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    Religiöse Spuren in der modernen Kultur

    Im kommenden Jahr jährt sich der Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils zum 50. Mal – Anlass für die deutschen Bischöfe zu einer theologischen Bestandsaufnahme bei ihrer diesjährigen Frühjahrsvollversammlung in Paderborn. Eines der zentralen Themen des Konzils war die Neubestimmung des Verhältnisses der Kirche zu den verschiedenen Bereichen der Kultur. Wichtiger Zeitzeuge des Zweiten Vatikanums ist der Mainzer Bischof, Karl Kardinal Lehmann. Im Gespräch mit dieser Zeitung erläuterte er die Veränderungen in den Beziehungen zwischen Kirche und Kultur in den nahezu fünfzig Jahren seit dem Konzil.

    Karl Kardinal Lehmann sieht manch Religiöses im säkularen Gewand. Foto: dpa

    Im kommenden Jahr jährt sich der Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils zum 50. Mal – Anlass für die deutschen Bischöfe zu einer theologischen Bestandsaufnahme bei ihrer diesjährigen Frühjahrsvollversammlung in Paderborn. Eines der zentralen Themen des Konzils war die Neubestimmung des Verhältnisses der Kirche zu den verschiedenen Bereichen der Kultur. Wichtiger Zeitzeuge des Zweiten Vatikanums ist der Mainzer Bischof, Karl Kardinal Lehmann. Im Gespräch mit dieser Zeitung erläuterte er die Veränderungen in den Beziehungen zwischen Kirche und Kultur in den nahezu fünfzig Jahren seit dem Konzil.

    Eminenz, beim Konzil damals war die Rede von der „Autonomie der Weltbereiche“. Was ist unter diese „Autonomie“ genau zu verstehen?

    Zunächst einmal war es die Fortentwicklung eines in der Kirche bereits vorhandenen Ansatzes. Schon beim Ersten Vatikanischen Konzil 1869/1870 wurde eine gewisse Eigenständigkeit der unterschiedlichen Weltbereiche und damit auch der verschiedenen Bereiche von Kultur und Kunst von der Kirche anerkannt, wenn auch erst in Ansätzen. Beim Zweiten Vatikanum kam es dann zu einem Durchbruch, an dem verschiedene Faktoren beteiligt waren. Es war aber nicht nur das Konzil als solches, welches das Verhältnis von Kirche und Welt, von Kirche und Kultur der Moderne bis heute verändert hat. Alles, was unmittelbar danach, noch in der Phase der Rezeption des Konzils 1968/69, geschah, vor allem mit den weltweiten Studentenunruhen, das hatte noch einmal eine ganz neue Dimension und veränderte das allgemeine Kulturverständnis grundlegend.

    Wo sind diese Veränderungen deutlich?

    Das Konzil konnte in den Jahren 1962 bis 1965 noch von einer weitgehenden Anerkennung der Gottesfrage in der Gesellschaft ausgehen. Zwar gab es auch damals bereits Einschnitte. Die katholische Presse erfuhr erste Einbrüche, es gab weniger Berufungen zum Priestertum und zum Ordensstand. Die katholischen Verbände hatten Probleme, Mitglieder zu finden. Aber was 1968 kam, mit dieser grundlegenden Erschütterung aller Traditionen bis in die Fragen von Familie und Gesellschaft hinein, also mit nachhaltigen Auswirkungen im säkularen Bereich, das war ein ganz eigener Schock. Und dafür konnte das Konzil noch nicht gerüstet sein, auch wenn sich zunehmende Pluralisierung und Säkularisierung, wachsende Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit in der modernen Kultur schon vorher abzuzeichnen begannen.

    Das Verhältnis von Kirche und Kultur hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Wie hat sich das Verhältnis seit der frühen Neuzeit gewandelt?

    Sicher ist die frühe Neuzeit mit der Reformation auf der einen Seite und der Renaissance auf der anderen Seite, in der sich schon eine gewisse Eigenständigkeit weltlicher Kulturbereiche herausbildete, eine wichtige Zäsur – auch deshalb, weil in dieser Zeit mit der Entdeckung Amerikas eine ungeheure Erweiterung der Weltsicht und eine Erweiterung des kulturellen Horizontes durch die Begegnung mit anderen Kulturen stattfand. In der Zeit der Aufklärung verstärkten sich noch einmal die geistigen Umbrüche. Es gab und gibt also zu jeder Zeit Veränderungen, Neuerungen. In der kirchlichen Architektur lässt sich dies deutlich beobachten. Überdies stelle ich fest, dass wir manche Entwicklungen der Vergangenheit aus heutiger Sicht anders bewerten. Dazu rechne ich die 1868 in der Erzabtei Beuron – in Fortsetzung zu der im frühen 19. Jahrhundert entstandenen Nazarenischen Kunst – gegründete Beuroner Kunstschule. Lange Zeit wurden die Schöpfungen der Beuroner Schule als Kitsch angesehen. Heute entdecken wir viele dieser Werke neu. Also, ich denke, da gibt es wieder, nicht mehr so in der Breite, auch nicht mehr so intensiv, aber doch kontinuierlich das Gespräch zwischen Kunst und Kirche. Ich begrüße es auch, dass zurzeit die Liturgiewissenschaft in ganz neuer Weise das Gespräch über die Ästhetik der Liturgie befördert und damit den Dialog zwischen Kirche und Kultur bereichert.

