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    Plädoyer für das Familiaritäts-Prinzip

    Familien sind die Knotenpunkte im weltumspannenden menschlichen Beziehungsnetz. Wer eine Familie gründet, begründet eine Gemeinschaft von Menschen, die ihm die Nächsten sind und denen er der Nächste ist. In einer Familie hat und ist jeder eine Aufgabe. Man lebt in solidarischer Verbundenheit und ergänzt sich in einer natürlichen, gleichwohl geheimnisvollen Dynamik gegenseitig. Jeder ist die Bedingung für die Entfaltung des anderen: Der Mann wird Vater, wenn die Frau Mutter wird, die Frau wird Mutter, wenn der Mann Vater wird, und in den Kindern werden sie ein Fleisch. Auch wenn das nur eine begrenzte Zeitspanne lang in räumlicher Nähe geschieht, so sind die familiären Bindungen dennoch auch darüber hinaus wirkmächtig und als natürliche Bindungen „unkündbar“.

    Von Gott geplant, von der Kirche gelehrt: Der Klassiker unter den derzeitig auf dem Markt vorhandenen Familien-Modellen ... Foto: dpa

    Familien sind die Knotenpunkte im weltumspannenden menschlichen Beziehungsnetz. Wer eine Familie gründet, begründet eine Gemeinschaft von Menschen, die ihm die Nächsten sind und denen er der Nächste ist. In einer Familie hat und ist jeder eine Aufgabe. Man lebt in solidarischer Verbundenheit und ergänzt sich in einer natürlichen, gleichwohl geheimnisvollen Dynamik gegenseitig. Jeder ist die Bedingung für die Entfaltung des anderen: Der Mann wird Vater, wenn die Frau Mutter wird, die Frau wird Mutter, wenn der Mann Vater wird, und in den Kindern werden sie ein Fleisch. Auch wenn das nur eine begrenzte Zeitspanne lang in räumlicher Nähe geschieht, so sind die familiären Bindungen dennoch auch darüber hinaus wirkmächtig und als natürliche Bindungen „unkündbar“.

    Als natürliche vorstaatliche Einrichtung eignet der Familie also eine gewisse Zeitlosigkeit, die sie von äußeren Einflüssen unabhängig macht, jedenfalls prinzipiell. Gesellschaftlichen Trends und Moden steht sie souverän, aber auch duldsam gegenüber. Denn sie weiß, dass sie einen Schatz verwaltet, den man nie zu Ende ausbeuten kann und der die unfassbare Kraft des Lebens in Gang setzt: die Liebe. Wenn es ein Merkmal gibt, auf das sich die Familie reduzieren ließe, dann sind es keine Werte wie Verlässlichkeit, Treue oder Solidarität, sondern dann ist es eben diese (göttliche) Tugend der Liebe.

    Leider begreifen viele (immer noch) nicht, welche ungeahnten Chancen genau das für das menschliche Zusammenleben bietet. Im Gegenteil: Es ist unverkennbar, dass sich unsere Gesellschaft der Familie gegenüber entfremdet hat und zusehends weiter entfremdet. Als wäre diese von Papst Johannes Paul II. in seinem Brief an die Familien (1994) als souveräne, ja sogar als erste menschliche Gesellschaft bezeichnete Lebensform eine unliebsame Konkurrenz zu einem heute weitgehend etablierten Lebensstil, in dem sich die Menschen nur noch über ihre Leistung und den damit verknüpften und verknüpfbaren Geldwert definieren. Wir setzen bedenkenlos wahre Unsummen für die bizarre, jedenfalls völlig überhebliche „Rettung des Klimas“ in den Sand und kümmern uns ebenfalls mit beträchtlichem Einsatz um die Pflege von Pflanzen- und Tier-Biotopen, aber das Biotop Familie gilt nicht mehr als unschätzbare und deshalb vorrangig schützenswerte Ressourcenquelle des Lebens, sondern als Ressourcenverschwenderin. Auch Christen scheinen noch nicht verinnerlicht zu haben, dass niemand „mehr Nächster [ist] als die eigenen Familienangehörigen, die Eltern und die Kinder“. (Johannes Paul II., Brief an die Familien)

    Man kann noch nicht einmal sagen, dass wir eine kohärente und in sich stimmige Familienpolitik hätten. Es verstärkt sich von Legislaturperiode zu Legislaturperiode statt dessen eher der Eindruck, dass diese „Familienpolitik“ ihre Existenz nur vortäuscht. So war lange Jahre das Wort „Familienlastenausgleich“ die federführende Maxime, bis ihm der „Familienleistungsausgleich“ an die Seite gestellt worden ist. Das klang gleich viel aktiver, so als würde man sich der Familien nun endlich mit Taten statt nur mit Worten annehmen. Das war zu der Zeit, als das Bundesverfassungsgericht um das Jahr 1990 herum seine Serie von bahnbrechenden Familienentscheidungen gestartet hat. Doch das war nur aktivistischer Schein, was man eben daran sieht, dass sich die Verfassungsrichter immer wieder bemüßigt fühlten, die Normen des Grundgesetzes in Erinnerung zu rufen.

