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    Physik darf Gott nicht ignorieren

    Sollte man aus grammatischen Gründen auf die Bibel verzichten? Die Idee klingt so absurd, dass nur ein Genie darauf kommen kann. Der atheistische Physiker Stephen Hawking (71) muss jedenfalls schon früh von religiösen Vorbehalten infiziert gewesen sein. Denn als sein Hauslehrer auf Mallorca den Zehnjährigen täglich aus der Bibel vorlesen und Aufsätze darüber schreiben ließ, um die Schönheit der englischen Sprache zu demonstrieren, meinte der Schüler einmal, gute Sätze dürften doch nicht mit „Und“ anfangen. Warum er dann in der Bibel lesen müsse, obwohl in ihr doch viele Sätze mit „Und“ beginnen. Aber der Lehrer ließ nicht ab, und so gab es für Hawking „keine Möglichkeit, Einspruch zu erheben“. So beschreibt es Hawking in seiner jetzt erschienenen Autobiographie „Meine kurze Geschichte“. Hawking spielt in seiner Biographie auch immer wieder Physik gegen Religion aus. Er erklärt seine Vorbehalte nicht, sie erscheinen dem Naturwissenschaftler offenbar als selbstverständlich, was wiederum nicht selbstverständlich ist.

    Stephen Hawking bei einem Vortrag; dahinter ein Blick in das Universum, dessen Schöpfung er durch Physik erklären möchte... Foto: dpa

    Sollte man aus grammatischen Gründen auf die Bibel verzichten? Die Idee klingt so absurd, dass nur ein Genie darauf kommen kann. Der atheistische Physiker Stephen Hawking (71) muss jedenfalls schon früh von religiösen Vorbehalten infiziert gewesen sein. Denn als sein Hauslehrer auf Mallorca den Zehnjährigen täglich aus der Bibel vorlesen und Aufsätze darüber schreiben ließ, um die Schönheit der englischen Sprache zu demonstrieren, meinte der Schüler einmal, gute Sätze dürften doch nicht mit „Und“ anfangen. Warum er dann in der Bibel lesen müsse, obwohl in ihr doch viele Sätze mit „Und“ beginnen. Aber der Lehrer ließ nicht ab, und so gab es für Hawking „keine Möglichkeit, Einspruch zu erheben“. So beschreibt es Hawking in seiner jetzt erschienenen Autobiographie „Meine kurze Geschichte“. Hawking spielt in seiner Biographie auch immer wieder Physik gegen Religion aus. Er erklärt seine Vorbehalte nicht, sie erscheinen dem Naturwissenschaftler offenbar als selbstverständlich, was wiederum nicht selbstverständlich ist.

    Eine subjektive Deutung gibt Hawking mit seiner Biographie selbst. Er hält sich offenbar einiges darauf zu Gute, wenn er gleich zu Beginn schreibt: „Ich wurde am 8. Januar 1942 geboren, genau dreihundert Jahre nach Galileis Tod.“ Später in seinem Buch kommt er noch einmal auf Galilei zurück, als ihm die Päpstliche Akademie der Wissenschaften die Pius-XI.-Medaille in Anwesenheit von Papst Paul VI. verliehen hatte: „Zunächst war ich versucht, die Auszeichnung empört abzulehnen, doch dann musste ich zugeben, dass der Vatikan ja am Ende doch seine Auffassung über Galilei geändert hatte.“ Aber trotz dieser Einsicht scheint er doch unversöhnlich gegenüber dem Glauben geblieben zu sein. Dass er schon als Kind wissen wollte, „wie Dinge funktionieren“, kann nicht der wirkliche Grund hierfür sein. Als Junge träumte er, wie andere auch, von Modelleisenbahnen und kaufte sich als Jugendlicher eine Bahn von seinem zusammengesparten Geld. Später kamen dann Modellflugzeuge und -schiffe dazu. „Mein Ziel war es immer, Modelle zu bauen, die ich steuern konnte. Und dann macht er bald einen interessanten Eintrag, der tief auf sein Inneres schließen lässt: „Seit ich mit meiner Promotion begann, konnte ich dieses Bedürfnis in der kosmologischen Forschung stillen. Wenn man weiß, wie das Universum funktioniert, beherrscht man es in gewisser Weise.“ Wollte er nicht Gott spielen? Auf jeden Fall war er auch später der Meinung, dass es die Naturgesetze sind, die das „Universum regieren“: „Ich war mir sicher, dass es fast jeden interessiert, wie das Universum funktioniert, nur können die meisten Menschen keine mathematischen Gleichungen verstehen. Ich selbst mache mir nicht viel aus Gleichungen... Ich denke eher in Bildern.“

    Entscheidend sind aber in der Naturwissenschaft doch die Gleichungen und da sollte Hawking wissen, dass er Gott nicht ausrechnen kann, wie schon die Mathematiker Gödel, Church, Turing und andere gezeigt haben, weil die Berechnungen von Wahrheitsfragen in der Mathematik nie an ein Ende kommen (DT vom 23.8.). Zwar geht in diesen Tagen das Dokument eines Gottesbeweises von Kurt Gödel durch die Medien. Allerdings setzt Gödel in seinen Berechnungen einfach voraus, das Gott nur aus positiven Eigenschaften bestehe, wobei sich die Frage ergibt, wie man im Denken von einer Eigenschaft zur nächsten kommt, ohne durch Abgrenzung, die in der klassischen Philosophie als negatio verstanden wurde. Also scheitert auch dieser angeblich wissenschaftliche Beweis, der damit dem Glauben Platz macht, in dem sehr wohl alle Eigenschaften Gottes positiv sind.

