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    Schleiermacher reloaded

    Vergessen war der evangelische Theologe und Religionsphilosoph Daniel Friedrich Schleiermacher (1768–1834), der im 19. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der wichtigsten Impulsgeber (evangelischer) Kulturtheorie gewesen war. Man denke nur an die Hermeneutik im Anschluss an Wilhelm Dilthey, Hans-Georg Gadamer oder Martin Heidegger. Jetzt wird Schleiermacher neu entdeckt. Zumindest erlebt er eine Zitat-Renaissance in Feuilletons und Philosophie. Zitiert wird in erster Linie sein Satz aus seinen Reden über die Religion, wonach Religion weder Metaphysik noch Moral ist, weder Praxis, noch Wissenschaft, sondern: „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“

    Vergessen war der evangelische Theologe und Religionsphilosoph Daniel Friedrich Schleiermacher (1768–1834), der im 19. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der wichtigsten Impulsgeber (evangelischer) Kulturtheorie gewesen war. Man denke nur an die Hermeneutik im Anschluss an Wilhelm Dilthey, Hans-Georg Gadamer oder Martin Heidegger. Jetzt wird Schleiermacher neu entdeckt. Zumindest erlebt er eine Zitat-Renaissance in Feuilletons und Philosophie. Zitiert wird in erster Linie sein Satz aus seinen Reden über die Religion, wonach Religion weder Metaphysik noch Moral ist, weder Praxis, noch Wissenschaft, sondern: „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“

    Solche Sätze bieten sich geradezu für eine Aktualisierung an. Wenn sich die katholische und die evangelische Kirchen damit beruhigen und es als Erfolg ihrer Kirchenpolitik feiern, wenn im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und FDP steht: „Den Christlichen Kirchen kommt eine unverzichtbare Rolle bei der Vermittlung der unserem Gemeinwesen zugrunde liegenden Werte zu“ – dann lässt sich dies mit Schleiermacher in Frage stellen. Denn Kirche ist mehr als eine Werteagentur, sie ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche, das große Ganze, das „Universum“, wie Schleiermacher auch sagt, für die Frage nach dem Sinn der Welt und des Lebens überhaupt, die sie anders als Ethik und (Natur-)Wissenschaften fasst. Wenn sie es also aufgibt, diesen Anspruch öffentlich zu vertreten, wenn sie sich in der Öffentlichkeit freiwillig auf die Funktion der Wertevermittlung einschränken und festlegen lässt, dann wird sie – so wie es jetzt in der Missbrauchs-Debatte geschieht – von der säkularen Welt allein an dieser Festlegung gemessen, weil dann allein noch die Moral die gemeinsame Sprache von Religion und säkularer Welt ist. Dass gerade mit Blick auf den Missbrauch und seine gesellschaftliche Aufarbeitung in einem weiteren Horizont geredet werden könnte, wenn auch religiöse Kategorien Eingang in die öffentliche Rede fänden, wird erst gar nicht in Erwägung gezogen, sondern sofort verdächtigt.

    Oder wenn die Theologin und die vormalige evangelische Bischöfin Margot Käßmann nach ihrer Wahl zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) im vergangenen Herbst dafür gefeiert wurde, dass sie „glaubwürdig“ und „authentisch“ sei, dann ist es nur logisch, dass sie nach der Trunkenheitsfahrt zurückgetreten ist – was, um es wiederum mit dem evangelischen Denker Schleiermacher zu fassen, damit zusammenhängt, dass die Kategorien Glaubwürdigkeit und Authentizität Termini der moralischen Rede sind, mit der die Leiterin einer religiösen Gemeinschaft ihr religiöses Geschäft betrieben hat. Hier bleibt wiederum Religion im Sinne Schleiermachers auf Moral, und hier sogar auf eine Person, reduziert. Und daran ist Frau Käßmann – und damit an ihrem eigenen Entwurf einer moralischen Religion – gescheitert.

    Wenn heute Schleiermacher eine solche Renaissance mit diesem einen Zitat feiert, dann zeigt das eine Krise der Religion, in diesem Falle der christlichen, an, die allmählich allgemein empfunden wird: Dass es mit der Moral allein in der Religion nicht getan ist. Die Sache hat allerdings einen Haken: Schleiermacher ist ein Verehrer Spinozas, der Pantheist ist. Die Heilsdimension des Gottessohnes Jesus Christus als Angebot an den Menschen, eine Beziehung zu Gott als Person, etwa im Gebet oder den Sakramenten zu unterhalten, bleibt ausgeblendet. Jedoch gerade das zu vermitteln, ist die Aufgabe der christlichen Kirchen – der katholischen in Besinnung auf die Missbrauchs-Debatte, der evangelischen mit Blick auf den kommenden ökumenischen Kirchentag, der, das zeigt der Fall Käßmann, mehr als Moral und Politik sein soll. Der verschüttete Sinn dieses „Mehr“ muss wieder freigelegt werden.

    Von Johannes Seibel