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    Sex als Geschenk

    Sex! Unsere Gegenwart ist durchflutet von sexuellen Bildern. Wir sehen sie allerorts, in Werbung und Unterhaltungsindustrie, in Kunst und Pornografie, Sexualpartner aller Couleur. Sexuelle Gier wird gefeiert, je derber, desto besser. Umso erstaunlicher, dass die christliche Gemeinde sich meist ausschweigt. Wann hat man zuletzt in der Kirche etwas über Sex gehört?

    Mann und Frau
    Marc Chagalls "Hommage an Appolinaire" zeigt die Bezogenheit von Frau und Mann. Foto: IN

    Sex! Unsere Gegenwart ist durchflutet von sexuellen Bildern. Wir sehen sie allerorts, in Werbung und Unterhaltungsindustrie, in Kunst und Pornografie, Sexualpartner aller Couleur. Sexuelle Gier wird gefeiert, je derber, desto besser. Umso erstaunlicher, dass die christliche Gemeinde sich meist ausschweigt. Wann hat man zuletzt in der Kirche etwas über Sex gehört?

    Dabei hat der hl. Papst Johannes Paul II., dessen Gedenktag die Kirche heute feiert, schon vor fast 40 Jahren prophetisch über dieses Thema gesprochen. Von 1979 bis 1984 – im Rahmen der sogenannten „Mittwochsaudienzen“. So stellte er am 10. September 1980 in „Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan“ fest, dass Leidenschaft eine schöpferische Kraft werden könne. Das setzt aber eine tiefe Wandlung voraus. Derweil ersäuft der Mensch in den sexuellen Bildern, er ist ihnen ausgeliefert, sie dringen in ihn ein, sie säuseln ihm zu, verzerren seine Sehnsucht und machen ihn zur Geisel einer schalen Genusssucht.

    Dabei könnte Sex viel mehr sein. Sex ist Biologie, aber nicht nur, Sex weist darüber hinaus. Im Sex kann der Körper zum Sakrament werden; er lässt dann aufscheinen, was wir nicht erkennen können. Er macht das Unausschöpfliche erkennbar, er macht es gar zu einem Genuss. Johannes Paul II. schreibt am 6. Oktober 1982: „Der Leib, und nur er, vermag sichtbar zu machen, was unsichtbar ist: das Geistige und das Göttliche. Er ist geschaffen worden, um das von Ewigkeit her in Gott verborgene Geheimnis in die sichtbare Wirklichkeit der Welt zu überführen und so Zeichen dieses Geheimnisses zu sein.“

    Die meisten Menschen halten Sex aber für eine rein diesseitige Sache, etwas, das man sich aneignen kann, das man erwirken, benutzen, verrichten kann. Sex ist dann nur ein Mechanismus des Lustgewinns, sein Ablauf folgt den Maßgaben der Sexualaufklärung in den Medien, seine Ästhetik dem Richtmaß des Blickes. Ohne seine sakramentale Dimension wird Sex zu einem Druck, der, kaum noch von Moralgesetzen und Tabus umkämpft, Dämme bricht und keinen Grund mehr anerkennt, sich auf die Ehe zwischen Mann und Frau zu beschränken. Der Mensch giert dann fortwährend nach Befriedigung, doch, so lehrt Johannes Paul II.: „Sie erreicht nicht die Quellen des inneren Friedens und berührt lediglich das Äußere des Menschen“ (10. September 1980). Wenn der Blick tatsächlich, wie Johannes Paul II. sagt, Ausdruck dessen sei, was im Herzen ist, dann können wir wissen, dass wir in einer Welt leben, die voller Gewalt, Hässlichkeit, Lieblosigkeit und Gier ist. Die ausufernde Pornografie, die auch von vielen Christen konsumiert wird, ist dafür nur ein Beleg unter vielen. Kritische Stimmen erscheinen nur noch wie ein Hindernis der „Freiheit“, man sieht sie als Zeichen von Verklemmtheit und moralischer Verstocktheit an.

    Der Mensch denkt, es handele sich um Freiheit, wenn ihm sexuell alles möglich ist. Dabei ist Sex längst zu einem Handelsgut geworden. Der Mensch erhandelt sich die Benutzung eines Körper, nicht nur in Prostitution und Pornografie, auch auf dem Markt der Begehrlichkeit erschwindelt er sich Sex durch einen Tauschhandel von Attraktivität, Lebenszeit und Einfluss, von Macht, Geld, Engagement, er ergaunert ihn sich durch Make-up und Silikonkissen, Manipulation und das Spielen von Rollen. Schon Jugendliche haben regelmäßig eine üppige Geschichte diverser Sexualpartner vorzuweisen, Scheidungen sind alltäglich geworden, außereheliche Affären ohnehin.

