• aktualisiert:

    Würzburg

    "Sei (k)ein Opfer!"

    Identitätspolitik ist en vogue - leider produziert sie eine "Alle gegen alle"-Mentalität.

    Was bis vor kurzem noch als Schimpfwort galt, mit dem Pubertierende um sich warfen, entwickelte sich zu einem fast begehrenswerten Status: Opfer-sein ist in! Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man sich in der linken Politiklandschaft, in den Medien und auf den Unis umschaut. Wer sich mit dem Label schmücken darf, ist durch keine Institution festgesetzt und doch gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, das genau vorgibt, wer sich als Opfer betiteln darf und wer nicht. Christen beispielsweise, die die meistverfolgte Religionsgemeinschaft der Welt sind, zählen nicht dazu, genauso wenig wie Juden, wo es doch eigentlich nach dem, was zwischen 1939 bis 1945 geschah, plausibel wäre, sie in die Kategorie aufzunehmen. Auf der Opfer-Liste stehen Frauen, Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe („people of colour“), Moslems, Flüchtlinge und Angehörige der LGBTQ-Community. Es scheint, als ob nach Jahrzehnten der Globalisierung und des Multikulturalismus, nach dem Bestreben, alle Unterschiede zwischen Menschen auszubügeln, sei es Kultur, Religion, nationale Zugehörigkeit oder Geschlecht, ein neues Bewusstsein für Identität erwacht. Man ist wieder stolz darauf, „anders“ zu sein, sich von der Masse abzuheben. So sucht man in seiner persönlichen Geschichte nach herausstechenden Merkmalen, die Identität verleihen können: Die Muslima, die ihr Kopftuch mit Stolz trägt, der Deutsche, der zu einem Patriot der hinter sich gelassenen Heimat und Kultur seines emigrierten Elternteils wird oder der junge Homosexuelle, der seit seinem Coming-out keine queere Veranstaltung mehr auslässt und sich politisch für LGBTQ-Rechte einsetzt. Irgendwo ist das verständlich. Möchte nicht jeder Mensch eine Heimat haben, einen Ort, an den er hingehört, wo er unter seinesgleichen sein kann?

    Problematisch wird es, wenn die einzelnen Gruppen Rechte exklusiv für sich einfordern. Noch problematischer ist, dass Identitätspolitik von sozialdemokratischen Parteien gepusht wird, nachdem die alte Erzählung vom Klassenkampf in der Postmoderne ausgedient hat. Um die vom Patriarchat und der westlichen, weißen Kultur gepeinigten Minderheiten zu stärken, sollen sie „empowert“ werden. Das Empowerment treibt seltsame Blüten: Yogakurse für Frauen werden damit beworben, dass sie die Teilnehmerinnen empowern. Yoga als Hilfe, damit sich Frauen selbstbewusster fühlen?

    Auch in Mode-Magazinen ist der Trend zu erkennen

    Die Novemberausgabe der deutschen „Elle“ beleuchtet die Farbe schwarz von verschiedenen Blickwinkeln. In einem Artikel etwa stellen sie schwarze Supermodels vor. Darüber die Worte „black is back“. Der Gedanke ging nach hinten los. Viele Leserinnen, darunter das Model Naomi Campbell, beklagten, dass „people of colour“ hier behandelt würden, als seien sie ein Fashion-Trend. Ein riesiger Shitstorm entbrannte gegen „Elle“ und die Chefredakteurin – die sich im Vorwort übrigens als Parade-Gutmensch stilisiert –, die daraufhin eine Art Entschuldigung veröffentlichte, in der sie den ganzen Prozess als eine „Lernerfahrung“ beschreibt. Die Frage bleibt, ob hinter dem Motto rein kommerzielle oder wirklich gut gemeinte Motive stehen. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass bei der ganzen Sache rund um das Empowerment von Minderheiten Verwirrung herrscht und es schwer ist, es jedem recht zu machen, wie auch die mediale Aufregung rund um das „Blackfishing“ zeigt. „Blackfishing“ bezeichnet, wenn weiße Frauen sich als Schwarze inszenieren und sich dafür die Haare und Haut dunkel färben. Dieser Trend kommt aus der Popkultur, wo sich Sängerinnen mit italienischen oder kaukasischen Wurzeln gerne als people of colour ausgeben. Ihnen wird vorgeworfen, Stereotypen zu fördern und schwarze Frauen auf das Äußere zu reduzieren. Der Hauptvorwurf liegt darin, dass diese Popstars nach Belieben ihre Ethnie wechseln können, jedoch immer weiße Privilegien genießen und keine Ahnung von den Schwierigkeiten und Diskriminierungen haben, mit denen people of colour konfrontiert sind. Sie werden sogar als „kulturelle Diebinnen“ betitelt. Es stellt sich die Frage, ob hier nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird und eine Art Hypersensibilität um sich greift. Schließlich gibt es unzählige Ostasiatinnen, die wie Europäerinnen aussehen wollen und sich dafür Augenoperationen unterziehen und aufhellendes Make-up verwenden. Schwarze, die sich die Haare blond färben und sich wünschten, wie Weiße auszusehen. Hier bleiben die Aufreger aus, niemand spricht von „Whitefishing“ oder davon, dass dadurch Europäer diskriminiert werden.

    Die Sache ist, dass Identitätspolitik eine „Alle gegen alle“-Mentalität produziert, denn: Nur Schwarze können Schwarze verstehen. Nur Frauen können Frauen verstehen. Nur Transgender können Transgender verstehen. Doch diese Denkweise rächt sich. So behaupten nun auch Weiße/Männer/Heterosexuelle, dass nur Mitglieder ihrer jeweiligen Identität sie verstehen. Diese Haltung widerspricht dem aufklärerischen Ideal, dass jede Kultur und Identität verstanden werden kann, vorausgesetzt man möchte sie aufrichtig und wahrhaftig verstehen. Solidarität ist möglich! Jedoch nicht durch Identitätspolitik, die das Trennende über das Gemeinsame stellt. Die Kirche und die gemeinsame Taufe vereinen seit jeher verschiedenste Menschengruppen, denn, so Paulus: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

    Weitere Gefahrenpotenziale liegen in der Opfermentalität, die Identitätspolitik schürt und in den gegenseitigen Schuldzuschreibungen. Die Schuld von Männern gegenüber Frauen. Weißen gegenüber Schwarzen. Christen gegenüber Moslems. Die Schuld westlicher Kulturen gegenüber indigenen Völkern. Die schuldigen Gruppen – immer geht es um Kollektivschuld – sollen Buße und Sühne für ihren Rassismus, ihre Unterdrückung, ihre Diskriminierung leisten. Albert Camus lässt in seinem Theaterstück „Die Gerechten“ den Terroristen Stepan sagen: „Wir, die wir nicht an Gott glauben, brauchen die ganze Gerechtigkeit.“ Diese Zeile ist vielleicht aktueller denn je. Die Identitätspolitik enthüllt unser Gespür für Schuld und Sünde und für das Verlangen nach Gerechtigkeit, aber auch, wie ungnädig und zugleich erlösungsbedürftig der Mensch ist. Spielt man das „Schuldzuschreibungsspiel“ zuende, erkennt man, dass jeder Mensch sich irgendwo schuldig gemacht hat. Ein Blick auf den, der am Kreuz alle Schuld der Welt trug, wird heilen.

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.

    Weitere Artikel