich die dreizeiligen Strophen, die Terzette an. Im klassischen Sonett folgen auf die beiden Quartette zwei den thematischen Konflikt zuspitzende oder lösende Terzette. Dante verwendete in seiner Göttlichen Komödie, der „Divina Commedia“ eine klassische nur aus Terzetten bestehende Gedichtform die gereimte Terzine.

    Die erstmals veröffentlichten Sonette von Günter Gerstberger wurden nicht eigens für diesen kleinen Band zusammengestellt. Schon vor gut fünf Jahren schrieb er sie nieder. Sein Verleger griff sofort zu, als er die innerhalb eines halben Jahres „als bündige Sammlung mit philosophisch, metaphysisch, religiösem Charakter“ entstandenen Sonette zu Gesicht bekam. In fast drei Jahrzehnten hat Gerstberger nach eigenem Bekunden Tausende davon verfasst. Er tat sich etwas schwer, seine Poesie einer Öffentlichkeit anzuvertrauen, schließlich gibt er damit auch seine verborgene Seite preis. Aber mit den Jahren begriff er es als Herausforderung. Nun wollte er den Test wagen, ob seine Sonette auch „öffentlichkeitsfähig“ sind.

    „Poesie war für mich immer wie eine heimliche Empörung gegen die Zumutungen des Lebens“, quasi ein Gegenentwurf zum Alltag. Er zeichnet mit seinen literarischen Werken „Symbole aber keine Systeme eines Weltbildes, die in eine Poesie getragen werden“. Der Poet nimmt mit seinen Sonetten zum Beispiel das Verhältnis von Menschen zu Gott als „spekulative Versuche“ mit allen Zweifeln auf. Somit sucht er in der Sprache - „Gott gäb es bloß / im Konjunktiv“ wie im Sonett 61 „Gottes Gegebenheit“ - einen Modus, für die Seinsweise von Gott, die sich fundamental von der des Menschen unterscheidet.

    So soll am Ende der Autor, der im übrigen als Manager in einer großen Stiftung arbeitet, durch das Sonett 38 noch einmal zu Wort kommen: „Gottes Herablasung / in Raum und Zeit und Welt – / Verwandelt ging er jung / durch sie als starker Held; / an einem Leib erfuhr / Geschichte und Geschehn / in Fleisch und Blut er, nur / um es zu überstehn; / nahm eines Lebens Lauf / und suchte sich hinauf / den Weg zum Blutgericht / und sprach auf dem Schafott: / Ja, ich bin wirklich Gott, / hier aber bin ich's nicht.“

    Von Rocco Thiede