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    „Sie werden mich bald umbringen“

    Der Psychiater Michael von Cranach über Ernst Lossa, den wohl am besten dokumentierten Mordfall der „Kinder-Euthanasie“ der Nationalsozialisten. Von Michaela Koller

    Ernst Lossa verteilt Äpfel an hungrige Mitkranke in der Psychiatrie: Szene aus dem Film „Nebel im August“ (2016). Foto: Studiokanal

    Es ist das ungewöhnliche Porträt eines Kindes, das am Ende des Ganges in der Praxis hängt, in der der Psychiater Michael von Cranach seinen Gast empfängt. Die Besonderheit liegt nicht allein an der erkennbar alten Schwarzweißvorlage. Noch kindlich, jedoch schon sehr charakteristisch ist das Gesicht des Jungen. Das Konterfei stammt aus der Krankenakte Ernst Lossa. Diese Akte hätte es gar nicht geben dürfen. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der 1929 in Augsburg Geborene als krank abgestempelt, aus dem „gesunden Volkskörper“ ausgegrenzt, als „Zigeunermischling“ eingestuft. Tatsächlich entstammte Lossa einer Familie von Jenischen, einer Gruppe, die für Arbeitsaufträge von Ort zu Ort zog. Nur noch sein Vater lebte und so kam der Junge in Heime, am Schluss unter sehr strenge Aufsicht. Vergeblich lehnte er sich gegen die Härte auf, zeigte sich aufmüpfig, stahl, und landete schließlich am 20. April 1942 in der Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren. Am 5. Mai 1943 wurde er in die Zweiganstalt Irsee verlegt, wo er am 9. August 1944 mit dem Medikament Luminal totgespritzt wurde. Es ist möglicherweise der bestdokumentierte Mordfall der sogenannten„Kinder-Euthanasie“. Lossas Gesicht erinnert an die Schuld, die sich in jenen Jahren gerade Ärzte aufluden.

    Der Psychiater Michael von Cranach war wissenschaftlicher Berater bei der Produktion des Films „Nebel im August“ (2016), der über Lossas letzte Lebensjahre erzählt. Der erste Film, der sich mit den Morden an Kranken und Behinderten in der Zeit der NS-Diktatur beschäftigt, wurde im In- und Ausland mehrfach preisgekrönt. Beim 7. Deutschen Regiepreis Metropolis des Bundesverbandes Regie ist gerade vor einigen Wochen Kai Wessel für seine Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in München geehrt worden.

    Im Zuge der Psychiatriereform ab Mitte der siebziger Jahre gingen junge Psychiater in die Kliniken, um die Pläne umzusetzen und Zustände zu beenden, die jahrzehntelang schon nicht mehr haltbar waren. Fixierte Patienten, überfüllte Anstalten, Mangel an Personal und Hilfen. Unter den Reformern war auch Michael von Cranach, der seine Facharztausbildung zum Psychiater in München und London absolviert hatte. „Es ging um ein neues Menschenbild in der Psychiatrie“, erinnert dieser sich. Mit 39 Jahren wurde er leitender ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses in Kaufbeuren (Allgäu). Er begegnete dort am ersten Arbeitstag der Vergangenheit, bevor Ernst Klee sein Standardwerk „,Euthanasie‘ im NS-Staat – Die ,Vernichtung lebensunwerten Lebens‘“ 1983 veröffentlichte und bevor der Lokalhistoriker und Lehrer Ernst Mader erstmals über Lossa schrieb. „Nach dem Krieg gab es keine Zäsur. Zwar wurden keine Patienten mehr umgebracht, aber die Verhältnisse blieben gleich.“

    Am ersten Tag, als er die Oberärzte in ihren Büros aufsuchte, fiel ihm die große Deutschlandkarte an der Wand auf, die die ehemaligen Ostgebiete umfasste. Als Cranach am ersten Tag schon den Speiseplan der Patienten für die bevorstehende Woche unterschreiben sollte, wunderte er sich, warum dies nicht der Verwaltungschef erledigt. „Die Amerikaner haben das eingeführt. Der ärztliche Direktor muss kontrollieren, ob die Nahrung stimmt“, erklärte ihm seine Sekretärin auf Nachfrage. Sein Vorvorgänger, Valentin Faltlhauser, war der Erfinder der E-Kost, einer fast nährstofffreien Suppe, die die Patienten bis zum Tod auszehren ließ. Die an der Mordaktion beteiligten Einrichtungen sparten so die sonst in tödlicher Dosis verabreichten Medikamente und vertuschten ihre Gräueltaten.