    Dass Hawking in Kosmologie promoviert hatte, legt sein Interesse an den letzten Ursachen des Universums nahe. 1962 kam er als Doktorand nach Cambridge. Er beschäftigte sich dann viel mit schwarzen Löchern und der Steady-State-Theorie, nach der sich das Universum zwar ausdehne, aber die Materie sich nicht in ihrer Dichte verändere, weil immer neue Materie entstehe. Hawking bevorzugte Lösungen, die „lästige Frage nach der Schöpfung des Universums“ vermieden. Diese Frage wollte Hawking nur als physikalische zulassen. So formulierte er die „Kein-Rand-Hypothese“, wonach das Universum ein in sich geschlossenes Ganzes ist: „Nach der Kein-Rand-Hypothese, schreibt Hawking, „gleicht der Anfang des Universums dem Südpol der Erde, wobei die Breitengrade die Rolle der imaginären Zeit spielen. Das Universum beginnt gleichsam als Punkt am Südpol. Nach Norden hin expandieren die Breitenkreise, die die Größe des Universums darstellen. Die Frage danach, was vor dem Anfang des Universums war, verliert damit ihren Sinn, weil es nichts südlich des Südpols gibt.“ So einfach glaubt Hawking die Schöpfung und damit Gott ausklammern zu können, womit er ganz im mainstream der Moderne liegt, die mit einer immanenten Weltdeutung jegliche Transzendenz auszuschalten versucht. Dass Hawking vorgibt, mit seiner Lehre selbst die Schöpfung erklärt zu haben, ist das Zynische dieser Theorie: „Die Kein-Rand-Theorie ist der Schlüssel zur Schöpfung, zur Antwort auf die Frage, warum wir sind.“ Diese Antwort gibt sie gerade nicht, weil es bei der Frage nach dem Universum auch um den Ursprung der Materie geht. Die Urknall-Theorie ist also nichts anderes als eine immanente Erklärung des Weltganzen.

    Als weitere physikalische Theorie nennt Hawking ausführlich das Zeitreisen, dem er skeptisch gegenübersteht. Er nennt das „Großvaterparadox“, das danach fragt, „was geschieht, wenn Sie in der Zeit zurückgehen und Ihren Großvater umbringen, bevor er Ihren Vater gezeugt hat. Würde es Sie dann noch in der aktuellen Gegenwart geben“. Diese Reise scheitere jedoch an der Frage der Energie.

    Hawking schreibt auch ausführlich über seine schwierige Kindheit. Über die finanziellen Probleme seiner Eltern, den sparsamen Vater, der aus Kostengründen im Haus keine Zentralheizung einbauen wollte und lieber mehrere Pullover übereinander trug. Dass die Eltern vor Stephens Geburt 1942 nach Oxford gezogen waren, weil die Nationalsozialisten garantiert hätten, Oxford und Cambridge zu verschonen, und die Engländer im Gegenzug Heidelberg und Göttingen nicht angreifen wollten. Dass er oft einsam war als Junge, auch auf der „Highschool for Girls“, die er besuchte. Er schämte sich oft für seine Eltern, auch weil sein Vater wegen des Geldmangels ein Londoner Vorkriegstaxi gekauft habe, das in einer selbstgebauten Wellblechbaracke untergestellt wurde. Auch über die Schwierigkeiten in seinen beiden Ehen erzählt Hawking, der immer umsorgt werden muss.

    So wie Hawking seine Meinung über die Kirche bezüglich Galileis gemäßigt hatte, so berichtete die britische Zeitung „The Guardian“ am Mittwoch, Hawking hätte auch seine Auffassung zur Sterbehilfe geändert. Neuerdings tritt der seit seinem 21. Lebensjahr an der Lou Gehring-Krankheit Leidende für das Lebensrecht der Menschen ein, die für unheilbar krank erklärt werden. Ihm selbst hatten Ärzte damals nur eine Überlebenschance von zwei bis drei Jahren zugestanden. Vielleicht, so darf man für Hawking hoffen, findet er schließlich doch noch den Weg zu Gott.

    Das neueste Buch von Stephen Hawking heißt: Meine kurze Geschichte. Rowohlt Verlag, 150 Seiten, ISBN-13: 978-3498030254, EUR 19,95