• aktualisiert:

    Schnee auf der Schreibmaschine

    „Moving Neon Cube“ („Neon Würfel in Bewegung“) – diese Installation des dänischen Künstlers Jeppe Hein ist eines der wichtigsten Exponate der am Wochenende in Dortmund eröffneten Ausstellung „Bild für Bild“. Die Ausstellung ist eine Kooperation des Museums Ostwall mit dem Pariser Centre Pompidou.

    Hier sucht die Hand nach Führung – das filmische Element bleibt erhalten und wird doch scherenschnittartig. Richard Serr... Foto: Sammlung Centre Pompidou

    „Moving Neon Cube“ („Neon Würfel in Bewegung“) – diese Installation des dänischen Künstlers Jeppe Hein ist eines der wichtigsten Exponate der am Wochenende in Dortmund eröffneten Ausstellung „Bild für Bild“. Die Ausstellung ist eine Kooperation des Museums Ostwall mit dem Pariser Centre Pompidou.

    Jeppe Heins eigenwillige Lichtinstallation, bestehend aus 12 zu einem Kubus zusammengefügten Neonröhren, in denen das Licht kontinuierlich kreist, illustriert das große Thema dieses außergewöhnlichen Projekts: das Verhältnis zwischen den Kunstformen der Moderne und dem Film. Techniken des Films – in diesem Falle das Spiel mit besonderen Wirkungen von Licht – hatten und haben Einfluss auf verschiedene Ausdrucksformen in der modernen Kunst. In Jeppe Heins „Neon-Würfel“ schafft der fortwährend kreisende Lichtstrahl eine optische Täuschung. Es scheint, als kreise der Kubus ständig um sich selbst, stattdessen aber bewegt sich das Licht permanent innerhalb des Würfels.

    Die Sonderausstellung „Bild für Bild. Film und zeitgenössische Kunst“ in Zusammenarbeit mit dem namhaften Pariser Centre Pompidou ist einer der Höhepunkte zum Ausklang des Kulturhauptstadtjahres Ruhr.2010. Gleichzeitig bildet sie den Auftakt zu einer Reihe von Ausstellungen in internationaler Kooperation, mit denen das Museum Ostwall an seinem neuen Standort im „U-Turm“, dem denkmalgeschützten, ehemaligen Kellereihochhaus der Union Brauerei, seine überregionale Bedeutung stärken will.

    Zwiesprache zwischen den Formen moderner Kunst

    „Bild für Bild“ präsentiert wichtige Werke – Filme, Fotografien, Videoinstallationen, aber auch Gemälde und Skulpturen – aus dem Musée national d'art moderne (Museum für moderne Kunst) im 1977 im 4. Pariser Arrondissement eröffneten Kunst- und Kulturzentrum Centre Pompidou. Das Museum für moderne Kunst besitzt eine der hervorragendsten Kunst- und Filmsammlungen, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis ins 21. Jahrhundert reichend. Aus dieser Sammlung stammen die wichtigsten jetzt in Dortmund präsentierten Exponate, ergänzt durch Leihgaben von Künstlern und anderen Institutionen.

    „Bild für Bild“ ist die Aktualisierung und Fortschreibung eines im Centre Pompidou erstmals im Jahr 2005 entwickelten Ausstellungskonzepts, um das „bewegte Bild“ wirksam „in Szene zu setzen“: Es werden Bezüge zwischen dem Film als Medium und anderen Formen bildender Kunst hergestellt, ohne scharfe Grenzziehungen, auch ohne Hierarchisierungen der unterschiedlichen Kunstformen. Von daher sei es keine Ausstellung, die ausschließlich dem Film gewidmet sei, betonte Philippe-Alain Michaud, Kurator der Filmsammlung des Centre Pompidou, anlässlich der Eröffnung in Dortmund. „Vielmehr geht es um eine Zwiesprache zwischen den verschiedenen Formen moderner Kunst. Zu ihnen zählen der Film, also das bewegte Bild, aber auch andere, gleichsam ,statische‘ Kunstformen: Malerei, Skulpturen und nicht zu vergessen die Fotografie.“ Bewusst wurde ein Ausstellungskonzept entwickelt, welches die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Kunstgattungen nicht chronologisch, sondern thematisch zusammenfasst. Die Ausstellung gliedert sich in 15 „Kapitel“, von denen jedes unter einer eigenen Überschrift steht: Licht; Projektion; Rhythmus; Rahmen; Kamerafahrt; Szenenaufbau; Schnitt.

    Beim Gang durch die verschiedenen Ausstellungsräume zeigt sich, wie sich Künstler unterschiedlicher Richtungen des Kinofilms „bemächtigten“, ihn analysierten, gleichsam „zerlegten“ und daraus eine neue Synthese – mit einer neuen, vom Original abweichenden Botschaft schufen. So etwa der New Yorker Künstler und Kunstpädagoge Raphael Montaòez Ortiz (Jahrgang 1934). In den späten 1950ern gehörte er zu den führenden Vertretern des genannten „Dekonstruktivismus“.

