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    Sirene an Bord ohne große literarische Seestärke

    Der Roman spielt auf der See. Elizabeth Barber überquert den Atlantik auf einem Kreuzfahrtschiff mit ihrem verlässlichen, aber letztendlich langweiligen Freund Derek, der die meiste Zeit in der Kabine verbringt. Seekrank, versteht sich. Ihrer großen Liebe, dem Mental-Illusionisten Arthur Lockwood, hat die Tochter eines Zauberkünstlers bereits vor etlichen Jahren den Rücken gekehrt. Auf Séancen hatten die beiden vorgegeben, Kontakt zu Verstorbenen aufzunehmen, und dabei reiche Klienten erleichtert. Mit Derek will Elizabeth zwar nun den Weg in ein geregeltes Leben finden. Doch wie das vermeintliche Schicksal so spielt: Arthur ist auch auf dem Schiff und logiert sogar in der vornehmen Astor Suite. „Jedes Wort kann Zauberkraft entfalten, wenn du es nur richtig anzuwenden weißt.“ Genauso ist es. Erneut gerät Elizabeth in seinen Bann. Bis zur Ankunft in New York schaukelt es heftig auf dem Meer, in ihrer Seele und im Bett des magischen Liebespaares.

    Britische Schriftstellerin mit berühmten Initialen: A.L. Kennedy. Foto: dpa

    Der Roman spielt auf der See. Elizabeth Barber überquert den Atlantik auf einem Kreuzfahrtschiff mit ihrem verlässlichen, aber letztendlich langweiligen Freund Derek, der die meiste Zeit in der Kabine verbringt. Seekrank, versteht sich. Ihrer großen Liebe, dem Mental-Illusionisten Arthur Lockwood, hat die Tochter eines Zauberkünstlers bereits vor etlichen Jahren den Rücken gekehrt. Auf Séancen hatten die beiden vorgegeben, Kontakt zu Verstorbenen aufzunehmen, und dabei reiche Klienten erleichtert. Mit Derek will Elizabeth zwar nun den Weg in ein geregeltes Leben finden. Doch wie das vermeintliche Schicksal so spielt: Arthur ist auch auf dem Schiff und logiert sogar in der vornehmen Astor Suite. „Jedes Wort kann Zauberkraft entfalten, wenn du es nur richtig anzuwenden weißt.“ Genauso ist es. Erneut gerät Elizabeth in seinen Bann. Bis zur Ankunft in New York schaukelt es heftig auf dem Meer, in ihrer Seele und im Bett des magischen Liebespaares.

    Was von der Handlung her wie ein ZDF-Sommerloch-Film wirkt, gerät bei der schottischen Autorin A.L. Kennedy, die seit ihrem Roman „Einladung zum Tanz“ (2001) zu den wichtigsten zeitgenössischen englischen Schriftstellern zählt und mit vielen Preisen bedacht wurde (unter anderem Internationaler Eifel-Literatur-Preis 2008), in ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Werk „Das Blaue Buch“ zu einem dunklen, aufwühlenden Psychodrama, das streckenweise nur schwer erträglich ist. Es ist kein „wundervolles“ Buch, wie die für ihre melancholischen Seelenerkundungen bekannte Kennedy in einem Interview mit dem „Telegraph“ auch freimütig zugibt. Das liegt weniger an den genauen Seelenschilderungen des Buches oder an der atmosphärischen Dichte des Werks, als an der etwas numinosen Verschachtelung von Rückblenden, die im Gestus allzu ungehemmter Verzweiflung über die existenziellen Leeren und sexuellen Untiefen des Paares Auskunft geben. Mitunter in einer etwas nihilistischen Kombination aus Hass, angezweifelter Liebe und Pornographie. Diversen Körperflüssigkeiten wird, vielleicht passend zur unendlichen Weite des Ozeans, breiter Raum geschenkt. Ohne dass dadurch erotische Lüste geweckt werden. Kennedy bleibt trotz der exakten Schilderung vieler Schluck-, Stöhn- und Saug-Orgien im Detail sachlich und pessimistisch. „Und wer sagt schon, dass er jemanden liebt, ohne wiedergeliebt werden zu wollen – Liebe ist kein großzügiges Gefühl.“

