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    Rechtsterroristen, oder: Nachdenken über Jena

    Vielleicht gibt es Städte, die Aktivisten verschiedenster Richtungen begünstigen. Orte wie Tübingen oder Freiburg oder eben Jena: nicht zu klein, nicht zu groß, eine Landschaft, die den Willen zum Überblick herausfordert, die geistig anregend wirkende Geschichte, die Echos in die Gegenwart ausstrahlt. Ulrike Meinhof wuchs in Jena auf, Sarah Wagenknecht stammt von dort, aber auch besonders westveröffentlichungsbereite aktive DDR-Oppositionelle wie Roland Jahn, Wolfgang Templin, Jürgen Fuchs studierten dort, diese Stadt lockte Robert Havemann und Wolf Biermann.

    Wohnhaus eines Verdächtigen in Jena, der den mutmaßlichen Mördern des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) gehol... Foto: dpa

    Vielleicht gibt es Städte, die Aktivisten verschiedenster Richtungen begünstigen. Orte wie Tübingen oder Freiburg oder eben Jena: nicht zu klein, nicht zu groß, eine Landschaft, die den Willen zum Überblick herausfordert, die geistig anregend wirkende Geschichte, die Echos in die Gegenwart ausstrahlt. Ulrike Meinhof wuchs in Jena auf, Sarah Wagenknecht stammt von dort, aber auch besonders westveröffentlichungsbereite aktive DDR-Oppositionelle wie Roland Jahn, Wolfgang Templin, Jürgen Fuchs studierten dort, diese Stadt lockte Robert Havemann und Wolf Biermann.

    Die Universität spielte immer eine große und ambivalente Rolle. Im Nationalsozialismus war sie eine der Elite-Universitäten mit am Schluss vier Lehrstühlen für Rassentheorie. Die Arbeiter von Carl Zeiss aber sollen bei einer Hitler-Rede nicht geklatscht haben und der Führer liebte dann nur noch das benachbarte Weimar. Schiller, Goethe und die Romantiker lassen wir einmal alle weg: Ziemlich radikale Burschen würde ich schreiben, wenn nicht auch einige tolle Frauen – bei den Romantikerinnen – den Ton und die Gedanken mit inspiriert und geprägt hätten. Da schwirrt eine versimpelt wiedergegebene Lebensmaxime aus diesen Zeiten durch die Luft: Du musst handeln. In Klammer angemerkt: Jena regte übrigens auch einmal in den neunziger Jahren einen durchaus fähigen Stadtarchivar zu einem kriminellen Handlungsversuch an – etwas, was meines Wissens an keinem anderen Ort versucht oder zumindest bekannt geworden ist: eine MfS-Akte zu fälschen, um die Beweislast zu Jemand plausibler zu gestalten. Klammer zu.

    Ausscheren nach ganz rechts oder ganz links ist nicht identisch, führt aber zu ähnlichen Aktivitätsmustern. Die intellektuelle Umgebung akzeptiert das eine, das andere nicht. Die Ganz-Rechten mögen ja im Grunde einen starken Staat und starke Polizisten. Das spüren diese Polizisten und meinen, das sind halt Leute, die uns schon nicht gefährlich werden. Während die militante Linke polizeifeindlich auftritt, korrumpiert der Respekt der realen Rechtsradikalen die Beamten auch vom Verfassungsschutz. Auch in der DDR versuchten einige Spitzel, die Stasi abzuzocken. Aber niemals ließ die sich dafür benutzen, oppositionelle Strukturen zu finanzieren.

    1977 übte die Bereitschaftspolizei in Jena die Eroberung eines Berges über der Stadt: Dort sollten sich Studenten festgesetzt haben. Der Bürgerkrieg de facto als Normalzustand, Klassenkampf ist ein anderes Wort dafür. Und wer holt dann jemanden zurück, wenn alle Bindungen gerissen sind? Die Automatik zu töten ist nie eine. Natürlich ist jeder für sich selbst verantwortlich. Doch wer in eine Parallelwelt abglitt, kommt da kaum noch raus. Warum Nähe suchen, wenn man selbst auf Abruf lebt? Töten und rauben wird dann zu einem Identitätsersatz – ein über die Jahre hin verschleppter Amoklauf beginnt.

    Das Jenaer Trio wird zur Zwickauer Zelle. In Jena müssen sich die Anfang der Neunziger überall vorhandenen Jung-Nazis an die Ränder der Stadt zurückziehen und sich eher verstecken. Ein Fernsehteam aus München schickte einen Autoren mit Migrationshintergrund durch Jena, um zu erfahren, wie gefährlich es dort sei. Das ist auf die betriebene Weise vor allem borniert. In keiner Stadt Thüringens geht es so nazifeindlich zu wie in der Innenstadt Jenas. Vor über zehn Jahren flüchtete das Trio gewissermaßen aus der ihnen zu gegnerisch gewordenen Umgebung, im Grunde den Rat ihrer Gegner beherzigend, die „Nazis raus!“ forderten. Und draußen blieben sie bis zum Schluss. Ob ein NPD-Verbot gegen solche, von aktivistischer Selbstbestätigungs-Hinrichtungslust getriebene Verbrechens-Ketten hilft, ist mehr als fraglich. Klar, es würde den Staat entpflichten, der Partei Wahlkampfgelder zahlen zu müssen.

    Zu fragen ist eher: Wie kommen noch DDR-geprägte Menschen zu diesem in der politischen Zielsetzung fast irren Verbrechen? Rache für die Anpassung ihrer Eltern in der DDR oder ihr Scheitern nach der DDR? Ihre Botschaft: Wir sind nicht so. Natürlich geht es auch um die immense und bis heute in ihren Auswirkungen nicht begriffene Werte-Desorientierung gerade in den Neunzigern. Wir reden, wenn wir über diese kriminelle Bande und ihren nicht nur kriminellen Hintergrund reden, vor allem von der Situation um die Jahrtausendwende – der Zeit ihres Einstiegs in die Illegalität. Das könnte überall in Deutschland passieren – und umfasst eben doch viele spezielle Ost-Komponenten. Die erinnern an ein Refugium des weißen Mannes ohne Asylrecht für Fremde und mit prozentual sehr wenig fremd wirkenden Menschen: so wie die DDR damals eben.

    Zwanzig Jahre später spielen ihre Echos weiter eine Rolle. Das darf aber Verfassungs-schutz und Polizei nicht abhalten, über ihre ganz eigenen altbundesdeutsch geprägten Befangenheiten und Ermittlungspannen nachzudenken und in der Auswertung nachzuhandeln.

    Der Autor ist Schriftsteller, der an der Universität Jena studiert hat. Seit März 2011 ist er Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.