    In seiner Filmmontage „Cowboys und Indianer“ aus dem Jahr 1958 benutzte Montaòez, Gründer auch des New Yorker „Museo de Barrio“, des ersten Museums speziell für lateinamerikanische Kunst, einen klassischen Westernfilm, um das Verhältnis zwischen Indianern und Weißen, das Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Kulturen kritisch zu beleuchten: Indem er die ursprüngliche Dramaturgie des Films dekonstruiert und eine neue Dramaturgie entwirft, akzentuiert der Künstler die klischeehafte Darstellung im Western, die scharfe Trennung zwischen den Weißen als „guten Helden“ und den Indianern, die als bedrohliche Dämonen erscheinen. Deutlich wird, dass hier zwei Seiten aufeinander treffen, die einander fremd sind, in Lebensweise, religiösen Riten. Montaòez benutzte somit für seine Montage Zitate aus einem klassischen Spielfilm, Zitate in Bildern, um das Thema „Anders sein“, „Fremd sein“ in neuer Weise zu transportieren.

    Ästhetik der Dinge, die von ihren Zwecken gelöst sind

    Die Ausstellung im Dortmunder „U-Turm“, die mit ihren Exponaten ein umfangreiches inhaltliches und zeitliches Spektrum umfasst, zeigt auch, wie sich Künstler der Moderne des Mediums Film bedienen, um Objekte, gerade auch des Alltags, in einer neuen, überraschend wirkenden Ästhetik zu zeigen. Eines der zentralen Exponate ist die vom kanadischen Künstler Rodney Graham im Jahr 2003 geschaffene Filminstallation „Rheinmetall/ Victoria 8“. Dafür benutzte der Künstler eine Schreibmaschine der deutschen Marke „Rheinmetall“ aus den 1930er Jahren, die er in einem Second Hand-Laden aufgetrieben hatte. Diese Schreibmaschine, bekannt aus Dokumentationen über das Dritte Reich, filmte Graham zunächst im Stil der Neuen Sachlichkeit. Im weiteren Verlauf des gut zehn Minuten dauernden 35 mm-Films ließ der Künstler langsam Mehl auf die Maschine herunterstäuben – es scheint, als würde sie nach und nach von Pulverschnee eingedeckt. Die Schreibmaschine, ihrer ursprünglichen Funktion beraubt und mehr und mehr von der weißen „Schneewolke“ umhüllt, erhält plötzlich eine eigentümliche Schönheit. Es zeigt sich, wie Objekte eine ganz eigene Ästhetik entfalten können, wenn sie von ihrem ursprünglichen Zweck entkoppelt werden. Zugleich enthält die Filminstallation auch eine politische Botschaft, ist eine Anspielung auf eine Tendenz zum „Zudecken“ einer belastenden Vergangenheit, über die der Mensch langsam den Staub der Zeit rieseln lässt.

    Immer wieder haben sich Künstler der Moderne durch filmische Vorlagen inspirieren lassen, so etwa der US-Amerikaner Robert Longo in seiner Serie von Zeichnungen unter dem Titel „Men in the Cities“ (1979). Als Vorlage diente dem Künstler eine Sequenz des Fassbinder-Films „Der Amerikanische Soldat“ (1970), in der die Erschießung eines Gangsters gezeigt wird. Für seine stakkatoartig hintereinander geschalteten Figurenzeichnungen fotografierte der Künstler zunächst seine Modelle im Moment des Falls und arbeitete dann die Figuren auf Papier heraus, bediente sich dabei der Techniken des Schnitts und der Montage. Das filmische Element bleibt erhalten – zugleich bekommen die Figuren etwas Scherenschnittartiges, eine neue, ganz eigene Bildsprache.

    Film und bildende Kunst – ein Verhältnis mit vielen Facetten. Über die Jahrzehnte hatte das Medium Film starken Einfluss auf die bildende Kunst; umgekehrt hat sich der Film auch verschiedener Elemente vor allem aus der Malerei bedient, um besondere Wirkungen zu erzielen. „Bild für Bild“ ist die erste Kooperation zwischen dem Dortmunder Museum Ostwall und dem Pariser Centre Pompidou, wird aber nicht die letzte sein. Für 2013 ist die nächste Zusammenarbeit geplant.

    Mit „Bild für Bild“ wird ein wichtiges Zeichen gesetzt in Richtung eines weitergehenden Diskurses über die komplexe Wechselbeziehung zwischen bildender Kunst und dem Medium Film. „Der Film“, so Kurator Pillippe-Alain Michaud, „kann nicht mehr nur als eine Domäne der Kinematographie betrachtet werden. Vielmehr tritt er als eine wesentliche Tendenz der Geschichte der modernen Kunst in Erscheinung. Und er muss stets neu als Bündel sich wandelnder Möglichkeiten – Bildlauf, Projektion, Montage - definiert werden, die in immer neuen Konfigurationen in den sogenannten statischen Künsten wie Malerei und Fotografie zu Tage treten.“

    Bild für Bild – Film und zeitgenössische Kunst. Aus der Sammlung des Centre Pompidou. Geöffnet bis 25. April 2011, weitere Informationen unter: www.museumostwall.dortmund.de