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    Schaufenster der Filmindustrie

    Ob der kulturelle und wirtschaftliche Druck der Globalisierung dazu beitragen kann, dass die Menschen unterschiedlicher Religionen, Kulturen, Nationen eines Tages friedlich und ohne Neid und Missgunst miteinander auskommen werden? Mehrere Filme in den Nebenprogrammen auf der Berlinale geben darauf zumindest zarte Hinweise, aber Grund zum Optimismus bieten sie kaum: Der Weg in eine friedliche Welt ist noch weit. Viele Filmemacher aus aller Welt – auch das ist eine aufschlussreiche Erkenntnis, die sich aus dem Sonderprogramm der 59. Internationalen Berliner Filmfestspiele ziehen lässt – haben sich von der scheinbar unerschütterlichen Prosperität der Börsen- und Wirtschaftsdaten nicht täuschen lassen und die Brüchigkeit, vor allem aber die Kehrseite des Luftschlösserbauens wohl erkannt, allen voran die beiden Briten Mike Bonanno und Andy Bichlbaum – eine antikapitalistische Spaßguerilla, die sich „The Yes Men“ nennen.

    Ob der kulturelle und wirtschaftliche Druck der Globalisierung dazu beitragen kann, dass die Menschen unterschiedlicher Religionen, Kulturen, Nationen eines Tages friedlich und ohne Neid und Missgunst miteinander auskommen werden? Mehrere Filme in den Nebenprogrammen auf der Berlinale geben darauf zumindest zarte Hinweise, aber Grund zum Optimismus bieten sie kaum: Der Weg in eine friedliche Welt ist noch weit. Viele Filmemacher aus aller Welt – auch das ist eine aufschlussreiche Erkenntnis, die sich aus dem Sonderprogramm der 59. Internationalen Berliner Filmfestspiele ziehen lässt – haben sich von der scheinbar unerschütterlichen Prosperität der Börsen- und Wirtschaftsdaten nicht täuschen lassen und die Brüchigkeit, vor allem aber die Kehrseite des Luftschlösserbauens wohl erkannt, allen voran die beiden Briten Mike Bonanno und Andy Bichlbaum – eine antikapitalistische Spaßguerilla, die sich „The Yes Men“ nennen.

    In der Reportage „The Yes Men Fix The World“ wollen Bonanno und Bichlbaum die Welt erklärtermaßen vor Umweltzerstörung und Verarmung retten. Mit sozialistischer Ideologie halten sich die beiden Aktionskünstler dabei erst gar nicht auf, sondern bevorzugen handfeste Aktionen gegen Konzerne und Politiker. Dafür schlüpfen sie in die Rollen smarter Manager und geben sich auf Kongressen und Messen als Vertreter jener Industriefirmen aus, denen sie gezielt eins auswischen wollen. Immerhin haben es die beiden enfants terribles einmal sogar vor die Kameras der BBC-Nachrichtensendung geschafft. Indem sie dort sehr überzeugend eine umfassende Entschädigung der Opfer des Chemieunglücks im indischen Bophal von 1983 ankündigten, erleichterten sie den entsprechenden US-Chemiekonzern innerhalb weniger Stunden um 20 Millionen Dollar durch einen Börsensturz.

    So umstritten die Aktionen der beiden Aktivisten auch sein mögen: Nicht nur ihr Mut nötigt Respekt ab, sondern auch, wie es den beiden gelingt, die mitunter menschenverachtenden Mechanismen in der Wirtschafts- und Finanzwelt offen zu legen. So bleibt einem das Lachen über die Rollenspiele mehrfach im Halse stecken, wenn zu sehen ist, wie manche Topmanager einige haarsträubende Vorträge der „Yes Men“ über Geschäftsmodelle, in denen das Primat des Profits über ethische und politische Prinzipien gestellt wird, buchstäblich für bare Münze nehmen. Wer das gesehen hat, wundert sich nicht mehr über die Exzesse, die zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise geführt haben.

    Die Berlinale selbst zeigt keine Krisensymptome, im Gegenteil: Mit 1 238 offiziellen Filmprojektionen präsentiert sich Deutschlands größte Kulturveranstaltung breitenwirksam – für jeden Geschmack ist es etwas dabei – und thematisch breit gefächert. Mit fast 100 kurzen und über 280 langen Spiel- und Dokumentarfilmen, die in zwölf verschiedenen Sektionen gezeigt werden, ist das Festival unübersichtlicher denn je und überfordert auch routinierte Teilnehmer.

