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    Sigrid Undset - Alles ist Gnade

    Die Sünde des Anfangs ist der Verstoß gegen eine unsichtbare Ordnung - Die norwegische Schriftstellerin Sigrid Undset (1882-1949) im Spiegel eines ihrer Hauptwerke, dem Mittelalter-Roman "Kristin Lavranstochte". Von Guido Horst

    Bildnis von Sigrid Undset
    Von der „Bürosklavin“ zur Weltautorin: Bildnis von Sigrid Undset.IN Foto: Foto:

    Dass im protestantischen Norwegen des frühen neunzehnten Jahrhunderts ein zutiefst katholischer Roman entstand, liegt natürlich am Autor, nicht am Land und seiner Natur. Das Buch heißt „Kristin Lavranstochter“, geschrieben hat es eine Frau, Sigrid Undset (1882–1949), die für dieses Werk 1928 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Als es 1926 erschien, war die damals 34-jährige Schriftstellerin gerade erst katholisch geworden, was in Norwegen sehr ungewöhnlich war und für Aufsehen sorgte. Aber schon ihre Eltern, der Archäologe Ingvald Undset und die Aquarellmalerin Charlotte Gyth, hatten der protestantischen Staatskirche Norwegens sehr distanziert gegenübergestanden.

    Was ist ein katholischer Roman? Sigrid Undset hatte schon Monographien und Erzählungen über Gegenwartsthemen und Ehedramen im Norwegen ihrer Zeit geschrieben, als sie mit zwei Mittelalter-Romanen den Zenit ihrer schriftstellerischen Leistungen erreichte: das dreibändige Epos „Kristin Lavranstochter“ (1920–1922) und den vierteiligen Roman „Olav Audunssohn“ (1925). Beide Werke schildern das ländliche Leben und die religiöse Lebensordnung ihrer Heimat im 13. und 14. Jahrhundert. Eine Zeit, in der es noch keinen Protestantismus gab, in der Norwegen zum „orbis catholicus“ gehörte wie Paris, London, Madrid oder Rom. Das Kirchenjahr mit seinen Gedenk- und Feiertagen gliedert die Zeit der Menschen, Männer- wie Frauenorden sind Zentren der Erziehung, Bildung und Kultur. Bischöfe sind nicht nur geistliche Herren über das Leben ihrer Herde. Aber auch die Reformen des Trienter Konzils liegen noch in weiter Ferne. Selbst die heiligsten Priester haben Kinder, oft von mehreren Frauen. Pfarrstellen sind Pfründe, müssen bewirtschaftet werden und stellen die geistlichen Herrn auch vor ganz weltliche Aufgaben.

    Aber das sind nur formale Aspekte des „Katholischen“. Folgen wir dem Lebensweg der Romanheldin Kristin Lavranstochter, hineingeboren in die Familie des Großbauern Lavrans Björgulfssohn. Ihr eigenständiger Lebensweg beginnt mit 16 Jahren, als sie während eines Aufenthalts als Laienschwester im Frauenkloster Nonneseter bei Oslo dem Ritter Erlend Nikulaussohn verfällt, der sie rettet, als sie abseits der Stadt von Herumstreichern überfallen wird. Diese zunächst im Stillen gelebte Beziehung zu ihrem späteren Ehemann Erlend ist die große Sünde, die am Anfang der Saga Kristins steht. Nicht wegen der sexuellen Leidenschaft. Die kommt in dem Buch immer wieder vor und als Mutter von sieben Söhnen wird Kristin später Zeuge der erotischen Abenteuer ihrer Kinder, ohne dass sie daran moralisch besonders Anstoß nimmt.