    Sex als Vehikel des Handels wurde ermöglicht durch eine scheinbare Freiheit, die nur ausbrechen konnte aufgrund des Zusammenbruchs der Ehe, durch Ausblendung der Fruchtbarkeit und durch einen Mangel an jener Herzensbildung, die all diese Trostlosigkeit überwinden könnte. Kern der scheinbaren Freiheit ist die totale Aufhebung von Freiheit, die eben gerade nicht möglich ist, wo der Mensch zum Handlanger von Gier geworden ist. Denn die Gier höhlt das Sein des Menschen aus, sie fokussiert sein Begehren auf das Benutzen des anderen. Johannes Paul II. stellt am 8. Oktober 1980 dar, dass dann „… die Person … für die andere Person … in erster Linie zu einem Objekt der potenziellen Befriedigung des eigenen sexuellen Bedürfnisses wird“. Der Mensch, der den anderen als Objekt ansieht und seine personale Würde verkennt, kann keinen erfüllenden Sex erleben, keine Lust, die auf eine tiefe Befriedigung hinausläuft. Das Konzept der modernen Aufklärung kennt aber höchstens vage Formeln wie „Verantwortung füreinander übernehmen“, um sich vorzugaukeln, dass man auf der Seite des Guten unterwegs wäre.

    Menschen, die meist völlig ohne Herzensbildung in diese Welt gestoßen werden, haben gelernt, wie man Kondome verwendet, wie man vulgär spricht, wie man den „G-Punkt“ findet, aber sie haben kaum je davon gehört, dass im Sex Dinge geschehen, die wir nicht fassen, die wir nicht ausschöpfen und darum auch nicht beherrschen können. Sie wissen nicht, dass Sex nicht nur etwas ist, was wir tun, sondern etwas, was wir sind, dass Sex ein Geschenk ist, das auf etwas hinweist, das für uns nicht erkennbar, das aber ständig über uns steht: die Wirklichkeit Gottes, sein Reich, das wir in dieser Welt nur sichtbar machen können, indem wir uns hingeben.

    Johannes Paul II. schreibt: „Der menschliche Körper in seiner Männlichkeit und Weiblichkeit hat fast die Fähigkeit verloren, diese Liebe auszudrücken, in der der Mensch als Person zum Geschenk in Übereinstimmung mit der tiefgreifendsten Struktur und Zielgerichtetheit seiner persönlichen Existenz wird“ (23. Juli 1980). Sex drückt somit die absolute Hingabe an einen anderen Menschen aus. Damit drückt Sex etwas aus, das wesentlich für Gottes Reich ist. Der Mensch aber kann Sex auszuleben suchen, indem er ihn auf eine Form der Masturbation herunterbricht; Sex ist dann lediglich die Stimulanz erogener Zonen, die zum Orgasmus führt. Wer den Sex ausübt, das ist austauschbar. In diversen aktuellen youtube-Videos heißt es, Masturbation sei einer der einfachsten Wege zu einem ziemlich guten Orgasmus. Doch wenn man dem Sex seine transzendentale Dimension nimmt, dann braucht der Mensch über kurz oder lang weitere Genussmittel. Der verzerrte Sex wird rasch zu etwas Schmutzigem, Beschämendem, er ruft ein ranziges Nachgefühl hervor. Ein Empfinden von Überdruss und Unbehagen.

    Die ständige Jagd nach Befriedigung führe auch zu einer Abstumpfung des Denkens und des Gewissens, so Johannes Paul II. am 10. September 1980. Sex als Genussmittel ist nichts als ein weiteres Vehikel der Selbstauflösung. Denn man wird nicht erfüllt vom sexuellen Erleben, sondern lediglich zum Könner, man kennt die zielführende Sex-Technik, aber man weiß nicht, was Hingabe ist, jene Hingabe, die aus Sex eine körperliche Vorerfahrung des Himmels macht. Die Begehrlichkeit ist nach Johannes Paul II. „die Täuschung des menschlichen Herzens angesichts der immerwährenden Berufung von Mann und Frau – einer Berufung, die im Geheimnis der Schöpfung selbst geoffenbart wurde – zur Gemeinschaft durch gegenseitiges Sich-Schenken“ (17. September 1980). Sexuelle Gier ist ein Zeichen des Tumults der gefallenen Welt, sie ist keine Notlage des Körpers, sondern eine unserer inneren Wirklichkeit. Wenn der Mensch sich also nicht mit dem Zerbruch in seinem Innern und damit einhergehend mit dem Zerbruch in der Welt befasst, kann er nicht zur Hingabe kommen. Dann ist ihm auch das Erleben von erfüllendem Sex, von reicher Lust und tiefer Befriedigung versperrt, und er kann in seiner entzifferbaren Existenz nicht den Nachhall Gottes wiederfinden. Sex ist geheimnisvoll. Lust ist unausschöpflich, sie ist nicht kontrollierbar. Man denkt, man könnte die Lust herbeiführen, könnte sie durch Manipulation, Alkohol- oder Drogenkonsum, durch Fälschung kontrollieren, und vordergründig scheint das zu gelingen, es scheint möglich zu sein, die Augenblicke zu erhaschen, in denen man etwas Nie-Gewesenem nahekommt, doch das ist eine Illusion, eine Verzerrung dessen, was eigentlich sein könnte.

