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    Sein Kompass ist an Rom ausgerichtet

    „Ein Mystagoge des Diesseits“, dessen „staunenden Entdeckungsreisen im Vorläufigen“ unser Dank gebührt. Mit diesen Worten schloss der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, seine fulminante Laudatio auf Martin Mosebach, der am vergangenen Sonntag im Weimarer Musikgymnasium Schloss Belvedere den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung verliehen bekam.

    Der Schriftsteller Martin Mosebach spricht nach seiner Ehrung mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung in Wei... Foto: dpa

    „Ein Mystagoge des Diesseits“, dessen „staunenden Entdeckungsreisen im Vorläufigen“ unser Dank gebührt. Mit diesen Worten schloss der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, seine fulminante Laudatio auf Martin Mosebach, der am vergangenen Sonntag im Weimarer Musikgymnasium Schloss Belvedere den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung verliehen bekam.

    Martin Mosebach scheint geradezu prädestiniert für einen Preis zu sein, mit dem seit 1993 Schriftsteller ausgezeichnet werden, die „der Freiheit und Würde des Menschen zu ihrem Recht“ verhelfen. Zu den bisherigen Gekürten zählen Uwe Tellkamp (2009), Herta Müller (2004), der bei der Preisverleihung in der vollbesetzten Konzert-Aula anwesende Wulf Kirsten (2005) und die kürzlich verstorbene Sarah Kirsch (1993). Mosebach nämlich geht es, wie der Vorsitzende der Konrad-Adenauer Stiftung, Hans Gert Pöttering, in seiner Begrüßung hervorhob, „um die Freiheit des Menschen“ und um das „Bewusstsein vom Wert der geistigen Freiheit und der Verantwortung, die uns dieses Wert-Bewusstsein abverlangt“.

    Auf diesem Bewusstsein basiert die Trias der Merkmale, die so typisch für die Romane des gebürtigen Frankfurters sind, und die die Jury in ihrer Begründung betont: die filigrane Durchleuchtung der „Milieus bürgerlicher Werte“ (etwa in dem Frankfurt-Roman „Der Mond und das Mädchen“, 2008), der „Beitrag zur interkulturellen Verständigung“ („Die Türkin“, 1999) und die „brillante Beobachtungsgabe seiner Reisebeschreibungen“ („Stadt der wilden Hunde“, 2008). Mosebach zeichne sich „als eigenständiger Denker“ und „Stilist von außerordentlicher Sprachkraft“ durch „Eleganz“, „geistreiche Ironie“, „Anmut und Kühnheit“ aus. Und Mosebachs Romanfiguren atmeten „Partikel der dünnen Luft eines fragwürdigen Selbstbewusstseins“; „gewollt wird viel“, „durchgestanden kaum etwas“, führte die thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht in ihrer Ansprache weiter aus. Lieberknecht gehörte ebenso zur Jury wie Felicitas von Lovenberg (FAZ), der Literaturwissenschaftler Gerhard Lauer (Universität Göttingen) und Ijoma Mangold (DIE ZEIT). Mosebachs Literatur ist, wie Laudator Detering betont, durch das gekonnte Zusammenspiel zweier diametraler narrativer Ansätze geprägt: der „stupenden Fähigkeit der teilnehmenden Beobachtung“ einerseits und dem „Abstand, der den Erzählungen noch des hitzigsten Geschehens eine leichte, präzise Eleganz gibt“, andererseits. Diese „Weltneugier will die Welt nicht ans Licht zerren“, sondern sie durchaus im „verschleierten Dämmerschein“ belassen. Der „Sinn für das Geheimnis“ sei gewissermaßen der „Glutkern“ von Mosebachs Werk, wie er sich etwa in dem Roman „Das Beben“ in einem Traum von der „unverschämten Souveränität alter Häuser“ mit ihren „vergessenen“, „leeren“ und „verstaubten Zimmern“ leitmotivisch manifestiere. Dieser Respekt vor dem Gewachsenen, dem Überlieferten, komme gleichermaßen in Mosebachs Beschreibungen orthodoxer, muslimischer oder hinduistischer Traditionen zum Ausdruck. Man versteht, wie treffsicher der Schlusssatz der Jury-Begründung ist: „Mosebach erinnert daran, dass die Freiheit der Kunst der Wertorientierung bedarf und dass die Literatur ohne die Verantwortung vor der Tradition verflacht.“