    Ein anderes Beispiel ist das Elterngeld, das, man mag es auch heute noch nicht glauben, gerade dafür gelobt wurde, dass es diejenigen Eltern mit höheren gegenüber denen mit niederen Einkommen bevorzugt. Denn, wie seinerzeit in der Wirtschaftspresse zu lesen war, die bekämen sowieso Kinder. Völlig unbegreiflich ist es aber, dass man der PR des Familienministeriums so bereitwillig auf den Leim ging und es für bare Münze nahm, dass sich nun das Füllhorn über die Familien ergießen würde. Aber Pustekuchen: Der Finanzminister hat mit seiner Festlegung, dass das Elterngeld nicht mehr kosten dürfe als das von ihm ersetzte Erziehungsgeld, dafür gesorgt, dass finanziell im Familiensektor alles beim Alten blieb, bloß dass sich die Gewichte zu Ungunsten derer, die ihre Kinder wenigstens in den ersten drei Jahren, also bis zur Kindergartenreife, daheim erziehen wollen, um ihnen die nötige Portion Elternliebe mit auf ihren Lebensweg zu geben, nachhaltig verschoben haben. Heute scheint nicht einmal mehr das Bundesverfassungsgericht eine sichere Nummer zu sein, wenn es darum geht, den institutionellen Rahmen, den das Grundgesetz für die Familien bereitstellt, in Ehren zu halten.

    Wie weit wir uns schon von der Familie entfernt haben, zeigt sich auch in der Tatsache, dass eine Definition von Familie, die mit einem breiten gesellschaftlichen Konsens rechnen kann, kaum mehr möglich ist, obwohl paradoxerweise das Bedürfnis nach einer solchen Definition groß ist. Jedenfalls herrscht im Zusammenhang mit Familie eine gewisse sprachliche Unsicherheit, ja Verwirrung vor, zumal wir kaum über geeignete Wörter verfügen, mit denen man den differenzierten Lebensformen adäquat Ausdruck verleihen könnte. Wörter wie „Patchwork-Familie“, Homo-,,Ehe“ erscheinen eher wie eine Flucht aus dem Problem als dass sie eine Lösung wären. Als hätten wir sämtliche Optionen, die die Familie als Ressourcenquelle für die Gesellschaft bereitstellt, schon längst zu Ende gedacht, begeben wir uns in unwegsames Gelände, ohne auch nur im Ansatz die Chancen und Risiken dieser Entwicklung sine ira et studio, also nüchtern abzuwägen.

    Andererseits gilt natürlich auch, dass die Familie jede, auch definitorische Momentaufnahme sprengt, weil sie von Anfang an auf Leben angelegt ist. So wie sich das „Leben“ einer abstrakt-theoretischen Festlegung entzieht, so wird kein (notgedrungen statischer) Begriff dieser Welt je die Dynamik von Familie ausreichend erfassen können. Dieser begrifflichen und sprachlichen Misslichkeit zum Trotz, lässt sich immerhin mit Fug und Recht behaupten: Die Familie lebt und lebt und lebt…

    Was jedoch alle Familien(formen) eint, sind vitale Beziehungen zwischen (leiblichen und rechtlichen) Eltern und ihren Kindern und damit verbundenen Werten wie Liebe, Treue, Verlässlichkeit, Gemeinschaftssinn. Als formales Kriterium kommt der rechtliche, also der institutionelle Rahmen dazu, der Schutzraum dafür bietet, dass sich diese Werte zum Wohle der Gesellschaft entfalten können, und der sich der Vielfalt familialer Lebensformen anzupassen versucht. Familie ist das Rückgrat einer jeden Gesellschaft. In ihr kommen die Sozialprinzipien Personalität, Subsidiarität und Solidarität genauso zum Tragen wie in der „großen“ Gesellschaft. Denn sie ist, wie in der Enzyklika Rerum Novarum, mit der Papst Leo XIII. den Auftakt für die katholische Soziallehre gesetzt hat, „eine wahre Gesellschaft“, die älter ist „als jegliches andere Gemeinwesen“ und somit „unabhängig vom Staate ihre innewohnenden Rechte und Pflichten“ [besitzt]. (Rerum Novarum 9)

    Nicht weniger problematisch als ihr Verhältnis zur Familie ist das Verhältnis unserer Gesellschaft zu Werten und Normen. Deren Funktion besteht darin, den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft zu gewährleisten. Man kann sagen: Ein Wert ist die Antwort auf die Frage, was uns was bedeutet. (Im Unterschied zur Norm als Antwort auf die Frage, was gilt.) Werte lassen sich also nicht beliebig setzen. Es genügt auch nicht, sich einfach mal zu ihnen zu bekennen, etwa zu den ominösen westlichen Werten. Man muss ihren „Wert“ vernünftigerweise ermitteln, um dann eine Wert-Entscheidung treffen zu können.

