• aktualisiert:

    Protestantismus in der Modernitätsfalle

    Was die Neuerscheinungen zu Luther und seinen Schriften angeht, wird der Literaturmarkt im Lutherjahr 2017 derzeit immer unübersichtlicher. Während die einen den ehemaligen Augustiner-Eremiten wahlweise als Kirchenrebell und Sozialrevolutionär feiern, ihn als großen Weltveränderer sehen, der heute aktueller ist denn je, entdecken andere seine antisemitischen Seiten, wiederum andere seine „mystischen Wurzeln“. Auch von der literarischen Verarbeitung der Liebesgeschichte zwischen einem vom katholischen Glauben abgefallenen Mönch und einer ebenso abtrünnigen Nonne bleibt der Buchhandel nicht verschont. Der Auslegung und Deutung der Persönlichkeit des Wittenberger Augustiners und vor allem seiner Schriften, insbesondere der von ihm ins Deutsche übersetzten Bibel, scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.

    Es geht um Wahrheit, nicht um Ethik: Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz stellt sein Buch „Zurück zu Luther“ vor. Foto: Krips-Schmidt

    Was die Neuerscheinungen zu Luther und seinen Schriften angeht, wird der Literaturmarkt im Lutherjahr 2017 derzeit immer unübersichtlicher. Während die einen den ehemaligen Augustiner-Eremiten wahlweise als Kirchenrebell und Sozialrevolutionär feiern, ihn als großen Weltveränderer sehen, der heute aktueller ist denn je, entdecken andere seine antisemitischen Seiten, wiederum andere seine „mystischen Wurzeln“. Auch von der literarischen Verarbeitung der Liebesgeschichte zwischen einem vom katholischen Glauben abgefallenen Mönch und einer ebenso abtrünnigen Nonne bleibt der Buchhandel nicht verschont. Der Auslegung und Deutung der Persönlichkeit des Wittenberger Augustiners und vor allem seiner Schriften, insbesondere der von ihm ins Deutsche übersetzten Bibel, scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.

    Doch das sei falsch, meint Norbert Bolz. Bolz, der neben Philosophie, Germanistik und Anglistik auch Religionswissenschaften studierte und sich 1987 über „Philosophischen Extremismus zwischen den Weltkriegen“ habilitierte, hat mit seinem jüngsten Buch „Zurück zu Luther“ sowohl einen polemischen als auch analytisch-pädagogischen und nur 140 Seiten umfassenden Titel vorgelegt, mit dem er versucht, komplexe Glaubensinhalte, wie sie die Heilige Schrift vermittelt, auf einfache Erklärungsmuster herunterzubrechen. Knapp und klar möchte er als Hobbytheologe darin alles darlegen, was man von Luthers Lehre wissen müsse. „Zurück zu Luther“ soll aber auch eine Aufforderung sein, sich dem „sentimentalen Humanitarismus unserer Zeit“ zu widersetzen.

    Bei der Vorstellung des Buches kürzlich in der seit Wochen ausgebuchten Berliner Bibliothek des Konservatismus ist sich der überzeugte Protestant sicher: „Es gibt nicht mehrere Lesarten“ der Werke Luthers. Die Texte seien nicht mehr-, sondern eindeutig. Für Bolz, den Medien- und Kommunikationswissenschaftler, der an der TU Berlin lehrt, sind Luthers Schriften daher ein exzellentes Studienobjekt, waren diese doch die ersten „Bestseller“ der Medienrevolution nach der Einführung des Buchdrucks.

    In den frühen siebziger Jahren – als Bolz selbst studierte –, „war man an den Unis einfach links, sofern man Geisteswissenschaftler war“. Der damalige Atheist trat daher erst einmal aus der Kirche aus. Später kam er wieder zurück. Sein Motiv: Protest. Denn das, was er von den evangelischen Kirchenführern hörte, sei „unerträglich“ gewesen. Nachdem er sich Aland-Übersetzungen der Werke Luthers besorgt hatte, passte für ihn, der sich selbst immer als „religiös unmusikalischen“ Menschen bezeichnet hatte, „alles von Anfang an zusammen“ und ergab ein „klares Bild“. Das war dann auch der Anlass für ihn, „Zurück zu Luther“ zu schreiben.

    Eines der Kapitel, aus dem Bolz in Berlin einige Seiten vortrug, trägt den Titel „Luther und die Neuzeit“. Es richtet sich vor allem gegen das „Gutmenschentum“, dessen schärfster Kritiker, laut Bolz, der Reformator aus Wittenberg selbst war. Und so beklagt der Autor die heutige Praxis der evangelischen Kirche, „das Ärgernis und den Skandal des Wortes vom Kreuz“ nur noch selten zu Gehör zu bringen. Stattdessen sei viel zu oft von den unzähligen „kleinen Kreuzen dieser Welt“ die Rede: von Flüchtlingselend, Arbeitslosigkeit, Klimakatastrophe. Dieses „Reden wir miteinander“ habe schon Kierkegaard als „Geschwätz“ bezeichnet. Der Pfarrer trete „immer häufiger als ,Gutmensch‘ auf – und das heißt in der Sprache des Neuen Testaments als Pharisäer“. Seine Predigt missbrauche er dabei für einen „sentimentalen Moralismus“.

    Wie schon Franz Overbeck, der 1905 gestorbene evangelische Theologieprofessor und Briefpartner Nietzsches, erkannt haben soll, „entvölkert unsere Kirchen nichts so sehr, als dass man es in ihrem Gottesdienst so viel mit den persönlichen Ansichten ihrer Prediger zu tun hat“. Dies sei denn auch die Hauptquelle der „spezifisch protestantischen Heuchelei“. Die evangelische Kirche habe „Angst vor den eigenen Dogmen und möchte um keinen Preis orthodox sein. Aber nicht orthodox sein zu wollen, ist für einen Glauben paradox. Denn Orthodoxie heißt nichts anderes als der richtige Glaube.“ Thomas Mann habe das den „Verrat am Kreuz“ genannt. Dieses sentimentale „Wohlfühlchristentum“ wolle nichts mehr vom Jüngsten Gericht hören, Jesus sei ein Sozialarbeiter, „gewissermaßen ein Integrationsbeauftragter höherer Ordnung“ geworden. Neben den Wohlfühlchristen gebe es zudem die „intellektuellen Esoteriker eines Christentums ohne Happy End, also ohne Auferstehung“. Für sie ende das Evangelium am Karfreitag mit der Versiegelung des Grabes und damit mit dem Tod Christi. Neben diesem „halbierten Christentum“ gebe es dann noch die Zivilreligion, gegen das sich Bolz ebenfalls wendet. Mit Zivilreligion meint er die „Schwundstufe eines Christentums, das nicht mehr in seinem Wahrheitsanspruch, sondern nur noch wegen seiner ethisch und politisch stabilisierenden Funktion ernstgenommen“ werde. Als Zivilreligion habe der Protestantismus „die großen Themen wie Kreuz, Erlösung und Gnade aufgegeben und durch einen diffusen Modernismus ersetzt“. Damit sei er in die „Modernitätsfalle“ geraten. Wie Bolz in der sich anschließenden lebendigen Diskussion erklärte, gelten die gleichen Mechanismen zumindest teilweise auch für die katholische Kirche – obwohl er viel Lob für Papst Benedikt XVI. äußerte und diesen im Laufe des Abends auch öfter zitierte.