    Der Mensch muss, so stellt es Johannes Paul II. am 8. Oktober 1980 dar, als Mann und Frau in der sakramentalen Einheit die Begierde überwinden, um die Voraussetzung für jedes Zusammenleben in Wahrheit zu schaffen. Der Mensch kann eine echte Befriedigung also nicht haben, außer er gäbe sich hin, voll und ganz, und Hingabe ist schier unmöglich ohne die Beschirmung durch die Ehe, ohne die Freilassung aus den Fesseln der Gier, ohne eine Befreiung hin zu dem, was wir eigentlich sein könnten. „Kraft der Gnade sind sie imstande, wenn sie als Eheleute ein Leben ,nach dem Geist' führen, das besondere Beschenktwerden, dessen sie teilhaftig geworden sind, zu entdecken“ (1. Dezember 1982). Die tiefe und von Freude und Schönheit erfüllte Lust ist möglich durch die totale Hingabe, durch Überwindung des Chaos und durch Kapitulation vor der Übermacht der Wahrheit, die all unsere Oberflächlichkeit, Lügen, Abhängigkeiten und Ausflüchte zersprengt.

    „Durch die Begehrlichkeit verliert der Mensch die innere Freiheit des Geschenks“, schreibt Johannes Paul II. am 23. Juli 1980. Sie „begrenzt und beschränkt den Selbstbesitz von innen her … Dadurch wird auch die Schönheit getrübt, die der menschliche Leib in seinem männlichen und weiblichen Aussehen als Ausdruck des Geistes besitzt“. Wie wahr: Reinheit ermöglicht den Blick auf Nacktheit, der Schönheit anerkennt und würdigt, sie verhindert Neid auf das Schönere, Verlangen, sich seiner zu bemächtigen, es zu benutzen, nur um sich Befriedigung zu verschaffen. Die Hingabe des Menschen kennt keine Forderungen; der Geliebte ohne Ansehen ist einem dann teuer, der Körper ohne Grazie kostbar. Hingabe verwandelt das, was die Welt missachtet, in ein irdisches Paradies der Lust, sie macht aus einem Menschen, den man aufgrund der eigenen menschlichen Begrenztheit nicht erkennen kann, in der Gnade einen Spender von Lust und Lebenssinn.

    Christen sehen Sex oftmals als Gefahr an, als Fallstrick, der den Menschen in Sünde schleudert, als Knüppel, der sein Gefallensein zementiert. Doch Sex ist auch die Einladung Gottes, sein Ruf in ein neues Sein. „Er (der Körper) hat die Fähigkeit, die Liebe auszudrücken, durch die der Mensch als Person zum Geschenk wird und so den tiefen Sinn des eigenen Seins und der eigenen Existenz erfüllt“, stellt Johannes Paul II. am 23. Juli 1980 fest. Lust aber kann nicht in der Ödnis blühen, die von Beutetieren heimgesucht wird. Lust kann auch keinen Menschen in seinen Eiszeiten wärmen. Sex braucht also einen Rahmen, der totale Hingabe ermöglicht und sie vor menschlichen Fehltritten und Mängeln schützt. Dies kann die Ehe sein, aber auch Enthaltsamkeit und Zölibat.

    Trotz aller gesellschaftlichen Bekundungen hat der Mensch seine Würde und die damit einhergehenden Dimensionen seiner Person aus den Augen verloren. Johannes Paul II. wollte dem mit seiner „Theologie des Leibes“ abhelfen. Die Aufgabe eines jeden Christen ist es, durch sein Leben etwas von der reinen Tiefe des menschlichen Herzens, die auf die göttliche Gegenwart hinweist, sichtbar zu machen. So sollten wir gerade heute den Sex sehen. Als Einladung in die Gegenwart Gottes. Und als sein Geschenk.