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    Seine Kunst gipfelte im religiösen Werk

    Böse Kritik erntete vor 120 Jahren eine Ausstellung von Jan Toorop. Damals bezeichneten die Feuilletonisten des „Berliner Tageblattes“ die fünf des niederländischen Symbolisten in der Berliner Galerie Gurlitt präsentierten Werke als „das krauseste Zeug, das uns je geboten wurde“. Die Kritiker nahmen Anstoß an den „absolut subjektiven Darstellungen eines malaiischen Gemüts“, aus denen kein Europäer schlau werden könne. Es sei „eine Mischung aus Naivität und tiefem Sinn“, der Betrachter verwirre sich darin und werde „zugleich angespornt, ins Labyrinth der Fantasien vorzudringen und irgendwie sinnbildliche Gedanken daraus hervorzuholen“.

    „Der Blinde und Jesus“, Gemälde von Jan Toorop (1926).

    Böse Kritik erntete vor 120 Jahren eine Ausstellung von Jan Toorop. Damals bezeichneten die Feuilletonisten des „Berliner Tageblattes“ die fünf des niederländischen Symbolisten in der Berliner Galerie Gurlitt präsentierten Werke als „das krauseste Zeug, das uns je geboten wurde“. Die Kritiker nahmen Anstoß an den „absolut subjektiven Darstellungen eines malaiischen Gemüts“, aus denen kein Europäer schlau werden könne. Es sei „eine Mischung aus Naivität und tiefem Sinn“, der Betrachter verwirre sich darin und werde „zugleich angespornt, ins Labyrinth der Fantasien vorzudringen und irgendwie sinnbildliche Gedanken daraus hervorzuholen“.

    Die Zeiten haben sich geändert. Streift der Besucher heute durch die Räume und Gänge der Ausstellung „Gesang der Zeiten“, die im Berliner Bröhan-Museum einen umfangreichen Überblick über das Oeuvre Toorops gibt, kann er über das strenge Urteil der Kunstkritiker von damals nur nachsichtig lächeln. Das Ziel der Ausstellung, die durch das Gemeente-Museum Den Haag mit dem Münchner Museum Villa Stuck und dem Böhan-Museum organisiert wurde, ist es, Jan Toorop in seiner Vielfalt mit mehr als 200 dargebotenen Werken auch außerhalb seiner Heimat bekanntzumachen und ihn mit Vincent van Gogh und Piet Mondrian in eine Reihe zu stellen. Denn Jan Toorop ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Und das bezieht sich nicht nur auf seine Persönlichkeit, die mit wenigen Worten nicht leicht einzufangen ist, sondern auch auf sein gesamtes Schaffen. So wie er Anregungen von anderen Künstlern und aus seiner Umwelt begierig aufnahm, sie schnell den jeweiligen kulturellen Entwicklungen und neuen Stilrichtungen anpasste, prägte er selbst sein Umfeld entscheidend mit, indem er ein umfassendes Netzwerk mit anderen Künstlern auf internationaler Ebene aufbaute. Als Beispiel sei hier Gustav Klimt genannt, der von Toorop starke Impulse aufnahm.

    Die Schau in Berlin verfolgt in chronologischer Reihenfolge jede einzelne Entwicklungsstufe des Künstlers. Die Abfolge seiner stilistischen Veränderungen wird vom Kurator Gerard van Wezel als „Gesang der Zeiten“ benannt, was zudem auf die Bezeichnung eines Werkes von Toorop anspielt.

    Neben den mystischen, schwer interpretierbaren symbolistischen Werken, zu denen wohl nur der Meister selbst Zugang hatte, finden sich in der Schau des Landesmuseums für Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus vor allem auch Arbeiten im impressionistischen, pointillistischen und im Jugendstil. Toorop verarbeitete in seinen Werken eigene Erfahrungen, wie seinen Schmerz über den frühen Tod seiner ersten Tochter und seine unglückliche Ehe.