    Sie sagten, dass manche Erschütterungen im Kulturverständnis zu Beginn des Konzils so nicht vorhersehbar waren. Müsste die Rede von der „Autonomie der Weltbereiche“ heute anders formuliert werden?

    Die Rede von der Autonomie der irdischen Bereiche galt ja zunächst einmal Bereichen, die ohnehin schon eine hohe Selbstständigkeit gewonnen hatten: Technik, Medizin, Wirtschaft – da hat die Kirche ja schon lange vor dem Konzil eine gewisse Autonomie anerkannt und anerkennen müssen. Die Kirche musste und muss allerdings stets daran erinnern, dass menschliches Handeln in diesen Bereichen an ein hohes Maß von Verantwortung und ethischem Bewusstsein gekoppelt bleiben muss. Es geht also immer um eine relative Autonomie. Eine vollkommene Autonomie hat auch das Konzil keineswegs gewährt, weil diese unvereinbar gewesen wäre mit dem christlichen Schöpfungsverständnis. Gerade das letzte Konzilsjahr war ein hartes Ringen um die endgültige Fassung der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes (Freude und Hoffnung) über die Kirche in der Welt von heute“. Im Dezember 1965 verabschiedet, ist „Gaudium et spes“ das letzte große Dokument des Konzils, welches die Haltung der Kirche zur modernen Welt, das kirchliche Verständnis moderner Kultur am deutlichsten zum Ausdruck bringt. Die Franzosen, die hauptsächlich daran gearbeitet haben, waren stark vom Fortschrittsglauben der 60er Jahre geprägt. Andere Theologen wie Karl Rahner, aber auch der heutige Papst Benedikt XVI. waren da zurückhaltender.

    Waren nach 1968 die Wende von 1989/1990 und die in den 1990er Jahren verstärkt einsetzende Globalisierung weitere große Erschütterungen?

    Nach 1968 waren die gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungsprozesse natürlich keineswegs abgeschlossen. Wir wissen ja aus der Religionssoziologie, dass es bis 1970/1971 und dann in den achtziger Jahren mehrere, zum Teil radikale Schübe der Säkularisierung gab. Zweifellos gehört auch die Globalisierung zu den wesentlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre, wobei ich meine, dass sie die katholische Kirche deshalb nicht so grundlegend getroffen hat, weil wir als Weltkirche von jeher eine universale Ausrichtung gehabt haben. Trotzdem: Die Globalisierung und die Bewältigung ihrer Folgen in den einzelnen Ländern sind natürlich ein Problem, das die Kirche beschäftigen muss.

    Wie sollte die Kirche handeln, um noch kulturprägend in der Gesellschaft zu bleiben?

    Es ist klar, dass es für unsere Gesellschaft nicht mehr die eine Kultur gibt, sondern verschiedene Kulturentwürfe. Und es muss immer um einen Dialog gehen mit den verschiedenen Kulturmodellen in unserer modernen Gesellschaft. Ich denke, die Kirche muss in dieser Zeit vor allem den Mut haben, sie selber zu sein in diesem ungeheuren Meer von geistigen Entwürfen, Zerrissenheiten und Spannungen. Für die Kirche muss es darum gehen, viel stärker als Subjekt aufzutreten und stärker bestimmend zu sein. Es ist ein fortwährender, sich entwickelnder Prozess des Dialogs mit den Kulturschaffenden. Und ich meine, es kommt manches in säkularem Gewand daher, wohinter sich in Wahrheit religiöse Spurensuche verbirgt. Denken Sie an die Verfilmung des Lebens Jesu durch Pier Paolo Pasolini („Das 1. Evangelium – Matthäus“) aus dem Jahr 1964. Pasolini, ein kirchenkritisch auftretender Regisseur, hat zwar mit der Kirche gerungen; in seinen Werken aber scheint religiöse Sehnsucht durch. Weitere Beispiele lassen sich finden – etwa Gerhard Richter und seine 2007 eingeweihten neuen Glasfenster im Querhaus des Kölner Doms. Auch Richter ist kein Künstler, der von sich aus sagen würde, er sei religiös. Und trotzdem war er fähig, sich in die Domkirche einzubringen. Selbstverständlich kamen zunächst Kontroversen auf über die Frage, ob seine abstrakten Schöpfungen innerhalb des Kirchenraumes nicht doch ein Fremdkörper bleiben würden. Da gibt es also vielfältige Weisen, wie Kirche auf diese Schöpfungen zeitgenössischer Kultur reagieren und religiöse Spuren der heutigen Kultur aufgreifen kann. Wie in den vielen Jahrhunderten zuvor erwachsen Einfluss und Prägung der Kirche im kulturellen Raum aus dem fortwährenden, fortzusetzenden Dialog.