    Wie aber kommt man zu einer solchen Geisteshaltung, einer solchen Wertschätzung der Freiheit, einer solchen Freude am Staunen, einem so distanziert-wohlwollenden Blick auf die Welt? Auf eine solche Neugier auf Kulturen, egal ob nah oder fern, wie sie sich in dem Essayband ,Als das Reisen noch geholfen hat‘ (2011) entfaltet, in dem der 61-jährige Büchner-Preisträger eine regelrechte ,tour de monde‘ absolviert, vom Rheingau bis hinein in die entmilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea, von Tiflis bis nach Indien und retour in die Kirche Hagios Georgios in Frankfurt.“ Detering findet die Antwort hierauf in Mosebachs Essay „Der Ultramontane“, der in dem gleichnamigen Band (2012) enthalten ist. Dort nämlich richte Mosebach „seinen Kompass an „Rom“, „also an der Kirche“ aus. Und jeder, der dem nachfolge, werde „in der Mosebachschen Dialektik frei von der Bindung an die menschlichen Mächte, an Mutter- und Vaterländer, an diese vergängliche Welt“, und könne „in eben dieser Freiheit neu in die Welt hinausgehen“.

    Mit einer solchen Maßgabe, also der Freiheit in und aufgrund der Gotteskindschaft und der Zugehörigkeit zur katholischen Kirche, kann man wie Mosebach Freude an der couragierten Einmischung im öffentlichen Diskurs entwickeln oder in den Worten Deterings, „ein diebisches Vergnügen“ daran haben, „ein Provokateur des juste milieu und der idées reçus“ zu sein. Diese wahrhaft freie Haltung der Frankfurter Geistesgröße hat Matthias Matussek mit Recht wie folgt beschrieben: „Mosebach ist für mich nicht nur ein großer Erzähler, sondern auch der unerschrockenste und der klügste Essayist unserer Tage.“ Klug und unerschrocken ist Mosebach fraglos. Auch und gerade in kirchlichen Fragen, wie etwa in seinem dezidierten Eintritt für die tridentinische Messe in dem Essayband „Häresie der Formlosigkeit“ (2002).

    Wenn ein Frankfurter Autor nach Weimar kommt, drängt sich natürlich der Gedanke an den berühmtesten aller deutschen Literaten auf, der genau diesen Weg im Jahre 1775 ging, um dann für den Rest seines Lebens dort zu bleiben. Mosebach nahm diesen Aufbruch Goethes zum Anlass, sein eigenes Verbleiben in der zu Goethes Zeiten so wichtigen „Wahl und Krönungsstadt“, heute aber zum „Stadtkrüppel“ heruntergeschrumpften Bankenmetropole zum Sujet der Dankesrede zu machen. Und das, wie genau diese Worte bereits andeuten, ganz launig-amüsant, heiter-provokant, aber auch mit gezielten Spitzen, nein Speerwürfen gegen seine Heimatstadt. Ein „riesiges Call-Center“ sei dieses „Verwaltungszentrum“ mit seiner „alles zerwalzenden Übermächtigkeit“, das der Stadt nach dem Weltkrieg „übergestülpt worden“ sei.

    Leicht könnte man übersehen, dass dieses Lamento auf die „zwischen Aschaffenburg und Mainz wuchernde Häuschensiedlung“, letztlich auch eines ist: eine camouflierte Liebeserklärung an eine Stadt, der er immer die Treue gehalten hat. Auch wenn dies, so Mosebach, schlichtweg nur daran lag, dass ihn kein „Herzog“, aber auch keine „Frau“ mit einem von „Sonnenpferden“ gezogenen „Schicksalswagen“ aus der Metropole herausgelockt haben. So nämlich beschrieb Goethe einst die Kutsche, mit der er nach Weimar fuhr. In „unseres Schicksals leichtem Wagen“ habe er, Mosebach, gleichwohl Platz genommen, nur seien mit diesem keine Sonnenpferde hin in ferne Gefilde durchgegangen. Aber er habe gelernt, seine Ressentiments zu unterdrücken und die Stadt in seinen Erzählungen wie „eine heile, lebensvolle“ zu behandeln. Und siehe da, plötzlich habe er konstatieren dürfen, dass die Sonnenpferde „in meine Nähe gekommen“ seien, mit „Abstand“ zwar und „ohne Zaumzeug“, aber eben doch „nicht vollständig ausgeblieben“. Nur wollten sie sich nicht vor „einen Wagen, gar Schicksalswagen spannen lassen“, „sondern am Flieder in den Vorgärten meiner Straße knabbern“. So wird offenbar, dass auch die Beziehung zu seiner Heimstadt von dem distanziert-wohlwollenden Blick Mosebachs geprägt ist, der ihn zu einem so wunderbaren Erzähler macht.