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    Priesteramtskandidaten aus Osteuropa auf Tour in Brüssel

    Der französische Politiker Jacques Delors, einer der wesentlichen Architekten der Europäischen Union und Präsident der Europäischen Kommission von 1985 bis 1994, prägte den Satz: „Wenn es uns in nicht gelingt, Europa eine Seele zu geben, ist Europa verloren!“ Er sagte dies zu Beginn der neunziger Jahre, als die europäische Gemeinschaft im Begriff war, durch den Vertrag von Maastricht von einem reinen Wirtschaftsverbund zu einer politischen Gemeinschaft zu werden. Delors ging es damals darum, eine gesellschaftlich-politische Perspektive für eine europäische Zukunft zu entwickeln. Dazu wollte er an die geistigen Wurzeln Europas erinnern, ohne die Europa ein seelenloses Konstrukt bleiben würde.

    Der französische Politiker Jacques Delors, einer der wesentlichen Architekten der Europäischen Union und Präsident der Europäischen Kommission von 1985 bis 1994, prägte den Satz: „Wenn es uns in nicht gelingt, Europa eine Seele zu geben, ist Europa verloren!“ Er sagte dies zu Beginn der neunziger Jahre, als die europäische Gemeinschaft im Begriff war, durch den Vertrag von Maastricht von einem reinen Wirtschaftsverbund zu einer politischen Gemeinschaft zu werden. Delors ging es damals darum, eine gesellschaftlich-politische Perspektive für eine europäische Zukunft zu entwickeln. Dazu wollte er an die geistigen Wurzeln Europas erinnern, ohne die Europa ein seelenloses Konstrukt bleiben würde.

    Das Stichwort vom „Kulturkampf“ fällt bei Brüsseler Gesprächen

    „Europa eine Seele geben“ – auf den Spuren der geistigen Wurzeln Europas reisten zwanzig Priesteramts-Seminaristen aus Osteuropa, Teilnehmer der Sozialakademie des katholischen Sozialinstituts Kommende in Dortmund, für drei Tage nach Brüssel. Bei Besuchen im Sekretariat der COMECE (Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft), in der Europäischen Kommission und im Europäischen Parlament, im Gespräch auch mit der Konrad-Adenauer-Stiftung wurde deutlich, welche Vielfalt geistiger Kräfte heute die Gesellschaften Europas bestimmen und jeweils um Geltung ringen.

    Christen, Juden, Muslime, auch Vertreter anderer Religionsgemeinschaften, darüber hinaus die Repräsentanten humanistischer Organisationen, atheistische Gruppierungen – sie alle ringen miteinander um das, was sie als die „Seele Europas“ verstehen. Und alle erheben den Anspruch, die kulturelle Tradition Europas mitgeprägt zu haben, leiten daraus Rechte bei der Mitgestaltung eines künftigen Europa ab. Das Stichwort vom „Kulturkampf“ fiel während der Gespräche in Brüssel.

    Die Kirchen haben es nicht immer leicht, sich in diesem vielstimmigen Chor Gehör zu verschaffen. 1981 ernannte die Europäische Kommission erstmals einen Beauftragten für Kontakte mit den Kirchen – zeitgleich mit der Gründung der COMECE in Brüssel. Seitdem hat sich ein durchaus konstruktiver Dialog zwischen den europäischen Institutionen und den Kirchen entwickelt, wie der deutsche Jurist Thomas Pickartz betonte, Rechtsberater bei der COMECE. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – dies seien die drei Kernthemen kirchlicher Arbeit auch auf europäischer Ebene. „Und in diesen Bereichen müssen die Kirchen natürlich mitreden, insbesondere wenn es um die Achtung der Menschenrechte geht. Und da müssen sie Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft im Gespräch mit europäischen Entscheidungsträgern zeigen.“

    Durch den Dialog mit den verschiedenen europäischen Institutionen – der Europäischen Kommission, EU-Parlamentariern – könnten die Kirchen bei wesentlichen gesellschaftlichen und politischen Themen ihre spezifisch christliche Sicht in den europäischen Prozess einbringen. Oft werde übersehen, dass der Lissabon-Vertrag in der Präambel einen Hinweis auf das religiöse, kulturelle und humanistische Erbe Europas enthält. Das sei zwar vage formuliert. Immerhin aber werde deutlich, dass sich von diesem Erbe her die Begriffe von Menschenwürde, Grundrechten und Grundfreiheiten ableiten, die heute als verbindende Grundlage für ein gemeinsames Europa anerkannt werden.

