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    „Schöpfer der Welt, Richter der Welt“

    Viele berühmte Männer haben sich Gedanken über die Farbe Weiß gemacht: „Weiß wirkt auf unsere Psyche wie ein großes Schweigen, aber ein Schweigen, das nicht tot ist, sondern im Gegenteil voller Möglichkeiten“, wusste Wassily Kandinsky. Ein anderer großer, moderner Maler, Josef Albers, brachte die Farb-Weisheit noch deutlicher auf den Punkt: „Weiß macht sichtbar.“ Während der Schriftsteller und Konvertit G. K. Chesterton ohne Scheu die metaphysischen Implikationen der Farbe Weiß benannte: „Gott malt in vielen Farben, aber er malt nie so prachtvoll, wie wenn er in Weiß malt.“

    Landgericht Freiburg
    ARCHIV - Die Strafprozessordnung liegt am 15.09.2015 vor dem Prozessbeginn im Landgericht in Freiburg (Baden-Württemberg... Foto: Patrick Seeger (dpa)

    Viele berühmte Männer haben sich Gedanken über die Farbe Weiß gemacht: „Weiß wirkt auf unsere Psyche wie ein großes Schweigen, aber ein Schweigen, das nicht tot ist, sondern im Gegenteil voller Möglichkeiten“, wusste Wassily Kandinsky. Ein anderer großer, moderner Maler, Josef Albers, brachte die Farb-Weisheit noch deutlicher auf den Punkt: „Weiß macht sichtbar.“ Während der Schriftsteller und Konvertit G. K. Chesterton ohne Scheu die metaphysischen Implikationen der Farbe Weiß benannte: „Gott malt in vielen Farben, aber er malt nie so prachtvoll, wie wenn er in Weiß malt.“

    Der Protagonist in „Weiß“, dem Prosa-Debüt von Markus Günther, kennt diese Deutungen alle, weil er selbst ein ausgesprochen starkes Faible für diese Farbe besitzt. So stark fühlt sich der erfolgreiche Architekt Jo zu der Farbe Weiß hingezogen, dass ihn seine Frau, die nicht minder erfolgreiche Richterin Hannah, eines Morgens sogar heimlich bei einer kompromittierenden Szene in einem Zimmer des Hauses der beiden erblickt, in dem eine junge Verwandte Hannahs als Mitbewohnerin weilt: „Es war Jo, natürlich war er es, daran konnte sie nicht mehr zweifeln, er saß auf dem Boden, oder nein, er kniete direkt vor einem offenen Koffer und drückte etwas Weißes, ein Tuch vielleicht, einen Stoff, ein Stück Wäsche, mit beiden Händen in sein Gesicht, die Augen geschlossen, den Kopf leicht vorgebeugt.“

    Eine unerhörte, fast schon novellenartige Begebenheit, die Hannah nicht nur irritiert, sondern in ihr eine ganze Reihe von Assoziationen und Fragen auslöst. Kann es sein, dass sie Jo in all den Jahren völlig falsch eingeschätzt und wahrgenommen hat? War ihre kultivierte Ehe nur eine Illusion? Die promovierte Richterin ist sich nach der zufälligen Beobachtung der Fetischhandlung, denn als solche muss sie Jos Verhalten wohl oder übel einordnen, plötzlich der eigenen und der gemeinsamen Existenz nicht mehr sicher. War alles nur Einbildung? Die „gewachsene Nähe und Verschworenheit“, mit der beide bisher zusammen durchs Leben gegangen sind? Ohne „naive Begeisterung füreinander“, dafür aber mit viel „Übereinstimmung“ und „Ablehnung gegen vieles“?

    Der Spaziergang in der Winterlandschaft, bei dem sie klärende Gerichtsszenen mit ihrem Ehegatten imaginiert, beruhigt Hannah nicht wirklich. Zurück im Haus irritiert sie, dass Jo sie so behandelt, als wäre nichts besonderes vorgefallen. „Und nun brachte er es also fertig, sein Leben bruchlos fortzusetzen, die unerhörte Tat abzuschütteln oder auf eine pathologische Art einzuordnen in die geheime, durchtriebene Routine seines Gefühlslebens. Er war schon ganz in die Normalität seines Alltags und des Zusammenseins mit Hannah zurückgekehrt und schien an etwas anderes längst nicht mehr zu denken. Was geschehen war, mochte Hannah und ihr Leben verändert und verwüstet haben. Jo aber war gänzlich unverändert. Das war der vorläufige Befund.“ Als sich zeigt, dass Jo gegenüber der jungen Mitbewohnerin Eve keine Anzeichen von erotischer Anziehung verrät, geraten Hannahs private „juristische Erwägungen“ hinsichtlich der Treue und Charakterfestigkeit ihres Gatten so sehr ins Stocken, dass sie krank wird. In ihrem Fiebertraum spielt die Farbe Weiß auch eine Rolle („Das Glas war nicht zerborsten, sondern hatte sich in ein weißes Tuch verwandelt“). Hannah gesundet, und es ist nicht ausgeschlossen, dass auch diese Ehe trotz all der hochkulturellen Sterilität, welche das kinderlose Ehepaar umgeben hat, zu neuer Vitalität aufbricht, so wie der Riss auf dem Bild „Concetto spaziale bianco“ von Lucio Fontana neue Zugänge verdeutlicht. Was das Wesen der Liebe ausmacht, das wusste Hannah bereits („Sie wusste inzwischen, dass es in der Liebe um eine bewusste Entscheidung ging, um einen Willensakt und die Disziplin und Konsequenz, diese Entscheidung in das Auf und Ab des Alltags zu überführen“) – durch die unerhörte Begebenheit ist sie eingeladen worden, ihre Rolle als Richterin nicht zu überschätzen, wie so viele, die „sich gottgleich zu Stiftern einer höheren Gerechtigkeit aufschwingen wollten“.

    Eine unaufgeregte Schau des postmodernen Menschen

    Indem Markus Günther, der sich im deutschsprachigen Raum vor allem als Verfasser geistreicher Essays in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ einen Namen gemacht hat, auf ernste – an Max Frisch und Peter Handke erinnernde – literarische Weise ein Ehepaar präsentiert, in dem „die Versuchung zum Hochmut auf besondere Weise angelegt“ ist, weil beide die wesentlichen Funktionen Gottes repräsentieren („Schöpfer der Welt, Richter der Welt“), gelingt ihm eine unaufgeregte Seelenschau des postmodernen Menschen. Sein Prosa-Debüt „Weiß“ ist somit mehr als ein familiäres Kammerspiel, man kann es auch als Gleichnis unserer Zeit lesen, in der man vor den „allzu große(n) Begriffe(n)“ wie „Sühne, Wahrheit, Gerechtigkeit, Schuld, Gewissen und Vergebung“ zwar gewöhnlich zurückscheut, wenn jedoch ein kleiner, existenzieller Riss ins Leben tritt, zeigt sich, wie wichtig die Dimension ist, für welche sie stehen.

    Es sind die Genauigkeit der Sprache und der Beobachtung, die Langsamkeit des inneren Blicks, mit denen Markus Günther den Leser an das Geheimnis der Farbe Weiß heranführt, das mit dem Geheimnis des Lebens und der Heiligkeit seltsam verwandt zu sein scheint.

    Markus Günther: Weiß. Roman. Dörlemann, 2017, 190 Seiten, ISBN 978–3–03820–043–7, EUR 20,-