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    Politik mit kühlem Plan durchgesetzt

    Er hat immer noch eine überwiegend schlechte Presse, wird entweder als leichtfertig-oberflächlicher Diplomat oder als finsterer Reaktionär gedeutet: Clemens Wenzel Lothar von Metternich (1773–1859), ein Rheinländer, der im Dienst der Habsburger zur weltgeschichtlichen Figur wurde. Ihnen diente der gebürtige Koblenzer seit 1809 als Außenminister, seit 1821 als Haus-, Hof- und Staatskanzler. Einen quellenorientierten Zugang zum Menschen und Politiker Metternich ermöglicht die neue Biographie des emeritierten Münchener Neuhistorikers Wolfram Siemann. Sie kann als großer Wurf gelten und ersetzt das zweibändige Werk des österreichischen, deutschnational eingestellten Historikers Heinrich Ritter von Srbik von 1925, auf das Siemann immer wieder Bezug nimmt, meistens ablehnend.

    Clemens Wenzel Lothar von Metternich. Foto: IN

    Er hat immer noch eine überwiegend schlechte Presse, wird entweder als leichtfertig-oberflächlicher Diplomat oder als finsterer Reaktionär gedeutet: Clemens Wenzel Lothar von Metternich (1773–1859), ein Rheinländer, der im Dienst der Habsburger zur weltgeschichtlichen Figur wurde. Ihnen diente der gebürtige Koblenzer seit 1809 als Außenminister, seit 1821 als Haus-, Hof- und Staatskanzler. Einen quellenorientierten Zugang zum Menschen und Politiker Metternich ermöglicht die neue Biographie des emeritierten Münchener Neuhistorikers Wolfram Siemann. Sie kann als großer Wurf gelten und ersetzt das zweibändige Werk des österreichischen, deutschnational eingestellten Historikers Heinrich Ritter von Srbik von 1925, auf das Siemann immer wieder Bezug nimmt, meistens ablehnend.

    Siemann fand eine sinnvolle Einteilung für sein Riesen-Opus über den aus uradliger rheinischer Familie Stammenden; der erste Schwerpunkt liegt, wenig überraschend, im Alten Reich. Die Metternichs waren nicht irgendwer, sondern eine führende Ministerialen-Familie seit merowingischen Zeiten, die dem Reich schon einen Trierer Kurfürsten und diverse hohe Würdenträger in Verwaltung und Kirche geschenkt hatten – bis hin zum Vater des späteren Kanzlers, Franz Georg, der als Gesandter und kaiserlich-königlicher Minister der österreichischen Niederlande selber Karriere gemacht hatte und von dem der Sohn einiges lernte. Der Biograph berichtet von einem liebevollen Verhältnis in der Familie Metternich, aber auch von einer frühen aufklärerisch-freimaurerischen Beeinflussung durch den „Hofmeister“ genannten Hauslehrer. Da lässt sich schon früh eruieren, wie und aus welchen Quellen der später als Reaktionär Beschimpfte seine Weltanschauung formte. Er fragte sich im Alter selber einmal, warum er als junger Mann vom Pathos der Französischen Revolution unberührt blieb und fand: Er war „ihr steter Zeuge, dann ihr Gegner, und bin es immer geblieben, ohne dass ich jemals durch ihren Strudel mich habe fortreißen lassen. Ich kannte genug Menschen, die in der Anlage ihres Charakters nicht hinlängliche Widerstandskraft gegen den verführerischen Schein von Neuerungen und Theorien besaßen, die mein Verstand und mein Gewissen als nicht haltbar vor dem Richterstuhle der Vernunft und des guten Rechtes beständig verworfen haben.“ Damit sind zwei wichtige, nicht zu unterschätzende Leitlinien des Metternich'schen Denkens angesprochen. Es ist das Verdienst der Biographie, diese Grundtendenzen im Wirken des Staatsmannes durch alle Lebensstationen aufspüren und nachweisen zu können. Denn die Vernunft, dieser Leitstern des 18. Jahrhunderts, strahlte auch über dem Wirken des Diplomaten, der zu allen Problemen, die ihn beschäftigten, einen rationalen Zugang suchte und beibehielt. Siemann schildert die Distanz, ja Kühle, mit der Metternich immer den politischen Gegner behandelt habe: „Er entwickelte keinen Hass auf ihn ..., sondern betrachtete ihn als Studienobjekt gemäß dem Motto: ,den Feind zu studieren und mich in seinem Lager zu orientieren‘.“ Mit dieser Haltung der Kaltblütigkeit ließ sich am Ende auch Napoleon – der ähnlich war, aber in einigen entscheidenden Momenten emotional reagierte – besiegen.