    Der Artikel 17 des Vertrags von Lissabon, der Anfang 2010 in Kraft treten soll, unterstreiche noch einmal den besonderen Rechtsschutz, den Kirchen und Religionsgemeinschaften gemäß den Bestimmungen ihrer Mitgliedsländer genießen, und hebe zugleich ihren besonderen Charakter gegenüber anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren hervor.

    Die ausdrückliche Nennung der Kirchen im Artikel 17 wurde von einigen laizistisch geprägten EU-Vertretern im Vorfeld des Lissabon-Vertrages kritisiert, erfuhren die Seminaristen. Die Kritiker verwiesen auf Artikel 11 des Vertragswerks, der betont, es solle einen transparenten Dialog mit allen Trägern der Zivilgesellschaft geben. Diese Bestimmung wurde von manchen Vertretern in der EU als ausreichend betrachtet: Denn Kirchen seien Teil der Zivilgesellschaft. Daher sei eine nochmalige Nennung nicht erforderlich.

    Was Thomas Pickartz nicht gelten ließ: Der Artikel 17 spreche sehr bewusst von der Anerkennung einer besonderen Identität der Kirchen, aber auch anderer religiöser Gemeinschaften und weltanschaulicher Organisationen. Er enthalte also eine Anerkennung des wesentlichen Beitrags der Kirchen für ein nicht nur wirtschaftlich-politisches, sondern auch geistiges Zusammenwachsen Europas. Durch diese explizite Nennung der Kirchen bleibe der Dialog mit den Kirchen eben doch ein spezifischer Dialog.

    Im Laufe der Geschichte haben sich in den einzelnen Staaten der Europäischen Union sehr verschiedene Traditionen im Verhältnis von Staat und Kirche herausgebildet, die ihrerseits unterschiedliche kulturelle Traditionen und Mentalitäten hervorgebracht haben. Es gibt Länder wie Frankreich und Belgien mit einer laizistischen Tradition, einer klaren Trennung also zwischen Staat und Kirche, und Länder mit einer doch engen staats-kirchlichen Kooperation wie Deutschland. Andere Länder, gerade die orthodox geprägten Länder Osteuropas, die neueren Mitglieder der Europäischen Union, etwa Rumänien und Bulgarien, haben wiederum eine andere Tradition: Es gibt dort eine ausgeprägte Identifikation zwischen Nation und Kirche, von daher auch zwischen Staat und Kirche. So ist der Einfluss der Kirche auf die Politik sehr viel stärker als in Westeuropa. Diese unterschiedlichen Traditionen gilt es, in einem zusammenwachsenden Europa zu berücksichtigen. Keines dieser Modelle, keine dieser Traditionen soll ausgeklammert werden: Der Lissabon-Vertrag betont ausdrücklich, die Regelung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche bleibe Angelegenheit der Mitgliedsländer – das ist es, was die Seminaristen aus Osteuropa mit nach Hause nehmen konnten.

    Prognose: Der Einfluss der Kirche nimmt in Europa eher zu

    Insgesamt, so die Prognose etwa von Olaf Wientzek, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Brüssel, werde der Einfluss der Kirchen auf europäischer Ebene in Zukunft eher zunehmen: „Gerade im Zusammenhang der Wirtschaftskrise, die mit einer Wiederentdeckung der sozialen Marktwirtschaft einhergeht, besinnt man sich plötzlich wieder auch auf die Grundsätze der christlichen Soziallehre. Man erkennt also die wesentliche Bedeutung der christlichen Tradition für eine ethische Fundierung der sozialen Neuordnung Europas wirklich an.“ Von daher seien die Kirchen nicht nur als Teil der Zivilgesellschaft, sondern auch als wesentlicher kultureller Faktor im europäischen Prozess nicht wegzudenken.

    „Die Geschichte des europäischen Kontinents ist vom belebenden Einfluss des Evangeliums geprägt“, schrieb Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben von 2003 „Ecclesia in Europa“. „Gewiss steht außer Zweifel, dass der christliche Glaube tiefgreifend und maßgebend zu den Fundamenten europäischer Kultur gehört. Das Christentum hat in der Tat Europa dadurch eine Gestalt gegeben, dass es ihm einige grundlegende Werte einprägte.“ Zu diesen Werten gehören die Menschenwürde, Demokratie und Freiheit – Werte auf die sich die Europäische Union heute beruft und zu deren Begründung sie wesentlich aus dem christlichen Erbe schöpft. Dies bleibt ein Kontinuum auch für die Zukunft Europas.

    Von Anja Kordik