    Großzügig ist die Autorin jedoch nicht nur bei der Körperbeschreibung, sondern auch mit moralischen Werturteilen. Niemand der Figuren ist nur böse oder nur gut. Das gesamte Personal ist konturlos und grau wie der englische Regen und die Hotels, in denen Elizabeth und Arthur sich hin und wieder getroffen haben. Seit ihrer Trennung und zufälligen Neubegegnung in einem Hotel. Denn: Das Treffen auf dem Schiff – es stellt sich mit zunehmender Handlungsentfaltung, wenn man davon in diesem Roman überhaupt sprechen kann, als eine Illusion heraus. Tatsächlich war alles abgesprochen. So wie damals, bei den gemeinsamen Auftritten, den finanziell erfolgreichen Totenbeschwörungen. „Was er mir geschenkt hat – die Macht, in den Geschichten anderer Menschen zu sein. (...) Arthur und ich konnten uns ganz eng in die Geschichte eines anderen Menschen schmiegen – wir konnten sie dazu bringen, uns hereinzubitten.“

    Mentale Illusionsmagie und Romane schreiben – sind das etwa zwei Seiten einer Medaille? Darauf will Kennedy wohl mit großer Wellenlänge anspielen, weshalb das Buch hin und wieder an den Leser selbst adressiert ist, den Arthur Lockwood in uns allen. „Aber weil dein Buch dich nicht hinters Licht führen will, wird es dir nicht erzählen, dass es dich kennt, dass es in dein Denken schlüpfen kann, dass es still in deinem Leben gesessen und dich beobachtet hat, bei dir gewesen ist, schon so viele Seiten in deinem Kopf verbracht hat, mit eingerollter Stimme, mit seinem Gewicht auf deinen Fingern, an dir arbeitend. Es wird nicht sagen, dass es deine Wahl schon vorhergesagt hat, bevor ihr euch zum ersten Mal begegnet seid.“ Hat Liebe also geheime Zeichen und Codes, die der Zauberei gleichen? Ist Magie nichts anderes als Manipulation der eigenen Gedanken und denen der Zuschauer? Mentales Training? Dies scheint die Auffassung der Autorin zu sein, die in ihrer Danksagung auch Derren Brown erwähnt, den vielleicht erfolgreichsten britischen Magier der Gegenwart, der auf seiner Homepage seine Arbeitsmethode als eine Mischung aus Magie, Mentalem Denken und Psychologie ausgibt. So arbeitet auch Arthur Lockwood. Manchmal mit durchaus guter Intention. Er will nicht nur Geld. Er will den Menschen helfen. Den Lebenden einen Abschied von den Toten ermöglichen. Befreiung. Emanzipation. Er besitzt durchaus liebenswerte Züge. Ein großer Junge. So wie auch Derek, wenn die Autorin hin und wieder die Protagonistin in die Kabine des Seekranken schauen lässt, mit diesem größten und höchsten Qualitätsurteil über einen Mann bedacht wird. Ein großer Junge. Nur weniger geheimnisvoll als Arthur.

    Die Bibel wird im „Blauen Buch“ auch hin und wieder zitiert. Als Dekoration. „Er räuspert sich und sagt bedachtsam: „Jesaja 49,15–16: Und doch will ich deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet?“. Oder: „Als er noch auf der Bühne arbeitete, warf er gern mal Bibelstellen ein – genug, um dem Ganzen ein bisschen Gewicht zu verleihen, aber ohne zu provozieren.“

    Während Maria von Magdala der Protagonistin als Vorbild in Sachen Sinnlichkeitskunde dient und Christus als Opfer künstlerischer Illusionskunst präsentiert wird. „Auf den meisten Gemälden der Kreuzigung wird es falsch dargestellt – die Künstler zeigen die Nägel durch seine Handfläche gebohrt, dabei würde das nie funktionieren: Man musste an den Handgelenken fixiert sein, sonst würde man nicht genug gehalten. Aber die Künstler haben es verstanden: Blut und Metall am Sweet Spot, das muss man zeigen – so was hat jeder schon geschmeckt.“

    Fazit: Trotz Sturm keine große literarische Seestärke, sondern eine irrlichternde Seelenodyssee mit einer ermüdenden Sirene an Bord und einem desillusionierten Illusionskünstler, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird. Ein Kult der Hoffnungslosigkeit. Zudem am Ende des Buches Elizabeth für ihn noch eine tragische Nachricht parat hat. Nur für den seekranken Derek scheinen sich nach der großen Enttäuschung die Dinge doch noch zum Guten wenden zu können. Ohne eine Frau wie Elizabeth ist das denkbar. Seelen verloren, Schiff ahoi!

    A.L. Kennedy. Das blaue Buch. Hanser Verlag, 368 Seiten, ISBN 978-3-446-23981-4, EUR 21,90