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    Regisseure bringen Filmfestival zum Abbruch

    Es war kein revolutionärer Sturm auf die Bastille, aber ein Angriff auf eine Bastion des französischen Kulturlebens: „A la grande salle“ – In den großen Kinosaal! – rief der Regisseur Jean-Luc Godard am 18. Mai 1968 in Cannes, während in Paris die Barrikaden brannten. Angeführt von den Nouvelle-Vague-Stars Godard und Francois Truffaut erzwang eine Gruppe von politisch bewegten Filmemachern an diesem Tag zum ersten und bisher letzten Mal den Abbruch des Filmfestivals.

    Es war kein revolutionärer Sturm auf die Bastille, aber ein Angriff auf eine Bastion des französischen Kulturlebens: „A la grande salle“ – In den großen Kinosaal! – rief der Regisseur Jean-Luc Godard am 18. Mai 1968 in Cannes, während in Paris die Barrikaden brannten. Angeführt von den Nouvelle-Vague-Stars Godard und Francois Truffaut erzwang eine Gruppe von politisch bewegten Filmemachern an diesem Tag zum ersten und bisher letzten Mal den Abbruch des Filmfestivals.

    Acht Tage vorher waren in Paris mehrere 10 000 Menschen auf die Straßen gegangen, um gegen die Regierung von Charles de Gaulle zu protestieren. Das Festival in Cannes begann zur gleichen Zeit denkbar unrevolutionär: Mit einer restaurierten Fassung des Klassikers „Vom Winde verweht“ aus dem Jahr 1939.

    Am 13. Mai – in der Zwischenzeit war in Paris der „Generalstreik“ ausgerufen worden und die Proteste gewaltsam eskaliert – kam der junge Regisseur Truffaut, damals 36, als Agitator aus der Hauptstadt ans Mittelmeer und trug die Forderung der Studenten- und Arbeiterversammlungen aus Paris ins Festivalpalais: Abbruch, sofort.

    In bewegten Marathon-Diskussionen, die mitunter auch handgreiflich wurden, kämpften Truffaut, der in der Schweiz geborene Godard und ihre Unterstützer für den Abbruch als Zeichen der Solidarität mit den Studenten und Arbeitern. Andere wehrten sich gegen jede Art von politischer Zensur und Einmischung in die Kinokunst. Die Regisseure Louis Malle und Roman Polanski solidarisierten sich mit den Rebellen und legten ihre Aufgaben als Jury-Mitglieder nieder. Andere wie Milos Forman zogen ihre Filme aus dem Wettbewerb zurück. Doch das Festival machte unbeirrt weiter: Bis zum Sturm auf die Mittagsvorführung des Wettbewerbsbeitrags des Spaniers Carlos Saura, „Peppermint frappé“. Die Rebellen enterten den Saal und die Bühne.

    Das Licht ging aus. Dann, so schildert es der Filmhistoriker Pierre Billard, erklommen Saura und seine Darstellerin Geraldine Chaplin selbst die Bühne und klammerten sich mitten im Tumult mit anderen Protestierern am Vorhang fest, um die Vorführung zu blockieren. Der Film fiel aus. Kurz danach erklärte das Festival seinen Abbruch.

    Ein Jahr später ging es wieder los in Cannes, größer als zuvor – aber mit Änderungen im Programm: Eine Gruppe junger Filmemacher hatte als Reaktion auf die Ereignisse eine neue Regie-Nebenreihe ins Leben gerufen, die unabhängige „Quinzaine des réalisateurs“, um hier Filme „frei von Zensur und diplomatischen Erwägungen“ zeigen zu können. Die Regie-Reihe ist heute fester Bestandteil des Festivals.

    Und was ist mit den Filmen, die vor 40 Jahren dem Protest zum Opfer fielen? Sie sind in diesem Jahr in Cannes wieder zu sehen, zum Beispiel Carlos Sauras „Peppermint frappé“, „Anna Karenina“ von Alexander Sarchi oder Alain Resnais' „Ich liebe Dich, ich liebe Dich“.

    Von Karin Zintz