    Nein, im Falle Kristins ist die Sünde des Anfangs der Verstoß gegen eine unsichtbare Ordnung. Sie bittet ihren Vater Lavrans voller Trotz, ihre Verlobung mit dem Gutsbesitzersohn Simon Andressohn wieder zu lösen. Der Vater ist nicht zornig, sondern traurig und unglücklich wie die Mutter, beide geben aber schließlich nach. Simon Andressohn ist ein edler Mensch. Er nimmt die Schmach auf sich, was ihn aber nicht hindert, später zum Beschützer und Freund der Romanheldin zu werden, nachdem der ungestüme Erlend in den Wirren der „großen Politik“ so gescheitert ist wie in seiner Ehe mit Kristin. Hochschwanger reitet Kristin zu ihrer Trauung mit Erlend. Vorher hatte Eline, eine Geliebte Erlends aus früherer Zeit, sie mit einem tödlichen Gifttrank umbringen wollen, sich dann aber im Streit mit ihrem früheren Geliebten selbst erstochen. Die düstere Erinnerung an das Geschehene hängt über der Hochzeit wie auch über der Geburt des ersten Kindes. Kaum hat sich Kristin davon erholt, offenbart sie ihre „Sünde“ dem Priester und begibt sich barfuß auf Bußwallfahrt nach Trondheim zum Grab des heiligen Olav, wo sie vom Erzbischof die Absolution empfängt.

    Die Saga endet mit dem Tod. Im dritten Buch „Das Kreuz“ sterben die Protagonisten: Simon Andressohn, Erlend, einige Söhne Kristins und schließlich diese selbst an der Pest. Sterbend erkennt sie kurz vor ihrer letzten Kommunion den Sinn ihres Lebens. Es ist der Schlüsselsatz des Romans: „Es schien ihr ein Wunder zu sein, das sie nicht begriff, trotzdem wusste sie ganz sicher, Gott hatte sie in einem Pakt festgehalten, der für sie geschlossen worden war, ohne dass sie davon etwas ahnte, von einer Liebe, die über sie ausgeschüttet worden war, und trotz ihrem eigenen Willen, trotz ihrem schweren, erdgebundenen Sinn, hatte etwas von dieser Liebe in ihr weitergelebt, hatte in ihr gewirkt wie die Sonne in der Erde, hatte eine Saat hervorgebracht, die weder das heißeste Feuer der Liebe noch der stürmende Zornesmut der Liebe ganz hatten vernichten können. Eine Dienerin Gottes war sie gewesen, eine widerspenstige unwillige Magd, meist eine Augendienerin und untreu in ihrem Herzen, faul und nachlässig, ohne Geduld während der Züchtigung, wenig ausdauernd in ihren Taten, trotzdem hatte er sie in seinem Dienst behalten, und unter dem glitzernden goldenen Ring war sie heimlich gezeichnet worden, dass sie seine Dienerin sei, dem Herrn und König gehörte, der jetzt kam, getragen von den geweihten Händen des Priesters, um ihr Freiheit und Erlösung zu bringen.“ Ende des Zitats.

    Sünde, Tod – Erlösung. Nicht durch eigenes Verdienst, sondern dank der Liebe des Erlösers, die alles übersteigt, auch die Sünden der Geschöpfe. Als Kristin vor der Geburt ihres ersten Sohns besonders heftig an der ungezügelten Leidenschaft litt, mit der sie Erlend geliebt, aber auch einen Menschen in den Tod getrieben und Unglück über die Eltern gebracht hatte, sagt ihr der Priester Gunnulf, ein Bruder Erlends: „Wagst Du, so hochmütig zu sein, dass du glaubst, das Maß deiner Sünden vermöchte Gottes Barmherzigkeit zu übertreffen?“ Alles ist Gnade. Wer stirbt, tut dies in Gelassenheit. Wer kann, ordnet seine Angelegenheiten vor dem nahenden Tod, und wartet dann auf den Übertritt in die jenseitige Welt, als würde er nur umziehen. Die Menschen sterben früh, Vater Lavrans an einem Herzinfarkt, Simon Andressohn an Wundbrand, Erlend trifft ein Speer in die Seite.

    In diesem Roman hat Sigrid Undset auch vieles aus ihrem eigenen Leben verarbeitet. Die einzige Hauptfigur, die in „Kristin Lavranstochter“ durchweg positiv, als weise und gütig beschrieben wird, ist der Vater der Romanheldin, Lavrans Björgulfssohn. Hier scheint die Autorin ihren eigenen Vater vor Augen gehabt zu haben, den Archäologen Ingvald Undset, der zwar schon starb, als Sigrid erst elf Jahre alt war, von dem sie aber viel gelernt hat: die altnordische Sprache, die norwegische Geschichte, die europäische Kultur und die mittelalterliche Lebensweise. Die kleine Sigrid begleitete ihren Vater oft ins archäologische Institut der Universität Oslo und in alte Kirchen der Stadt Oslo.

