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    Sehnsucht nach Lebensfülle

    Ralf Rothmann ist der Autor der Schwachen, Armen und wodurch auch immer zu kurz Gekommenen. Er schreibt über Menschen, die Hoffnung haben und oft Transzendentes herbeisehnen. Nun hat er den „Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken“ bekommen. Verliehen wird der Preis in Höhe von 25 000 Euro von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZDK).

    Ganz nah an den Menschen und Dingen: Der Schriftsteller Ralf Rothmann. Foto: IN

    Ralf Rothmann ist der Autor der Schwachen, Armen und wodurch auch immer zu kurz Gekommenen. Er schreibt über Menschen, die Hoffnung haben und oft Transzendentes herbeisehnen. Nun hat er den „Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken“ bekommen. Verliehen wird der Preis in Höhe von 25 000 Euro von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZDK).

    In seiner Würdigung sprach der Vorsitzende der Jury und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie Literaturprofessor in Göttingen, Heinrich Detering, davon, die „Antihelden Rothmanns“ ließen sich „in ihrer stillen Authentizität nicht verbiegen; sie bleiben sich und ihrer Sehnsucht nach Lebensfülle treu, einer Sehnsucht, die man getrost metaphysisch nennen darf“. Und, so fügte die Jury hinzu, „wer Rothmanns Bücher liest, wird gewahr, dass Rothmanns System-Transzendenz einen ... religiösen Subtext hat. Denn es ist der – manchmal verzweifelte – Glaube an das Absolute, an den Lebenssinn, an die verwandelnde Kraft von Werten, an die Heilung durch Vergebung, kurz: an die geläuterte Liebe, die Rothmanns Protagonisten am Leben hält“.

    Der 1953 in Schleswig geborene Ralf Rothmann ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, hier spielt auch ein Teil seiner Romane. 1976 zog er nach Berlin. Rothmann war Fahrer, Koch, Krankenpfleger und Drucker. Er begann 1984 mit einem Lyrikband („Kratzer“) und veröffentlichte 1991 seinen ersten Roman „Stier“. Es ist auch der erste Ruhrgebietsroman, spielt in den 70er Jahren des Aufbruchs der Jugendrevolte. Auch wenn das Buch im Sound der Beatles und Rolling Stones geschrieben ist, geht es doch nicht um Nostalgie. Der Maurer Kai Carlson sucht mit Gleichgesinnten nach alternativen Lebenswegen. Es sind Aussteiger, die ihren eigenen Weg suchen. „Der Mensch ist ein Gott in Trümmern“ – dieses Zitat des Dichters Emerson hat Rothmann als Motto dem Buch vorangestellt. Hier ist schon viel von der melancholisch wirkenden Sprachkraft des Autors spürbar, die in den nächsten Romanen entwickelt ist. Gleich der erste Satz rüttelt auf: „An dem Tag, an dem mir auffiel, dass es nichts Zufälliges mehr gibt, war die Jugend vorüber.“ Der Ich-Erzähler lernt, was ein „Piece“ ist, und doch geht es auch um härtere Drogen. Auch Sex in der „Pfütze, im Gin“ auf dem Linoleum des Küchenfußbodens, gehört für Rothmann dazu. Dann wieder die Erfahrungen des Krankenpflegers, die in dem Roman in der realistischen Drastik erzählt werden: „Möchten Sie erst noch eine Zigarette rauchen, oder dürfen wir anfangen, den todkranken Mann zu dialysieren? Was denken Sie, Carlsen?“

    Bei Ralf Rothmann geht es nicht so eindeutig gläubig zu wie etwa bei oft durch die Bibel inspirierten Werken von Patrick Roth. Dass aber Gedichte auch „Gebet sein könnten“, findet sich in Rothmanns Gedichtband „Gebet in Ruinen“. Im Gedicht „Zuspruch“ heißt es darin: „Baum für Baum/ entziffere die Schrift./ Äpfel duften am schönesten Nachts./ Komm zur Ruhe/ Sei Gebet/ reinige den Tempel mit einem Lächeln.“

    „Milch und Kohle“ (2000) ist Rothmanns bekanntester Roman geworden. Bereits der Titel deutet wieder auf das Ruhrgebiet hin. Der junge Simon, Sohn eines Bergarbeiters, ist von einem Lehrgang aus Amerika zurückgekehrt, um seine Mutter zu beerdigen; sein Vater war schon zuvor gestorben. Der Roman enthält die Erinnerungen an das frühere Leben zuhause. An die familiären Bedrängnisse, die nicht einmal in Armut gründeten. Als der epileptische Bruder einen schweren Unfall hatte, zitierte die Mutter den Arzt: „Das ist seelisch“. „Was ist seelisch?“, wollte der kranke Bruder wissen – „tja Gott“ wusste die Mutter darauf nur geräuschvoll zu antworten. Rothmann schreibt das ohne viel Aufhebens und Pathos, er ist ganz nah an den Menschen und ihrem misslingenden Leben. Man fragt sich, ob es nicht auch einmal gelingen könnte?

    „Shakespeares Hühner“ (2012) enthält Erzählungen. Da ist der kleine Junge im Wartezimmer des Arztes, der kurz seinen Platz verlässt und dann wieder ganz hinten anstehen muss. Oder die Gottesdienstbesucherin, die „Sekunden vor der Wandlung, in den stillen Sekunden vor dem Läuten der Glöckchen, einen jähen Schluckauf bekam“. Ja, es mag diesen Hauch von Metaphysik bei Rothmann geben, der über das Leben der kleinen Leute hinausweist. Den Bedeutungsüberhang muss der Leser füllen.