    So zeitgemäß modern dieser Zug im Denken und Handeln Metternichs ist – ganz der Rationalität des ausgehenden 18. Jahrhunderts verpflichtet, das ihn formte – so traditionell ist der Bezug auf das „gute Recht“ im oben angeführten Zitat. Soll heißen: Das „gute alte Recht“, das kompliziert gewachsene Rechtssystem des Heiligen Römischen Reiches, mit dem der spätere Diplomat seit Jugendjahren intim vertraut war. Die Familie verdankte der Rechts-Kenntnis ihrer führenden Mitglieder ihr Avancement, den beispiellosen und vergleichsweise raschen Aufstieg über die Freiherrn- und Grafen-Klasse zum Fürstentitel. Mit solidem Rechts-Handwerk und geschmeidigem Auftreten hatte man sich den Kaisern unentbehrlich gemacht. Auch nachdem Clemens von Metternich erkannt hatte, dass sich das Alte Reich überlebt hatte, blieb für ihn das letztlich den Feudalismus stützende frühere Rechtssystem immer ein maßgeblicher Bezugspunkt. Bei aller Sorge um das große Habsburgische Reich vergaß Metternich sein eigenes kleines Reich nie, suchte mit Hartnäckigkeit nach Restitution des Verlorengegangenen und betrieb planvoll den sinnvollen Ausbau.

    Sein persönlicher Aufstieg begann 1793 mit der Ernennung zum kaiserlichen Gesandten für die Generalstaaten, die außenpolitische Initiierung war aber erst mit einer mehrmonatigen Großbritannien-Reise 1794 abgeschlossen, von seinem Biographen als „Schlussstein im politischen Kosmos“ seines Helden bezeichnet. Es ist eines der Verdienste von Siemanns Buch, die Bedeutung herauszuarbeiten, die der Inselstaat und sein auf Ausgleich und Konstitutionalismus basierendes politisches System auf Metternich hatte. Damals lernte er nicht nur den Prince of Wales und späteren König Georg IV. sowie Edmund Burke kennen, sondern, vom Premierminister Pitt angefangen, alle wichtigen Politiker des Landes. Das sollte sich noch als nützlich erweisen.

    Zurückgekehrt auf den Kontinent musste er – nach dem Vormarsch der französischen Heere – das Ende der österreichischen Herrschaft über die Niederlande erleben und nahm dies zum Anlass für eine Reflexion erstaunlicherweise in Form von Flugblättern, in denen er klar den sozialen Charakter der französischen Revolution herausarbeitete und als ein Heilmittel die „allgemeine Bewaffnung des Volkes“ forderte. Beides hing für ihn miteinander zusammen. Er benannte als sozioökonomische Ursache für das Geschehen in Frankreich jenes Heer der „Unbeschäftigten, Nichtbesitzenden und deshalb stets zum Aufstand Bereiten“. Außer ihm war damals in Europa nur noch Edmund Burke bereit, in der Französischen Revolution etwas anderes als eine Verschwörung des Pöbels zu sehen.