    Die Kristin Lavranstochter des Romans ist eine starke Frau. Auch wenn sie kurz vor Erlends gewaltsamen Tod nochmals mit ihrem Mann zusammenkommt, muss sie alleine einen großen Hof bewirtschaften, dem Gesinde eine gute Gutsherrin sein und ihre sieben Söhne aufziehen. Auch Sigrid Undset ist eine für ihre Zeit emanzipierte Frau. Ihre Eltern schickten sie auf eine Privatschule mit Koedukation, die auch Lehrerinnen beschäftigte. Der frühe Tod des Vaters bedeutet für die Familie einen wirtschaftlichen Abstieg. Nach der Mittelschulprüfung wechselt Sigrid ins Arbeitsleben und tritt mit 17 Jahren eine Stelle als Sekretärin bei der Niederlassung der AEG in Oslo an. Sie empfindet sich als „Bürosklavin“, arbeitet tagsüber in ihrer Firma und schreibt nachts an ihren Novellen und Büchern. Frauen sind ein Lieblingsthema. Der erste, 1907 veröffentlichte Roman beginnt mit den Worten: „Ich habe meinen Mann betrogen“. Den Durchbruch erlebt sie mit dem tragischen Roman über eine Malerin namens Jenny. Wie in „Kristin Lavranstochter“ lässt sie die oft romantischen Wünsche junger Frauen mit der harten und oft enttäuschenden Wirklichkeit zusammenprallen.

    Mit dem schriftstellerischen Erfolg kommen die berufliche Unabhängigkeit und Stipendien, um das Ausland zu besuchen. In Rom lernt sie ihren späteren Mann kennen, den norwegischen Maler Anders Castus Svarstad. Die Ehe scheitert, nachdem drei Kinder, zwei Söhne und eine geistig behinderte Tochter zur Welt gekommen sind. Aber ihren Kindern ist sie in Lillehammer, wo sie von 1919 an bis zu ihrem Tod in dem Anwesen Bjerkebaek lebt, eine liebevolle Mutter. Auch hier eine Parallele zur Romanheldin Kristin Lavranstochter.

    Sigrid Undset gilt als eine der ganz großen Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts. Nachdem die deutsche Besatzung sie 1940 aus Norwegen in die Vereinigten Staaten vertrieben hatte, kehrt sie 1945 in ihre Heimat zurück, wo sie vier Jahre später in Lillehammer stirbt. Das Faszinierende an ihren Mittelalter-Romanen wie „Kristin Lavranstochter“ ist zum einen die dichte, fast archaische Sprache, mit der sie die Menschen, deren Lebenswirklichkeit, die Natur und die alten Handwerke beschreibt. Aber mehr noch ist es der völlige Gegensatz zum Geist der heutigen Zeit. Wo heute nur noch Funktionalität gilt, herrscht in der Welt einer Kristin oder eines Lavrans die reine Transzendenz. Man ist ein Geschöpf Gottes und geht durch ein – oft nur kurzes – beschwerliches Leben, setzt aber die Hoffnung auf den himmlischen Erlöser und nicht auf den König oder die Ritterschaft. Wenn einem heute ein grüner Moralismus vorschreibt, wie man den Klimawandel stoppen, die Umwelt schützen und miteinander einen genderkorrekten Umgang pflegen kann, gibt es auch in den christlichen Gesellschaften des Mittelalters eine Moral, ein klares Wissen um Gut und Böse. Aber jeder erfährt im eigenen Leben und dem der anderen, dass der Mensch eine gebrochene Natur in sich trägt, die Erbsünde, die nur Gott heilen kann. Die Priester haben in „Kristin Lavranstochter“ viel zu tun. Dass eine junge, emanzipierte Norwegerin wie Sigrid Undset, die aus der evangelischen Staatskirche kam und in der Catholica ihre Heimat fand, diese christliche Welt in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nochmals anschaulich auferstehen ließ, gleicht einem literarischen Abenteuer.

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