    Wenn man nun Familie als Wert begreift und diesen Wert sogar in eine verbindliche Norm gießt, wie es im Artikel 6 unseres Grundgesetzes der Fall ist, dann nicht, weil sie sich aufgrund der zweigeschlechtlichen Natur des Menschen „einfach so“ bildet, sondern weil sie einer zunächst undifferenzierten Gesellschaft eine strukturelle Basis und damit Dauer verleiht, sie also „zukunftsfest“ macht. Als bloßes physisches Biotop stellt Familie solange keinen Wert dar, solange man sie nicht als Grundform menschlichen Zusammenlebens begreift und wert-schätzt.

    Auf diesem Hintergrund wirbt die katholische Kirche für eine Familie, in der sich Mann und Frau in der Ehe als ebenbürtige Partner vorbehaltlos einander anvertrauen und in der die Entscheidung über die Anzahl der Kinder auf einer Gewissensentscheidung der Eltern beruht. Dahinter steht die Überzeugung, dass diese Familie der Würde des Menschen als Ebenbild Gottes entspricht und der eheliche Bund sakramentales Zeichen der unverbrüchlichen Bundeszusage Gottes ist. Dabei ist festzustellen, dass die Ehe keine Erfindung der Kirche ist, sondern in der zweigeschlechtlichen Natur des Menschen angelegt ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht darüber verfügen. Auch als Sakrament ist die Ehe keine Erfindung der Kirche, sondern Gottes, über das sie deshalb erst recht nicht verfügen kann. Dass die Sakramentalität der Ehe nur für Menschen von Bedeutung ist, deren Glaube dies gebietet, muss nicht eigens hervorgehoben werden. Dass aber die anderen Aspekte der Ehe als natürliche für alle bedeutsam sind, hingegen schon.

    Der familienpolitischen Debatte fehlt es an Zukunftsaussichten. Sie bleibt immer in der jeweiligen Gegenwart stecken. Es ist, als wüsste die Familienpolitik selber nicht, was sie hier eigentlich soll. Wenn doch einmal die Zukunft in Blick genommen wird, dann im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung oder wenn die Kinder von ihrem familiären Kontext gelöst und als Zukunft für die Gesellschaft postuliert werden. Natürlich ist es unerlässlich, den Status Quo aufmerksam zu beobachten und zu analysieren. Es ergibt jedoch keinen Sinn, das Faktische zur Norm zu machen, indem es quasi konserviert wird. Genau das geschieht jedoch, wenn gefordert wird, die Familie hätte sich an moderne Lebenslaufkonzepte anzupassen. Dabei ist das nur möglich, wenn sich die Familie selber aufgäbe – und ganz nebenbei die Gesellschaft sich selbst und ihren oft bedrohlichen Antagonismen überließe. Es gibt außerdem nicht nur eine normative Kraft des Faktischen, sondern auch eine faktische Kraft des Normativen.

    Man kann nicht immer nur Krisen hinterher rennen und sie mittels Symptompolitik zu beherrschen versuchen, ohne den Ursachen auf den Grund zu gehen, und ohne die Frage zu stellen, ob wir überhaupt so leben wollen, wie wir leben. Inzwischen sollte jeder begriffen haben, dass man mit Renditemaximierung hier und Exportrekord da keine stabilen Werte generieren kann. Die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit könnte dabei die Richtung aufzeigen. Denn Betriebe, die sich diesem Ziel verschrieben haben, und sei es „nur“ aus wirtschaftlichen Überlegungen, geben immerhin auch zu verstehen, dass sie ihre Mitarbeiter verstärkt in ihrem sozialen Umfeld wahrnehmen.

    Es gäbe Anlass genug, darüber nachzudenken, ob den klassischen Strukturprinzipien der Gesellschaft (Personalität, Subsidiarität und Solidarität) ein noch zu entwickelndes Familiaritätsprinzip hinzuzufügen wäre. Denn wenn die Familie eine natürliche vorstaatliche Einrichtung ist, dann ist sie grundlegend für jede Gesellschaft. Sie ist die Brücke von der Personalität zur Sozialität. Ein Familiaritätsprinzip erscheint, jedenfalls auf den ersten Blick, legitim. Wir erleben schon seit Jahren die Grenzen unserer ökonomisierten Gesellschaftsordnung, die geprägt ist von einem Arbeitsbegriff, der nur die Leistung der Erwerbsarbeit wahrnimmt und der die Wahrheit über die Familie als Ressourcenquelle verdunkelt. Wenn wir uns nicht weiterhin demografisch abwickeln wollen, müssen wir uns gemeinsam dazu durchringen, eine familiaristische Gesellschaftsordnung zu entwickeln. Wie immer es weitergeht: Die Familie hat nichts zu befürchten. Als vorstaatliche Einrichtung ist sie logischerweise auch nachstaatlich. Deshalb hat sie schon manche Weltreiche kommen und gehen sehen.