    Michael von Cranach ging den Fragen nach, die sich dem Neuankömmling aufdrängten: „Wir haben dann angefangen, die Krankenakten der 1939 bis 1945 verstorbenen Patienten, die unter dem Dach lagerten, herauszuholen.“ Er, weitere Ärzte sowie Krankenpflegeschüler lasen sie; Zehnerpacksweise nahm sich Cranach die Akten abends mit nach Hause. In den Protokollen der Zeugenaussagen wird fortlaufend Ernst Lossa erwähnt: „Den Amerikanern war aufgefallen, dass er ein Jenischer war und sie wollten daher wissen, ob auch andere verfolgte Menschen in der Psychiatrie umgebracht wurden. Deshalb haben wir so viele Zeugenaussagen über Ernst Lossa“, sagt Cranach. Die Krankenakte Lossa landete schließlich in Cranachs Schreibtisch, so gebannt war er von seiner Geschichte. „Er erhielt ein vernichtendes Gutachten, in dem es hieß, dass er ein ,asozialer Psychopath‘ sei“, berichtet Cranach weiter. An mehr als 30 Kliniken waren eigens „Kinderfachabteilungen“ eingerichtet worden. Dort prüften Ärzte, wen sie als „lebensunwert“ einstufen konnten. Aufgrund des Gutachtens der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München kam Lossa nach Kaufbeuren, erwies er sich als „zwar schwieriger, aber aufgeweckter, kluger liebenswürdiger Mensch“, der nur hin und wieder mal stahl.

    Am Tag bevor Lossa ermordet wurde, übergab der Junge laut Cranach dem Sektionspfleger Max Ries eine Aufnahme von ihm mit den Worten: „Ich gebe dir das, weil ich weiß, sie werden mich bald umbringen.“ Cranach war Anfang der 80er Jahre Entdecker der Akte mit dem Porträtfoto. Als vorletzter Eintrag in Lossas Akte war zu lesen: „Lossa gelangte an den Schlüssel der Vorratskammer, verteilte Äpfel an Mitkranke.“ Die darauffolgende psychiatrische Beurteilung lautete: „Diebisch, brutal, asozial. Kann nicht mehr zur Arbeit mitgenommen werden.“ Das kam einem Todesurteil gleich. „Wer nicht arbeitete, wurde getötet“, fuhr Cranach fort. Danach folgte nur noch die Bemerkung: „Exitus: Bronchopneumonie“. „Wir wissen aufgrund der Zeugenaussagen genau, wie die Todesszene ablief“, betont Cranach. Der Psychiater weiß aus den Akten, dass der Verwaltungsleiter hinzukam, um Ernst noch festzuhalten, der sich gegen die Spritze wehrte.

    In München die Ausstellung „In Memoriam“

    In den achtziger Jahren gab der Verband der bayerischen Bezirke als Träger den Kliniken den Auftrag, eine detaillierte Dokumentation über die NS-Morde zu erstellen. „Dabei kam es auf den Prozess an. In jeder Klinik entstand eine Arbeitsgruppe, die recherchierte, was geschehen war.“ Die Vergangenheit war zuvor verdrängt worden: Alexander Mitscherlichs Bericht über die NS-Ärzteprozesse 1946/47 lagerte die hessische Ärztekammer ein und verteilte ihn nicht. Bald nach Beginn der Recherchen habe er erkennen müssen, dass die Elite der deutschen Psychiatrie an den Verbrechen beteiligt war. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, die bis dahin noch Täter als Ehrenmitglieder hatte, habe sich erst 2010 förmlich davon distanziert und um Entschuldigung gebeten. „Die Nazis haben nur die Türen für etwas geöffnet, was in der Medizin schon da war.“

    Die Ausstellung „In Memoriam“ im Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms, deren Kurator von Cranach ist, ist bis zum 2. Februar im Münchener Maximilianeum geöffnet.

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