    Metternich sollte reichlich Gelegenheit haben, sich mit jenem korsischen Emporkömmling zu messen. Wolfram Siemann stellt die Frage, ob der spätere Staatskanzler Österreichs mit dem „einzigartigen Insiderwissen aus dem persönlichen Umgang mit der Empereur zwischen 1806 und 1813“ nicht den Grundstein zur Strategie, der letztlich erfolgreichen Strategie, legen konnte, die zum Sturz der napoleonischen Universalmonarchie führte. Jedenfalls gab er sich keinerlei Illusionen über die, wie er meinte, gespaltene Persönlichkeit des Kaisers hin: Privat umgänglich und sehr um die Familie bemüht, habe Napoleon – so Metternich in einer seiner vielen Analysen – als Staatsmann kein Gefühl an sich geduldet. So habe er auch nicht aus Leidenschaft gehandelt, sondern von der selbst übernommenen Mission erfüllt, Kontinental-Europa unter französischer Flagge zu vereinen. So erfolgreich er als Außenminister, dann als Staatskanzler gegen Napoleon agierte, so negativ wird in der allgemeinen Anschauung der Nachwelt sein Wirken in den nachfolgenden Jahrzehnten der auf dem Gleichgewicht der Kräfte basierenden Restaurationspolitik gewertet.

    Hier macht Siemann auf ein Missverständnis aufmerksam, das mit zum schlechten Ruf des Kanzlers beigetragen hat, die gänzlich unterschiedliche Bedeutung des Wortes „Policey-Staat“ damals und jetzt. Dem Menschen der heutigen Zeit kämen dabei Gedanken an geheime Inhaftierungen und Exekutionen, im älteren deutschen Sprachgebrauch bezeichne „Policey“ aber den Bereich der gesamten inneren Verwaltung, so dass man auch vom „Medizinal-Policey“ und „Wohlfahrts-Policey“ sprach. Sicher sei es Metternich damals – im Zuge der Karlsbader Beschlüsse – auch um das gegangen, was heute der Verfassungsschutz erledigt. Doch sei Österreich, wie ganz Europa, von einer Kette von Attentaten und Aufstandsbewegungen heimgesucht worden, auf die zu reagieren war. Siemann beschreibt das damalige Österreich als eine „Erziehungsdiktatur“ und natürlich auch als ein Staatswesen, das sich keiner unabhängigen richterlichen Kontrolle unterworfen habe. Aber wo in Europa war es anders?

    Am Ende seines Wirkens blieb Metternich dennoch nicht erspart, was er in den Jahrzehnten seines Dienstes so oft an anderen hatte beobachten müssen: Die revolutionäre Bewegung – in Österreich von Revolution zu sprechen, verbietet sich – zwang ihn, im März 1848 von allen Ämtern zurückzutreten. Bis 1851 musste er im Londoner Exil ausharren (wo er sich sehr wohl fühlte), bis man ihm erlaubte, zurückzukehren. Erst in den letzten Jahren seines Lebens fand er wieder zu einer gewissen Anerkennung, dufte dem jungen Franz Joseph noch Geschichtslektionen erteilen. In der bescheidenen Kapelle seines böhmischen Gutes Plass bei Pilsen wurde Fürst Metternich zur letzten Ruhe gebettet.

    Mit seiner Biographie wird Wolfram Siemann das Metternich-Bild verändern, sie wird für lange Zeit das Standard-Werk sein. Er rühmt an seinem Helden, dass er, ungeachtet aller Skepsis der menschlichen Natur, nicht in der Krise seiner Zeit versunken sei. „Sie bedeutete für ihn keinen Untergang, sondern ein schmerzliches Durchgangsstadium.“ Auf „Kraft im Recht“ habe er gesetzt und durch sein Wirken eine friedlichere Periode mit ermöglicht, das „lange 19. Jahrhundert“, das erst im Ersten Weltkrieg endete, ein Jahrhundert nach dem Wiener Kongress, der maßgeblich von Metternich gestaltet worden war.

    Wolfram Siemann: Metternich, Stratege und Visionär. Verlag C.H. Beck, München 2016, 983 Seiten mit 73 Abbildungen, ISBN 978-3-406-68386-2, EUR 34,90