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    Sirenengesängen widerstanden

    Manchmal muss man Regisseuren zu dem gratulieren, was sie nicht gemacht haben, dazu, dass sie zeitgeistigen Versuchungen widerstanden haben. So gebührt Christof Loy Lob dafür, wie er Georg Friedrichs Händels Oper Ariodante bei der Premiere am Mittwoch bei den Salzburger Festspielen auf die Bretter gestellt hat – und wie nicht. Was hätten sich nicht alles für kurzatmige Kurzschlüsse mit dem Tagesgeschehen denken lassen. Da ist der tugendhafte Ritter Ariodante, dem von ihrem königlichen Vater Tochter Ginevra und damit Schottlands Thron versprochen werden. Das Paar feiert sein Glück, die Hochzeit steht unmittelbar bevor. Das treibt den ebenso ehrgeizigen wie bösartigen Polinesso, Herzog von Albany, dazu, üble Tücke und List anzuwenden: Er überredet die in ihn blind verliebte Hofdame Ginevras, Dalinda, Schmuck und Kleider ihrer Herrin anzulegen und die Nacht mit ihm zu verbringen. Dabei stellt er sicher, dass Ariodante Zeuge der vermeintlichen Untreue seiner Braut wird. Somit verhindert er die Eheschließung und schaltet den Rivalen um den Thron aus. Der im Herzen getroffene will sich darauf das Leben nehmen, die verleumdete Ginevra verfällt in Wahnsinn und Raserei. Fake news und ihre Folgen, hätte der Zeitgeist schlau kombiniert und eine Assoziationskette geknüpft, die über Hate speech früher oder später unweigerlich beim regierenden amerikanischen Präsidenten geendet hätte.

    Ganz in klassischer Hosenrolle trat Cecilia Bartoli, Sängerin des Ariodante, zunächst bärtig und in Rüstung auf die Bühn... Foto: Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus

    Manchmal muss man Regisseuren zu dem gratulieren, was sie nicht gemacht haben, dazu, dass sie zeitgeistigen Versuchungen widerstanden haben. So gebührt Christof Loy Lob dafür, wie er Georg Friedrichs Händels Oper Ariodante bei der Premiere am Mittwoch bei den Salzburger Festspielen auf die Bretter gestellt hat – und wie nicht. Was hätten sich nicht alles für kurzatmige Kurzschlüsse mit dem Tagesgeschehen denken lassen. Da ist der tugendhafte Ritter Ariodante, dem von ihrem königlichen Vater Tochter Ginevra und damit Schottlands Thron versprochen werden. Das Paar feiert sein Glück, die Hochzeit steht unmittelbar bevor. Das treibt den ebenso ehrgeizigen wie bösartigen Polinesso, Herzog von Albany, dazu, üble Tücke und List anzuwenden: Er überredet die in ihn blind verliebte Hofdame Ginevras, Dalinda, Schmuck und Kleider ihrer Herrin anzulegen und die Nacht mit ihm zu verbringen. Dabei stellt er sicher, dass Ariodante Zeuge der vermeintlichen Untreue seiner Braut wird. Somit verhindert er die Eheschließung und schaltet den Rivalen um den Thron aus. Der im Herzen getroffene will sich darauf das Leben nehmen, die verleumdete Ginevra verfällt in Wahnsinn und Raserei. Fake news und ihre Folgen, hätte der Zeitgeist schlau kombiniert und eine Assoziationskette geknüpft, die über Hate speech früher oder später unweigerlich beim regierenden amerikanischen Präsidenten geendet hätte.

    Psychologisch greifbare Figuren

    Wie gesagt, Loy widerstand diesen Sirenengesängen und präsentierte stattdessen eine im besten Sinne von solidem handwerklichem Können geprägte Inszenierung. Händels Oper sorgte so trotz ihrer beträchtlichen Länge für einen ebenso kurzweiligen wie intensiven Abend. Die Gefühlsamplituden barocken Dramas durften schwingen – zum Klingen gebracht vom Orchester Les Musiciens du Prince aus Monaco unter der Leitung von Gianluca Capuano. Loy verstand es, durch geschickte Personenführung dem Stück Bewegung zu geben – die Balletteinlagen taten das Ihrige – und die Figuren psychologisch greifbar zu machen. Humorig und gutgelaunt ging so der erste Akt des Dramas zu Ende, verströmte der zweite Akt die zu Herzen gehende Verzweiflung infolge böser Tat, kam es zu einem glücklichen Ende im dritten. Der Stoff von Händels Oper macht es Loy dabei leicht. Dramaturgisch und psychologisch schlüssig nimmt die Handlung ihren Lauf, bis sie sich schließlich entknotet und der Tugend zum Triumph verhilft. Es ist dabei aber keine billige, verordnete Auflösung, sondern eine erlittene und errungene. Vor allem Ginevra muss sich in mehreren Arien sammeln, ehe sie begreifen kann, dass ihr Unglück vorüber ist, dass sie nicht nur dem untreuen Frauen gebührenden, vom Vater selbst verfügten Tod entkommen ist, sondern mit Ariodante wieder vereint sein darf. Händels Werk folgt damit dem immer stärker werdenden angelsächsischen Natürlichkeitspostulat der Zeit und setzt sich von der Formelhaftigkeit der französischen und italienischen Oper ab. Darin aber liegt der Grund, dass sie auch dem heutigen Zuschauer nachvollziehbar und nah erscheint.