    Muslimischer Anschlag auf eine Schule in Thailand

    Dieses Wuchern ist die Kehrseite der Erfolge von Festivalleiter Dieter Kosslick (60), dessen Vertragszeit gerade erst bis 2013 verlängert wurde, weil er in den letzten sieben Jahren erfolgreich für eine umfassende Belebung der Berlinale gesorgt hat. In diesem Jahr hat Kosslick wegen der großen Nachfrage sogar den riesigen Friedrichstadtpalast, der sonst aufwändige Revuen präsentiert, als Aufführungsort miteinbezogen.

    Zum Auftakt zeigt Kosslick eine deutsche Koproduktion, die wie kaum ein Berlinale-Eröffnungsfilm zuvor gleich mehrere Aufgaben ideal erfüllt: „The International“ des deutschen Erfolgsregisseurs Tom Tykwer („Lola rennt“, „Das Parfum“) ist erstens ein Aushängeschild für die boomende deutsche Filmindustrie und zweitens unerwartet aktuelle Unterhaltung mit Anspruch: In dem Actionthriller, der zum Teil in den Studios in Potsdam-Babelsberg gedreht wurde, decken ein Interpol-Agent und eine US-Staatsanwältin die dunklen Machenschaften einer großen Privatbank auf. Für die Babelsberger Studiochefs, die den Potsdamer Standort nach schwierigen Zeiten 2004 von einem französischen Mischkonzern gekauft und seither erfolgreich zu einem international konkurrenzfähigen Produktionsbetrieb ausgebaut haben, ist „The International“ eine von mehreren Referenzen für die ausländischen Produzenten auf der Berlinale. Immer mehr profitieren Festival und deutsche Filmwirtschaft voneinander.

    Dennoch ein kurzer Blick auf die ausländischen Filme in den Nebenprogrammen „Panorama“ und „Forum“, die man danach vielleicht nie wieder sieht: Der thailändische Dokumentarfilm „Citizen Julian“ hat schon deswegen schlechte Chancen, weil er – wie gleich mehrere Filme des diesjährigen „Forums“ – vier Stunden dauert. Wer sich darauf einlässt, lernt viel über das südostasiatische Land, dass offenkundig nicht erst seit den Großdemonstrationen der privilegierten Bevölkerungsschichten gegen die Regierung in diesem Winter am Rande eines Bürgerkrieges taumelt. Denn zu dem erbitterten Streit zwischen dörflicher und städtischer Bevölkerung gesellt sich auch der zwischen der buddhistischen Mehrheit und der muslimischen Minderheit, die sich seit den diversen Terroranschlägen von Fanatikern rund um den Globus immer stärkerem Misstrauen und Aggression ausgesetzt sieht.

    In „Citizen Julian“ wird der hierzulande unbeachtet gebliebene Fall eines Anschlags auf eine Schule gezeigt, den gewaltbereite muslemische Gruppen im Frühjahr 2006 im Süden Thailands begingen und bei dem auch eine landesweit bekannte Künstlerin, die dort als Lehrerin arbeitete, ins Koma geprügelt wurde – ein Trauma, den das Land bis heute nicht überwunden hat. Der Film ist eine umfassende Spurensuche nach den Ursachen der Gewalt und zeigt in eindringlichen Episoden, wie eine kleine Gruppe religiös motivierter Fanatiker die gesellschaftspolitische Agenda einer ganzen Nation bestimmen kann. Als Angehörige eines Landes, das vom Terror der RAF erschüttert wurde, gibt es für uns keinen Grund, darüber mit Hochmut zu urteilen. Wie lang und gravierend die Auswirkungen eines Bürgerkrieges sind, zeigt der von der Berlinerin Irit Neidhardt koproduzierte Dokumentarfilm „The One Man Village“. Frau Neidhardt hat sich in den letzten Jahren mit arabischen und israelischen Partnern erfolgreich auf die Realisierung von Filmen des Nahöstlichen Raums spezialisiert. In „One Man Village“ porträtiert der libanesische Regisseur Simon El Habre seinen Onkel, der als einziger noch dauerhaft im romantisch gelegenen Bergdorf Ain-el-Halazoun lebt. Alle anderen, es sind meist christlichen Einwohner, sind während des libanesischen Bürgerkrieges in den 1970er Jahren geflüchtet, das Dorf wurde fast völlig zerstört. Nur in den Sommermonaten kommen noch einige ehemalige Bewohner zur Olivenbaumernte zurück. Zu den stärksten Momenten des durch seine subtile Erzählweise überzeugenden Films gehört die Szene, in der ein ehemaliger Bewohner, der als ein Milizionär gegen die Drusenarmee kämpfte, stumm vor seinem ehemaligen Schießstand steht und sich bekreuzigt, als er an einer einzelnen Säule vorbeigeht, die darauf schließen lässt, dass hier einmal die Dorfkirche stand. El Habres Film gehört zu jenen, die hoffentlich den Sprung vom Festival in die Kinos schaffen.

    Von Max-Peter Heyne