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    „Sein Tagewerk ist ehrenreich“

    Die im Alter von sechs Jahren ertaubte Dichterin, Bildhauerin, Malerin, Scherenschneiderin Ruth Schaumann wurde vor 120 Jahren am 24. August 1899 in Hamburg geboren als Tochter eines kaiserlichen Offiziers. Sie konvertierte 1924, in der Zeit des „renouveau catholique“, des damaligen „katholischen Frühlings“, und heiratete damals den Schriftleiter des „Hochland“, Friedrich Fuchs, dem sie fünf Kinder gebar. In den 20er Jahren veröffentlichte sie weithin beachtete Gedichte und später auch Romane. Sie starb am 18. März 1975 im Alter von 75 Jahren in München und ist im kleinen Winthirfriedhof von Nymphenburg, in der Nähe des Freundes und Priesterdichters Peter Dörfler begraben. Die kraftvolle Zeitlosigkeit ihrer Gedichte ist neu zu entdecken.

    Die im Alter von sechs Jahren ertaubte Dichterin, Bildhauerin, Malerin, Scherenschneiderin Ruth Schaumann wurde vor 120 Jahren am 24. August 1899 in Hamburg geboren als Tochter eines kaiserlichen Offiziers. Sie konvertierte 1924, in der Zeit des „renouveau catholique“, des damaligen „katholischen Frühlings“, und heiratete damals den Schriftleiter des „Hochland“, Friedrich Fuchs, dem sie fünf Kinder gebar. In den 20er Jahren veröffentlichte sie weithin beachtete Gedichte und später auch Romane. Sie starb am 18. März 1975 im Alter von 75 Jahren in München und ist im kleinen Winthirfriedhof von Nymphenburg, in der Nähe des Freundes und Priesterdichters Peter Dörfler begraben. Die kraftvolle Zeitlosigkeit ihrer Gedichte ist neu zu entdecken.

    Der Papst

    Wie Lämmer ihres ersten Vließes Bürde,

    Die einst zu seinem Manteltuch verwo- ben,

    Trägt er, in goldner Sänfte aufgehoben

    Des höchsten Amtes ungewollte Würde.

    Sein Angesicht ist das von einem Greise,

    Aus seinem Mund kommt zu des Volkes Staunen

    Ein Murmeln nur statt Dröhnen und Posaunen.

    Die Rechte aller Segnung zittert leise.

    Sein Tagewerk ist ehrenreich und schwer,

    Doch Lob wie Tadel duldet er ergeben,

    Denn jede Nacht bringt ihm den gleichen Traum:

    Der Hirt der Hirten komme waldwärts her

    Und hebe ihn als eines Schäfleins Beben

    In seinen aufgerafften Mantelsaum.

    In: Der Rebenhag, Kösel/Pustet, 1927.

    Wer in diesem Gedicht liest: „Sein Angesicht ist das von einem Greise. /Aus seinem Mund kommt zu des Volkes Staunen /Ein Murmeln nur...“ und sich die zitternde, zum Segnen erhobene Hand vorstellt, der wird auf Anhieb meinen, hier sei Papst Johannes Paul II. gemeint, wie er seinerzeit seinem irdischen Ende entgegensah. Doch da ist noch von der goldnen Sänfte die Rede, in die er aufgehoben sei. Die aber hatte er von Anfang an verschmäht und schließlich durch das Papamobil ersetzt, ein Gerät, dessen prosaische Bezeichnung sich gegen jede poetische Verwendung sträuben würde. Auch die empfindsame Stimmung des sorgsam in die klassische Form des Sonetts gegossenen Textes weist darauf hin, dass er nicht aus unserer, sondern einer früheren Zeit stammen muss. In der Tat wurde das Sonett vor gut acht Jahrzehnten verfasst. Die Dichterin hat damit kaum einen bestimmten Papst gemeint, denn das Gedicht gehört in einen Zyklus, der nicht historischen Personen, sondern typischen Ständen galt, dem Kaiser etwa oder dem Bettler.

    Als Zeichen „des höchsten Amtes ungewollter Würde“ trägt ein Papst das „Manteltuch“. Es wird aus der ersten Wolle, dem ersten „Vließ“ eines Lammes gewoben. Gemeint ist das Pallium, ursprünglich der weiße Mantel der antiken Philosophen, dann Herrschaftszeichen der römischen Imperatoren und seit Kaiser Theodosius im vierten Jahrhundert eines der päpstlichen Insignien, heute ein ringförmiger Schal mit sechs eingewebten schwarzen Kreuzen. Mit dessen Erwähnung nimmt die Dichterin das Erbe der Antike, die das Christentum in sich aufgenommen hat, in den Blick. „Würde“ wird auf „Bürde“ gereimt. Das päpstliche Tagewerk ist eben nicht nur „ehrenreich“ sondern auch „schwer“. Mit dem ergebenen Dulden ebenso des Lobes wie des Tadels spielt die Dichterin auf das Bild der schon in der ersten Gedichtzeile erscheinenden Lämmer an, die ja sprichwörtlich als geduldig gelten, das Opferlamm zumal.

    Als „leise“ wird nicht nur das Zittern der segnenden Papsthand bezeichnet. Auch das Murmeln des Papstes ist eine leise Äußerung. Und der Ton des Gedichtes selbst ist ein ausgesprochen leiser. Er steht damit in auffälligem Gegensatz zu dem dröhnenden Lärm der „Roaring Twenties“, der zwanziger Jahre, in denen das Sonett entstanden ist. Der akustische Lärm dieser Zeit hat die Dichterin, die als Kind ertaubt war, in der dadurch bedingten Stille ihres Lebens nicht behelligen können. Aber der Umgang mit den Bildern entspricht dennoch zeitgenössischer Kühnheit. Er ist durchaus expressionistisch. Wie in einem Kaleidoskop wird das Bild vom Lamm und seinem Hirten einem wirbelnden Bedeutungswechsel unterzogen: der Papst ist das Bürde tragende Lamm, gleichzeitig und unausgesprochen auch der Oberhirte, dann in seinem Traum am Ende das Schäflein oder nur noch dessen kreatürliches Beben, das ein anderer Oberhirte, nämlich der Hirt der Hirten, der Gute Hirte, in seinen gerafften Mantelsaum aufnimmt.

    Dem spannungsvollen Reimaufbau, der dem Sonett eigen ist, entspricht der weitgespannte Blick auf einen Menschen, der zunächst als höchster Würdenträger erscheint und sich dann in seiner äußersten Einsamkeit erlebt, nämlich im Traum, einem für die Umwelt unzugänglichen Erlebnis. Im Traum aber erscheint dem Papst Einer, der „waldwärts her“ kommt. Die eigenartige Verknüpfung von „herkommen“, also auf den Träumenden zugehen, mit „waldwärts“ lässt wohl darauf schließen, dass dieser Träumende sich im Wald befindet. Gleicht da der Oberhirte, vor seinem Tode zurückgeworfen auf seine bloße und armselige Kreatürlichkeit, nicht dem hilflosen und der Rettung bedürftigen verlorenen Lamm, das da im dornigen Gestrüpp seiner sterblichen Existenz verfangen ist? Bis in seinen Traum reicht die Festigkeit seines Glaubens an den Hirten der Hirten, den zu verkünden seines Amtes war, und dass der ihn und alle seine Schäflein am Ende in seinem Mantelsaum bergen wird.

    Von Hans-Bernhard Wuermeling