    Ariodante wurde 1735 im Londoner Covent Garden uraufgeführt. Inhaltlich geht der Stoff des von Antonio Salvi verfassten, wahrscheinlich von Händel selbst überarbeiteten Librettos auf ein in der europäischen Literatur mehrfach bearbeitetes Thema zurück. In Ariostosos Epos Orlando furioso findet sich das Thema von durch Rivalenintrige um ihr Glück gebrachten Menschen. Shakespeare hat später in seinem Stück „Viel Lärm um nichts“ diesen Faden aufgenommen. Eine Händels Oper erweiternde Dimension führte die Regie mit der Verwendung von Virginia Woolfs Roman Orlando ein. Die ihrer selbst unsichere Hauptfigur dort wechselt zwischen den Jahrhunderten und Geschlechtern: Cecilia Bartoli selbst, die Sängerin des Ariodante, las Passagen aus dem Roman. Ganz in klassischer Hosenrolle trat sie zunächst bärtig und in Rüstung auf die Bühne, um schließlich die Verwandlung zur Frau anzutreten, ohne Bart und im Kleid, das zur Rache geführte Schwert in der Hand. Was zunächst nach zotigem Conchita-Wurst-Zitat aussah, entfaltete sich unaufdringlich. Loy etablierte aber letztlich einen Handlungsstrang, der parallel zum Stück verlief und irgendwann inhaltlich anschlusslos ins Leere lief.

    Dass der Abend schließlich vom Publikum begeistert gefeiert wurde, liegt neben der insgesamt gelungenen Inszenierung vor allem an der gesanglichen wie schauspielerischen Klasse der Darsteller. Cecilia Bartoli, in der Barockoper heimische Mezzosooranistin und Chefin der Salzburger Pfingstfestspiele, lieh dem Ariodante ihr routiniertes Können. Ihr Talent für gutherzigen Humor und Selbstironie überzeugten ebenso wie die Emotionalität, die in der berühmten Arie Scherza Infida ihren Ausdruck fand. Ariodantes Verzweiflung machte schließlich die Hofdame Dalinda ein Ende, indem sie ihm ihren Anteil an der List schilderte. Die französische Sopranistin Sandrine Piau überzeugte stimmlich und darstellerisch in der Rolle der zwar nicht bösartigen, aber leichtfertigen Frau.

    Ratschluss einer höheren Gerechtigkeit

    Als gesanglicher Star des Abend darf indes die Besetzung der Ginevra gelten. Die amerikanische Koloratursopranistin Kathryn Lewek überzeugte durch beeindruckende Sicherheit und Stimmvariation – kulminierend im intimen Io ti bacio, o mano augusta, in dem die zum Tode Verurteilte vom Vater (der Bass Nathan Berg) und seiner strengen, zwischen Vaterliebe und Staatsräson zitternden Hand Abschied nimmt. Dass es dazu nicht kommt, liegt an der finalen List Polinessos, dem Countertenor Christophe Dumaux seine Stimme und schauspielerische Begabung leiht. Polinesso erklärt sich bereit, für Ginevras Unschuld zu kämpfen und ein Gottesurteil herbeizuführen. So will er sich die Königstochter sichern und den Thron. Er darf sich sicher sein, dass er dabei obsiegt, schließlich ist Ginevra unschuldig – und treibt damit seine Niedertracht auf die Spitze, indem er Gott selbst in sein Verbrechen zwingt. Im Zweikampf mit Ariodantes treuem Bruder Lurcanio – gesungen vom mit den Koloraturen ringenden Rolando Villazón – wird er aber getötet, nicht ohne vorher sein Verbrechen zu gestehen. Ginevras Ehre ist damit unangreifbar wieder hergestellt – durch den Ratschluss einer höheren, wenngleich anders als der Logik des Gottesurteils nach handelnden Gerechtigkeit.

    Weitere Vorstellungen im Haus für Mozart in Salzburg am 22., 25. und 28. August.