    Der 1858 auf der indonesischen Insel Java geborene Sohn eines niederländischen Kolonialbeamten und dessen britischer Frau wurde mit elf Jahren in die Niederlande geschickt, um dort eine bessere Schulbildung zu erhalten. Seine Eltern, die in Indonesien geblieben waren, sah er nie mehr wieder. Seine außergewöhnliche zeichnerische Begabung ermöglichte ihm eine Ausbildung an der Rijksakademie van beeldende kunsten (Reichsakademie der Bildenden Künste) in Amsterdam von 1880 bis 1881. Danach besuchte er bis 1886 die Kunstakademie in Brüssel. Als Mitbegründer der Künstlergruppe „Les Vingts“ stand er in Kontakt zu namhaften Künstlern seiner Zeit. Anfangs war er vom französischen Naturalismus eines Gustave Courbet fasziniert, was sich an den Darstellungen des bäuerlichen Lebens zeigt. 1888 begann seine von Georges Seurat inspirierte pointillistische Phase. 1890 zog er in den niederländischen Küstenort Katwijk um und wandte sich dort dem Illustrativen Realismus zu. Seine Bildmotive waren das Meer, die Küstenbewohner und Boote, die er mit einer symbolischen Bedeutung auflud. Seit 1891 wandte er sich einer ganz neuen Bildsprache zu. In dieser symbolistischen Periode war Toorop auf der Suche nach einer Kunst, die eher eine spirituelle Realität als die Äußerlichkeiten des Lebens abbildete. Seit 1894 stellte sich Toorop in den Dienst der angewandten Kunst. Er gestaltete Bucheinbände, Plakate und Spiegel im Jugendstil. Am bekanntesten ist sein Werbeplakat für eine Salatöl-Firma, weshalb der Jugendstil in den Niederlanden zeitweise als Salatöl-Stil bezeichnet wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts wich die arabeskenhaft-schwungvolle Liniensprache des Art Nouveau einer eher geometrischen Linearität in seinen Werken.

    Einen weiteren Umbruch erfuhr Toorops künstlerische Gestaltung, als er, der mit 19 Jahren in Delft in die Niederländisch-Reformierte Kirche aufgenommen worden war, 1905 schließlich zur katholischen Kirche konvertierte. Zuvor gab es zwischen ihm und seiner katholischen Frau Annie Hall große Differenzen, besonders in religiösen Fragen. Doch – wie er einmal in einem Brief schrieb – das jahrelange Dasein als Protestant befriedigte sein „innerliches Leben“ nicht. Er habe „nach langem Kämpfen, Leiden und Suchen“ zum römischen Katholizismus gefunden, weil er dort die „reine Verbindung zu Gott“ entdeckte. Seine Kunst nahm seither tiefe religiöse Dimensionen an. So entwarf er Kreuzwegstationen für die St. Bernulphus-Kirche im niederländischen Oosterbeek und gestaltete kleine Gemälde, die an mittelalterliche Buchmalereien erinnern. 1916 zog er nach Den Haag um. Infolge einer Syphiliserkrankung war er seit 1920 auf den Rollstuhl angewiesen, dennoch fertigte er noch immer Grafiken und Zeichnungen mit religiösem Inhalt an.

    Am 3. März 1928 starb Jan Toorop mit 69 Jahren in Den Haag. An seiner Beisetzung nahmen Tausende von Menschen teil – die Wochenschau-Kameras filmten das Ereignis.

    – Die Ausstellung „Gesang der Zeiten“ wird noch bis zum 21. Mai 2017 im Berliner Bröhan-Museum gegenüber vom Schloss Charlottenburg zu sehen sein, Schlossstraße 1a, 14059 Berlin. Geöffnet Di. bis So. von 10 bis 18 Uhr und an allen Feiertagen.

    – Ausstellungskatalog „Gesang der Zeiten“, hrsg. von Michael Buhrs und Tobias Hoffmann, 280 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, WBOOKS, Niederlande 2017, EUR 32,10